Versteh einer die Welt

Passiert ist es an einem Anlass, den ich beruflich besuchte. Ein Apéro in einem Gewerberaum, viele Leute, alle sprechen durcheinander und erzeugen so einen murmelnden Stimmenteppich. Mein Gegenüber, kein Geringerer als der Gemeindeammann des Gastgeberortes, erzählt mir etwas. Bei mir angekommen ist – nichts. Kein Wort von dem, was er sagte, hat mein Ohr erreicht.

Tage später im hektischen Grossraumbüro des Landanzeigers, der Chefredaktor fragt mich etwas, wieder habe ich nur das eine oder andere Wort heraushören können. «Was ist hier los?», frage ich mich und suche den Rat des Meisters der Ferndiagnose: meines Freundes Fredy. Beim zweiten Klingeln meldet er sich mit dem typischen «ich höre», wie es Tatort- Kommissar Borowski auch immer sagt. «Ich dich auch, Fredy!», antworte ich erleichtert. «Bitte was?», fragt er. «Ich höre dich auch!», sage ich und erkläre ihm in ein paar Sätzen die Situation. Für ihn ist schnell alles klar: Die hohen Töne höre ich noch problemlos, also die Vögel oder weibliche Stimmen. Hingegen je nach Räumlichkeit die tiefen Töne nicht mehr so gut, Männerstimmen zum Beispiel.

Das komme wahrscheinlich vom jahrelangen Rock ’n’ Roll, von unzähligen Konzertbesuchen. Nicht gut fürs Gehör, meint Fredy. Er sieht eine Lösung: «Du brauchst ein Hörgerät!», bringt er mir schonend bei. «Was sagst du?», stelle ich reflexartig auf stumm und merke, dass sich hier soeben eine neue Möglichkeit in meinem Leben öffnen könnte. Ich könnte nur noch das hören, was ich will. Alles andere nicht mehr. Selektive Schwerhörigkeit. Genauso war es einst bei meiner Mutter, kommt mir in den Sinn. Sie hat im Alter nichts mehr gehört. Dachten wir jedenfalls. Komischerweise aber hat sie dann genau das gehört, was eigentlich nicht für ihre Ohren bestimmt war. Werde ich diese «Familientradition » weiterführen?

«Dann bringst du auch ständig die Begriffe durcheinander», tadelt mich Fredy. «Hören und Verstehen sind nicht das Gleiche. Schau: Du verstehst etwas nicht, aber gehört hast du es durchaus», erklärt er. «Ich weiss, was du meinst», nicke ich. «Seit Wochen höre ich abends zwar die Meldungen der Tagesschau, aber mein Kommentar dazu lautet: ‹Ich verstehe das alles nicht.›» – «Genau», sagt Fredy. «Aber falls es dich tröstet, auch ich verstehe die Welt nicht mehr.»

Hier geblieben

Man muss den anderen nicht alles nachmachen. An Ostern in den Süden fahren zum Beispiel. Es muss eine Qual gewesen sein, so erfahre ich im Radio, als ich über die Ostertage daheim im Liegestuhl liege und halbstündliche Meldungen über Länge (maximal 22 km) und Wartezeiten (maximal 3:40 Stunden) des Staus vor dem Gotthard höre. Meine Gefühlslage schwankte zwischen Schadenfreude und Mitleid.

Experten erklären mir am Radio, dass die Menschen nach zwei Jahren Pandemie jetzt den Drang sehr stark verspüren, zu verreisen. Mag sein, aber ich verspürte diesen Drang auch vor der Pandemie nicht. An Ostern in den Süden zu fahren, wohl wissend, dass da der grosse Stau wartet und später das Tessin «ausgebucht» meldet, wo man also kaum einen Platz im Restaurant findet, sich am See nicht auf eine Sitzbank setzen kann, wo im Hotel beim Frühstück alle Plätze schon besetzt sind – dies erschien mir noch nie reizvoll.

