Gedanken

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger
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Raphael Nadler, Chefredaktor

Wird der Bundesrat vom Volk gewählt?

Die vielen Wahlplakate entlang der Stras-sen führen dazu, dass sich unsere beiden Kinder (10 und 8 Jahre alt) spielerisch mit der Politik befassen. Sind wir im Auto, werden viele Plakate kommentiert. «Alex kenne ich», so meine Tochter, «er war der OK-Chef des Turnfests in Aarau». Tobias erkennt sie auch, er hat uns mit seiner Wahlempfehlung auch ein Säcklein «Gummibärli» mitgeschickt. Auch Karin erkennen die Kinder, sie haben wir in den Skiferien getroffen. Und Robert ist ihr Velomechaniker, wenn Mama oder Papa nicht mehr helfen können.

Die Kinder schauen genau auf die Plakate. «Ist Suzanne nicht falsch geschrieben, Papa», will mein Sohn wissen. «Dürfen auch Kinder gewählt werden?», fragt die Tochter. Sorry Nico! «Nein, die Kandidaten müssen am Wahltag 18 Jahre alt sein. Viele sind gar viel älter», erkläre ich. «Warum hat es so wenig Frauen?», fragt die Kleine fast vorwurfsvoll. Darauf habe ich so auf die Schnelle keine plausible Antwort. «Der Dieter hat am meisten Plakate», sind sich unsere beiden Kinder für einmal einig. «Der muss bestimmt viel Geld haben».

Am Abend geht die Staatskunde in eine weitere Runde. Wir füllen gemeinsam am Esszimmertisch die Wahlunterlagen aus. Mit Leuchtstiften kreisen die Kinder die Kandidierenden, die sie kennen, oder wiedererkennen, auf den Prospekten der Parteien ein. «Sind das alles Schweizer?», will mein Sohn wissen. Ich kann ihn beruhigen, es sind alles Schweizer. «Auch die, mit Namen, die uns nicht oder noch nicht geläufig sind.» 

Stolz präsentieren die Kinder eine Liste ihrer Kandidatinnen und Kandidaten, die sie gerne wählen würden. Was folgt, ist die grosse Enttäuschung: In unserem Wohnbezirk hat es nur Platz für 15 Kandidierende auf der Liste. Das grosse Feilschen beginnt. Zählt das Können des Velomechs mehr als die Gummibärli des Arztes, löst die Ferienbekanntschaft mehr Emotionen aus, als die Mutter eines Schulfreunds? Unfair sei es, finden beide Kinder, dass 15:2 nicht aufgeht und sie so nicht gleichviele Frauen und Männer auswählen können.

Als Papa noch etwas von «streichen» und «doppelt auf die Liste schreiben» erzählte, schlägt der Sohn vor, das aufs nächste Mal zu verschieben. Zufrieden kleben die Kinder «ihr» erstes Wahlcouvert zu und werfen es in den Gemeindebriefkasten. «Wird der Bundesrat eigentlich auch von uns gewählt?», will die Tochter auf dem Nachhauseweg wissen. «Nein», muss ich sie enttäuschen. «Auch wenn es einige Wähler in unserem Land nur allzugerne tun würden.»