Gedanken

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Raphael Nadler, Chefredaktor

Zug fahren ist wie impfen

Ich liebe Zug fahren. Ich liebe die Möglichkeit, sitzend von A nach B zu kommen, ohne etwas dafür tun zu müssen. Ich liebe es, wenn die Landschaft an mir vorbeizieht. Ich liebe es, im Zug die Seele baumeln zu lassen. Vielleicht liegt meine Liebe zum Zugfahren daran, dass ich nur einen Nuggiwurf vom Bahngleis entfernt aufgewachsen bin. Vielleicht auch daran, dass mein Grossvater Bähnler und meiner Grossmutter keine Bahnreise zu weit war.

Lokführer war lange mein Traumberuf. Auch der meines besten Freundes Andreas. Er hat es durchgezogen. Wurde Lokführer mit Leib und Seele. Ich beneidete ihn. Doch seit kurzem ist es umgekehrt. Andreas will weg von der Bahn. Ein Unbekannter hat sich auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke vor seinen Zug geworfen. Andreas war machtlos. Die Bilder bringt er nicht mehr aus dem Kopf. Nun will er Pilot werden.

Ich bleib lieber auf dem Boden, fahre im Zweit-Klass-Abteil und lausche den Gesprächen der Fahrgäste. Neulich gings hinter mir um Sparmöglichkeiten bei Bahntickets. 3 Franken 60 spare er pro Fahrt von Zofingen nach Luzern, triumphierte der eine. Dass er dafür aber zuerst in Olten Anlauf holen muss, entlockte seinem Gegenüber ein Lachen. Schlaf sei ihm mehr wert als Geld, entgegnete er.

Richtig teuer ist das Zugfahren in der Schweiz eh nicht. Jedenfalls, wenn man es mit Kanada vergleicht. Dort kostet eine Zweitagestour mit dem «Rocky Mountainer» von Vancouver nach Jasper über 2000 Schweizer Franken. Zugegeben, es ist eine organisierte Erlebnistour durch die Berge, teilweise im Schritttempo und mit Übernachtung im Viersterne-Hotel. Die Ankunftszeiten etwa so ungenau wie die der Deutschen Bahn. Meist nur auf den Tag genau.

Dass ich einen Zug verpasst habe, rettete mein Leben. Es könnte aber auch mein ehemaliger Schulfreund gewesen sein. Ihn traf ich zufällig und ging mit ihm auf ein Bier. Fakt ist: Ich plante die Zugfahrt von Olten nach Aarau in dem Regionalzug, der am 21. März 1994 von einem Baukran aufgeschlitzt wurde. 9 Menschen starben. 21 weitere wurden teilweise schwer verletzt. Eine davon eine gute Bekannte. Trotz Spitalaufenthalt und vielen Narben am Körper fährt sie weiterhin gerne Zug.

Zurzeit vergleiche ich Zugfahren oft mit Impfen: Ich machs, obwohl ich nicht zu 100 Prozent weiss, wieʼs ausgeht, denn ich glaube an das Gute.