Bis auf eine Ausnahme: Ein einziges Mal bin auch ich über Ostern ins Tessin gefahren. Vor über 30 Jahren, vier Jungs in ihren Zwanzigern. Und ich muss zugeben: Das war lustig! Die Eltern eines Freundes hatten ein Haus in Olivone. Der Stau war für uns ein Teil des Erlebnisses. Als wir ihn bei der Hinfahrt erreichten, wurde gejubelt. Wir gehörten dazu, kamen im Radio. Wir kurbelten die Fenster hinunter und riefen: «Stau zäme!» und tranken Bier mit Leuten vor oder hinter uns, die wir nicht kannten. Gut, das war so lange lustig, bis jemand dringend auf die Toilette musste. Und bei solchen Staus muss immer jemand auf die Toilette. Weitere Details erspare ich Ihnen.

An die Ostertage damals im Tessin, an unsere Hauspartys und Ausflüge, erinnere ich mich nur vage. Hingegen noch sehr gut an dieses ständige mulmige Gefühl, irgend einmal wieder nach Hause zurück zu müssen, den drohenden und unausweichlichen Stau auf der Rückreise vor Augen.
Bei der Heimfahrt betrachtete ich aus dem Stau heraus die wenigen Autos, die ungehindert Richtung Süden düsten, und in mir reifte damals der Gedanke, dass man eindeutig besser fahren würde, wenn man das Gegenteil tut von dem, was alle tun.

All dies kam mir jetzt wieder in den Sinn, über Ostern im Liegestuhl, beim Radiohören. Nein, man muss den anderen nicht alles nachmachen, dachte ich und bewegte mich in Richtung Kühlschrank – staufrei.

Endlich Junior Controller

Zugegeben, mein Englisch ist nicht das Gelbe vom Ei, aber es geht. Oder, wie es einst ein deutscher Aussenminister gesagt haben soll: «My english is not the yellow of the egg, but it goes!» Gut, ein deutscher Aussenminister müsste die englische Sprache eigentlich viel besser beherrschen als ein Landanzeiger-Redaktor. Schliesslich pflegen wir hier bei der Zeitung eine einfache und verständliche Sprache, möglichst ohne Fremdwörter.

So könnte man vermuten, dass ich beim Landanzeiger ohne Englisch locker über die Runden kommen müsste. Aber so easy ist es dann auch wieder nicht. Der Teufel liegt bekanntlich im Detail, oder eben: the devil lies in the detail. Längst ist auch mein Arbeitsalltag voll von englischen Fachausdrücken. So publizieren wir keine Inhalte mehr, sondern «content». Hatte ich früher ein Mittagessen mit dem Abteilungsleiter, geht es heute mit dem Senior Manager zum Business Lunch. Und wie lautet noch mal der neue Berufstitel der Kollegin?

Immer mehr passiert es mir, dass ich nur noch Railwaystation verstehe, also Bahnhof. Manchmal frage ich meinen direkten Vorgesetzten Raphael um Rat und der übersetzt mir das Wichtigste. Komisch eigentlich, dass er immer noch Chefredaktor ist und nicht längst CIO, also «Chief Information Officer». Vieles wäre einfacher, wenn eine Geschäftsleitung und der Direktor oder die Direktorin wieder als solche bezeichnet würden.

Das Ganze muss ich unbedingt mit meinem Freund Fredy besprechen. Bevor er in seine «Easter Holidays» geht, treffe ich ihn in einem Pub. Dort, surprise surprise, spricht die Bedienung auch durchwegs englisch. Aber: Don’t panic! Fredy jedenfalls bestellt ganz gekonnt ein «Pint of Guinness, please!». Von der Bierauswahl und der Sprache überfordert, ist mir nun alles so was von Wurst (that is me so what of sausage), ich halte meinen Rücken gerade und bestelle auf Schweizerdeutsch «es Grosses». Und oh Wunder: der Barkeeper nickt und zapft für mich ein ganz normales Lagerbier in ein Pintglas. Auch er weiss offenbar: Manchmal braucht der Mensch einfach ein Bier, oder einen Kaffee.

Dann sagt Fredy, er habe heute nicht viel Zeit, höchstens dieses eine Bierchen, er müsse spätestens um halb sieben den Sohnemann hüten, weil seine Frau ins Yoga geht. «Ah, ich weiss», sage ich, «du bist jetzt endlich Junior Controller!».

Fredys Wutrede

«Gerade jetzt, wo nach zwei mühsamen Jahren die Corona-Zeit endlich langsam zu Ende geht, fängt dieser Wahnsinnige einen Krieg an!» Fredy steht unter Strom, ist wütend wie selten. Wir sitzen zur Feierabendzeit in einem Lokal in der Altstadt und trinken einen guten – aber vielleicht für manchen zu starken – Espresso. Zehn Minuten lang dauerte Fredys Wutrede vorhin, die Flüche emotional, laut und alles andere als druckreif. Zum Runterkommen bestelle ich uns deshalb ein normales Bier.

«Wieso sagst du nichts dazu?», will ein immer noch voller Adrenalin stehender Fredy wissen. «Weil ich keine Worte habe, Fredy, und weil ich immer davon ausging, dass es niemanden gibt auf der Welt, der im Ernst so etwas will», flüstere ich beinahe und ich bin froh, dass in diesem Moment das Bier serviert wird.

Unser Treffen habe ich mir anders vorgestellt: das Thema vermeiden und über ganz andere Dinge sprechen. Doch so verläuft derzeit fast jedes Gespräch, beim Einkaufen, am Arbeitsplatz, mit Nachbarn, Freunden und Bekannten. Uns alle beschäftigt es, viele haben Angst, sind erschüttert und versuchen zu verstehen, wollen irgendetwas dagegen tun, sehr viele wollen helfen. Dies berührt mich persönlich sehr. Das sage ich Fredy. Bei allem Elend, diese zum Teil heftigen Reaktionen von Politik und Wirtschaft weltweit gegen das, was gerade passiert, das macht mir Mut. Vor allem auch die weltumspannende Hilfsbereitschaft. Ehrlich gesagt, hätte ich der Welt nicht mehr so viel Menschlichkeit und Herz zugetraut. Eine starke Antwort auf einen Krieg, den niemand will.

Offenbar habe ich zehn Minuten lang ohne Punkt und Komma geredet. Als mir dies bewusst wird, sehe ich, dass mich Fredy mit grossen Augen ansieht. «Du hättest Pfarrer werden sollen», meint er nach einem Moment des Schweigens, nun deutlich entspannter. Seine Wutrede hat mich zu einer Friedensrede animiert. Die Welt haben wir dadurch nicht gerettet, aber es hat uns befreit.

Augenblicke später kommt zwischen zwei hohen Häusern die Sonne hervor und wir drehen gleichzeitig wie zwei Synchronschwimmerinnen unsere verwinterten Gesichter hoffnungsvoll an ein Fenster, durch das uns eine zaghafte Frühlingssonne wärmt. Danach erzählten wir uns eine Stunde lang ausgiebig und genüsslich den neusten Klatsch und Tratsch aus seinem und meinem Leben.

Der Lauf der Dinge

Um die Ecke stinkt es ein bisschen. Das Pissoir-Häuschen gleich rechts neben dem Eingang ins Stadion Brügglifeld ist der Ort, wo sich die männlichen Matchbesucher in eine Reihe stellen und es laufen lassen. Und wenn sie so dastehen und es laufen lassen, dann reden sie miteinander, nach links und rechts, mit Bekannten und Unbekannten, über Gott und die Welt und über den FC Aarau.

Es ist Sonntag, der 13. Februar 2022. FC Aarau gegen FC Thun. Es könnte aber auch 1980 sein. Als kleiner Junge war ich damals zum ersten Mal im Brügglifeld. Seitdem immer wieder. Hier hat sich die letzten 40 Jahre nicht viel verändert. Schon bei meinem ersten Besuch war das Stadion alt, zu alt, viel zu alt. Was haben wir uns damals darüber geärgert und auch ein bisschen geschämt. Alle anderen Nati-AClubs hatten damals schon neuere und grössere und modernere Stadien. Heute haben all diese Clubs noch neuere und noch grössere und noch modernere Stadien. Nur der FC Aarau nicht. Und wahrscheinlich noch lange nicht. Denn seit Jahren wird gemauert statt gebaut.

Aber hey, keine Nostalgie jetzt. Auch für Fan-Alteisen wie mich gilt, sich langsam aber sicher vom geliebten Brügglifeld zu verabschieden und sich auf das neue Stadion beim Bahnhof zu freuen. Die Frage, die mich bewegt: Sind all diese Emotionen, die grossen Siege, die schmerzhaften Niederlagen, die wir seit Jahrzehnten im Brügglifeld so hautnah erleben und von denen der Fussball lebt, dann auch im Torfeld Süd in der gleichen Intensität erlebbar? Wahrscheinlich nicht. Es gibt jedoch keine Alternative. Ohne neues Stadion gibt es keinen Profifussball mehr in Aarau. Der moderne Fussball braucht ein modernes Stadion, verlangt der Verband.

Wie kann man möglichst viel Brügglifeld-Karma ins Torfeld Süd mitnehmen, fragen sich die Fans. Das komme dann schon mit den Jahren, heisst es von den Planern. Wobei: Das Torfeld Süd soll eine 1:1-Kopie des Xamax-Stadions sein. Mon dieu!

Solcherlei diskutiert man entweder beim Pausenbier ennet dem Stadtbach im «Jufer», wie die alten Fans den «Sportplatz» immer noch nennen. Oder eben im Pissoir, dem Quell aller News und Gerüchte rund um den FC Aarau. «Dieses Pissoir nehmen wir dann mit ins Torfeld Süd!», meint genau dort am Sonntag nach dem 2:0-Sieg einer und alle in der Reihe nicken und lachen und lassen es laufen.

Ewiges «Wetten, dass …?»

Top, die Wette gilt! Haben Sie das auch gehört: Jetzt wollen sie im Fernsehen wieder ein «Wetten, dass …?» machen. Mit dem ewigjungen Thomas Gottschalk. Darauf kann man sich freuen; oder auch nicht. Also nichts gegen «Wetten, dass … ?», diese grosse Samstagabend-Fernsehkiste habe ich geliebt. Früher. Wenn der goldgelockte Thomas Gottschalk sich dauergrinsend vom Plaudersofa erhob, ein Kärtchen zückte, in die Kamera lächelte und vorlas (ich zitiere frei aus der Erinnerung heraus): «Wetten, dass Paul Accola mit seinem Menzi-Muck-Bagger es schafft, sechs gekochte Eier mit dem an der Baggerschaufel angebrachten Messer in drei Minuten fachgerecht zu köpfen?» Aber sicher schafft das unser Accola Paul, rief damals die ganze Nation vor dem TV-Gerät. Und Päuli lieferte das auch locker ab.

Kaum war diese Meldung einigermassen verdaut, meldete sich das Schweizer Fernsehen und verkündete: Auch «Benissimo» kommt wieder! Mit Beni Thurnheer. Ja super, entfährt es mir, kommt denen vom Fernsehen nichts Neues mehr in den Sinn?

Mal angenommen, Sie wären Fernsehdirektorin oder -direktor, hätten Sie auch «Benissimo» aus der Versenkung gehoben? Oder vielleicht doch eher den «Tell Star», wenn es schon der Beni sein soll? Oder gar den grossen Schweizer Strassenfeger: den «Teleboy». Das wäre cool gewesen! Natürlich, Kurt Felix lebt leider nicht mehr, aber vielleicht hätte Paola die Show moderieren wollen? Mit Rainer Maria Salzgeber, Sandra Studer oder mit wem auch immer. Warum nicht?

Die aktuelle Diskussion jedenfalls weckt Erinnerungen an schöne Unterhaltungssendungen von früher: etwa an «Dalli Dalli», das schnelle Ratespiel mit Hans Rosenthal; oder an Robert Lembkes «Was bin ich?» («Welches Schweinderl hättens denn gerne?»); oder an «Am laufenden Band» mit Rudy Carrell («Und das wäre Ihr Preis gewesen!»), an «Verstehen Sie Spass?», an die «Montagsmaler» mit Frank Elstner, die «ZDF Hitparade» mit Dieter Thomas Heck und später «RTL Samstag Nacht» («Danke Anke, zurück zu Lück»).

Leider leben die Showmaster zum Teil nicht mehr. Und die, die noch leben, sitzen vielleicht zufrieden hinter dem Haus auf einem alten Liegestuhl und möchten nicht gestört werden. Sie haben längst Platz gemacht für die junge Generation – und das ist gut so.

… wenn man trotzdem lacht

Lachen sei die beste Medizin, so heisst es. Dies verkündete einst sogar ein Bundesrat: «Rire c’est bon pour la santé.» Weil er dies jedoch so todernst in die Kamera sprach, mussten wir alle lachen. Tagelang klopfte sich das Volk vergnügt auf die Schenkel. Ja, damals hatten wir noch Grund zum Lachen. Und heute? Eher schwierig. Was gibt es zu lachen in diesen Zeiten? Und: darf man überhaupt?

Genau diese Frage wurde vor ein paar Wochen auch dem Direktor des Arosa Humorfestivals gestellt. Frank Baumann antwortete, dass es genau dann wichtig sei zu lachen, wenn es nichts zu lachen gäbe, und fügte an: «Humor ist eine ernste Sache.» Der britische Komiker John Cleese von Monty Python sagte es so: «Das Wunderbare an echtem Lachen ist, dass es einfach jede Art von System zerstört, das Menschen trennt.»

Bloss, das mit dem Humor ist so eine Sache, genauer gesagt eine Geschmacksache. Nicht alle finden diesen oder jenen Komiker lustig. Mario Barth oder Dieter Nuhr? Peach Weber oder Emil? Nicht alle lachen bei diesem oder jenem Witz und nicht alle sind empfänglich für feinen englischen Humor oder für einen deftigen Schenkelklopfer-Bauernschwank des Dorftheaters.

Wo ich immer lachen muss, wirklich immer und jedes Jahr von neuem, ist bei «Dinner for one». Vielleicht, weil der alte Sketch von anno dazumal in Schwarz-Weiss immer am Silvesterabend läuft. Am letzten Tag des Jahres wird hierzulande viel gelacht. Mir scheint, man möchte das alte Jahr mit aller Macht und Wucht einfach und endgültig weglachen.

Lachen Sie gerne über Pleiten, Pech und Pannen Ihrer Mitmenschen? Bitte sehr: Am Silvesterabend war bei mir nix mit «Dinner for one» kucken. Ich lag mit Fieber und Schüttelfrost im Bett. Die Boosterimpfung vom Vortag forderte ihren Tribut. Statt Festessen, Tischbombe und Prosecco gab es Minzentee und Zwieback. Schlechtes Timing, sehr schlechtes Timing. Augen auf bei der Buchung des Booster-Termins! Und als ich endlich schlafen konnte, ging um Mitternacht die grosse Böllerei los. Nach kräftigem Ärgern und Fluchen musste ich dann doch auch ein bisschen über diese Situation schmunzeln und sprach zum Kater, der sich in der Zwischenzeit unter dem Bett verkrochen hatte: «Frohes neues Jahr, Billi, weisst du, rire c’est bon pour la santé!»

Glühwein-Booster

Fredy steht da, jammernd und schimpfend wie ein Rohrspatz. Das mit der Adventsstimmung wolle ihm in diesem Jahr überhaupt nicht gelingen, meint er murrend und legt noch einen drauf: «Von mir aus kann Weihnachten dieses Jahr ausfallen!», posaunt er lauthals.

Ungläubig starre ich ihn an. Keine Ahnung, was ihm da jetzt wieder über die Leber gekrochen ist. Eigentlich ist nicht der Moment, um Trübsal zu blasen, denn wir besuchen zu zweit einen wunderschönen Weihnachtsmarkt – ohne unsere Frauen – und stehen nun mit einem Glühwein am Stehtisch. Rund um uns herrscht eine überaus friedliche Stimmung.

Eigentlich ein schöner Moment also. Eben wollte ich ihm gestehen, dass es mir hier sehr gut gefalle, dass mir unser gemeinsamer Abend überaus gut täte und dass Adventsmärkte gerade in Zeiten wie diesen wichtiger sind denn je, damit wir wieder mal auf andere Gedanken kommen.

Aber nicht bei Fredy. Bei ihm klappt das an diesem winterlichen Abend Anfang Dezember offensichtlich ganz und gar nicht mit dem «auf andere Gedanken kommen». Im Gegenteil.

Er nippt zwar kräftig am Glühwein und hat zuvor an diesem oder jenem Stand auch dieses oder jenes Weihnachtsgeschenk eingekauft für diesen oder jenen Verwandten. Doch er murrt weiterhin quängelnd herum wie ein kleines Kind. Nichts sei o.k., schimpft er weiter. «Schau dir die Leute an», faucht er und blickt in die Runde, wo zufriedene Menschen alleine, zu zweit oder als Familie die schöne Stimmung geniessen. «Wie können sie alle nur so tun, als ob es die ganze Krise nicht gäbe», schimpft er.

«Sie sind hier», so versuche ich ihm meine Sicht zu erklären, «weil es ihnen und mir und hoffentlich dir auch guttut, für ein paar Stunden abgelenkt zu sein und ein Stück schöne heile Welt zu erleben. Du kennst mich, Fredy», sage ich und schaue ihm offen in die Augen, «wenn es jemanden gibt, der allergisch ist auf eine solche künstliche heile Welt, dann bin ich es – aber dieses Jahr brauche ich sie auch, und zwar dringlicher denn je und wenn es nur dieser Moment ist, hier mit dir, Fredy, am Glühweinstand, du glaubst nicht, wie wichtig mir das ist, und zur Feier des Tages gibt es für uns beide jetzt noch einen dritten Glühwein – quasi unser Booster für die Adventszeit.» Wir lachen und mir scheint, Fredy ist wieder einigermassen in der Spur.

Die Rache des Heinz

Eigentlich ist es nicht so schlimm, wenn man Heinz heisst. Es gibt schlimmere Vornamen. Meiner zum Beispiel. Da ist es spätestens im Kindergarten Schluss mit lustig. Ich sage nur: «Tri tra trallala.» Wahrscheinlich hat man es als Heinz etwas leichter.

Ausser vielleicht der Heinz heisst mit Nachnamen Ketchup. Dann ist das natürlich eine ganz andere Geschichte. Heinz Ketchup wird bei uns zu Hause nur Heinz genannt. «Wo ist Heinz?», heisst es da, oder: «Gib mir mal den Heinz rüber!», oder auf dem Einkaufszettel steht nicht Ketchup, sondern einfach nur Heinz: «Bring noch Heinz mit!» Essen wir auswärts Pommes mit Ketchup, rufen wir erfreut: «Ja schau mal, der Heinz, grüss dich!»

Längst hat Heinz bei uns einen festen Platz in der Familie. Heinz Ketchup steht bei uns, so wie es sich gehört, auf dem Kopf. Viele Jahre war sein Platz im Kühlschrank. Dort stand er Kopf neben Thomy. Den nannten wir komischerweise aber gar nicht Thomy, sondern wir verwendeten nur seinen Nachnamen: Senf! Mayonnaise! Nur Heinz wird bei uns persönlich angesprochen.

Heute steht Heinz in der Küche neben dem Olivenöl und dem Balsamico. Irgendwo haben wir gelesen, dass Heinz nicht im Kühlschrank leben muss, wenn man ihn innerhalb von 30 Tagen… wie soll ich es sagen, verbraucht? geleert? benutzt? verspeist hat? Sie wissen schon, bis Heinz «Flasche leer» hat.

Jahrelang lebten Heinz und wir einträchtig unter einem Dach. Seine Rache kam vor ein paar Tagen und völlig unerwartet. Als Krönung meines fertig gekochten Abendessens musste Heinz ran. Doch der bockte auf einmal, gab sich verschlossen, egal wie fest ich auf ihm herumdrückte. Er wollte seinen Inhalt nicht preisgeben. «Komm Heinz, jetzt sei mal nicht so verstopft, lass los!», sprach ich leicht missmutig zu ihm, drückte noch fester drauf – und da passierte es: Heinz liess los und sein Ketchup spritzte mit sehr viel Überdruck in den Teller und weit darüber hinaus, links und rechts auf den Tisch, auf mein Shirt, auf meine Hose und auf den Küchenboden – ein Chaos erster Güte. Gäbe es ein Foto davon, würde man sofort auf ein blutiges Verbrechen tippen.

Nach den Putzarbeiten und einem nicht mehr ganz so warmen Abendessen fasste ich einen Entschluss: Strafe muss ein, bestimmte ich und stellte Heinz wieder zurück in den Kühlschrank. «Sorry, Heinz!»

In Zeiten des zunehmenden Bauches

Mit der Firma an die Metzgete, dann bei einer Geburtstagsfeier ein Wildteller und schliesslich ein gemütlicher Fondue- und Racletteplausch im Kreise der Familie. Die letzten Wochen sind schuld daran, dass ich mein Weihnachtsgewicht bereits erreicht habe. Den Mahnfinger hebend, meldet der Verstand, dass es so nicht weitergehen kann. «Mehr davon!», fordert hingegen das Gemüt. Schliesslich ist ein schönes Essen mit Freunden und Familie das beste Mittel gegen den Novemberblues.

Es wäre ja alles im grünen Bereich wenn wir uns nun satt und zufrieden auf die Hüfte und den Bauch klopfen und uns wohlgenährt wie die Bären oder die Murmeltiere bis im Frühling in den Bau zum Winterschlaf hinlegen würden. Tun wir aber nicht. Können wir auch nicht, weil wir trotz erreichtem Winterschlafgewicht leider keine Bären und auch keine Murmeltiere sind.

Im Gegenteil: Es geht munter weiter, schon bald sitzen wir wieder am Tisch. Dann heisst es: Herzlich willkommen zum Weihnachtsessen mit dem Turnverein, der Firma, der Kommission oder der erweiterten Familie. «Wunderbar!», jubelt das Gemüt, «Obacht!», warnt der Verstand.

Offenbar hat diese Sehnsucht nach einer wärmenden Kürbissuppe, nach einem üppigen Herbstteller oder nach einer währschaften «Berner Platte» mit dem Wechsel der Jahreszeit zu tun. Während wir im Sommer nach Lebensmitteln verlangen, die uns kühlen und erfrischen, erzeugt der Abschied von den angenehmen Temperaturen ein starkes Bedürfnis nach Energie und Wärme. So beschreibt es Christian Seiler in der neusten Ausgabe im Magazin des Tagesanzeigers.

«Essen gut – alles gut!», steht auf einem kleinen Schild in unserer Küche. Hier sitze ich und denke auch an jene, die ganz andere Sorgen haben. An jene, die liebend gerne wieder einmal eine warme Mahlzeit hätten, das Geld aber hinten und vorne nicht reicht für eine warme Suppe. Dass es Institutionen gibt, die diesen Menschen helfen, also beispielsweise die Caritas oder die Schweizer Tafel, finde ich wunderbar. Es zeugt von einer sozialen Wärme, die es einfach braucht, damit unsere Gesellschaft funktioniert.

Oder anders gesagt: Wenn es draussen kälter wird, müssen wir es drinnen warm haben, in der Küche, im Herzen und im Magen.

«Gefällt mir»

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Im Internet geht’s mir gleich wie im Keller: wenn ich dort bin, weiss ich nicht mehr, warum ich mich auf den Weg hierhin machte. Was ich im Keller wollte, habe ich auf dem kurzen Weg die Treppe hinunter vergessen. Nun stehe ich ziemlich hilflos hier, kratze mich am Kopf und komme mir ziemlich doof vor.

Stunden zuvor erging es mir im Internet noch schlimmer. Auf dem Weg zum Wetterbericht klickte ich schon an der ersten Ecke etwas an – und weg war ich. Eine Push-Meldung hatte meine Aufmerksamkeit geweckt und mich auf ein Newsportal gelotst. Dort las ich aber nur kurz, weil die angekündigte Sensation dann doch keine war. Aber ich blieb hängen und die Reise in die Höhen und Tiefen des Internets war nicht mehr aufzuhalten. Nach wenigen Minuten hatte ich mich völlig verlaufen, war quasi im Keller des Internets gelandet, als mich meine Frau fragte, was denn nun sei mit dem Regenradar? Stimmt, wir wollten mit dem Hund raus und ich sollte nachschauen, wann es aufhört zu regnen. Deshalb das Internet.

Bei Meteo Schweiz fand ich das Regenradar nicht auf Anhieb. Dafür stand da ein interessanter Bericht über die Azoren. Wenn jetzt ein Azorenhoch käme, dann gäbe es doch noch einen schönen «Altweibersommer », hiess es dort. Wo sind die eigentlich, die Azoren, fragte ich mich und startete eine entsprechende Suche auf Google. Schnell wurde ich fündig: Die Azoren sind eine Inselgruppe weit draussen im Meer westlich von Portugal.

Wie komm ich jetzt auf die Azoren, frage ich mich und muss höllisch aufpassen, dass ich mich nicht wieder verliere im Internet und zum Ursprung zurückfinde: das Regenradar! Genau, hier ist es und verkündet: der Regen hört in zehn Minuten auf. Also schnell weg mit dem Internet und raus mit dem Hund auf die Runde. Wir gehen auf Trüffelsuche. Letztes Jahr hat unser Hund einen Kurs besucht und findet seitdem tatsächlich Trüffel – bei uns im Wald und anderswo. Am Sonntag findet Nera einen nach dem anderen. Es ist der Hammer. Vor lauter Freude habe ich ein Bild auf Facebook veröffentlicht und für unseren tollen Hund viele «gefällt mir» erhalten.

Die Hündin bekommt von mir jetzt zur Belohnung ein grosses Leckerli. Deshalb bin ich vorhin in den Keller gegangen. Jetzt, wo sie so neben mir steht und vorfreudig wedelt, kommt mir alles wieder in den Sinn: Regenradar, Trüffel, «gefällt mir», Leckerli!

Gemeinderaten

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Seit Fredy aus den Ferien zurück ist, versuche ich vergeblich, ihm zu entlocken, wie es dort war. Ich weiss nur, dass er mit Frau und einjährigem Sohnemann irgendwo in Italien am Meer war und dass es dort in dieser Zeit brutal heiss war. Alle Nachfragen meinerseits prallen an ihm ab.

Man muss wissen, dass Fredy ein Weltmeister ist im Nichtbeantworten von Fragen. Meistens stellt er einfach eine Gegenfrage, so wie jetzt auch: «Wart ihr nicht auch grad kürzlich in den Ferien?» – «Ja, waren wir, in den Bergen, im Engadin und es war suuuper!», beginnt es bei mir sofort zu sprudeln, bis ich mitten im Erzählfluss merke, dass ich einmal mehr voll reingetappt bin in seine Falle.

Fredy nutzt mein Zögern und erzählt feurig: Sein Bruder kandidiere für den Gemeinderat. Er sei dessen Wahlmanager. Meine Frage, seit wann er sich plötzlich für Politik interessiere, wischt er mit einer Handbewegung weg, als wäre sie eine lästige Fliege.

Beim Thema gerät er – wie so oft – in Wortspielereien: «Wieso heisst es eigentlich Gemeinderat?», will er wissen und hebt den Finger und die Augenbrauen, «die sollen es wissen und nicht raten!» Er fabuliert gestenreich weiter mit der steilen These, ob «Gemeinderaten» vielleicht als Quiz anzusehen sei. Die, die am nächsten Sonntag gewählt würden, seien dann je nachdem die fünf oder sieben Kandidaten, die es fürs grosse «Gemeinderaten-Quiz» brauche. Das Quiz dauert vier Jahre, dann werden neue Kandidatinnen und Kandidaten gewählt.

«Fredy, dein Sinn für Humor in allen Ehren», unterbreche ich seinen wahnwitzigen Monolog, «aber das sind keine Quizkandidaten, es sind Mitglieder eines Gemeinderates, also die lokale Regierung!» Fredy aber ist immer noch in seiner eigenen Wortspiel-Welt: «Hat nicht Komiker Hape Kerkeling einst das lustige Lied gesungen mit dem Refrain: ‹Das ganze Leben ist ein Quiz, und wir sind nur die Kandidaten, das ganze Leben ist ein Quiz, mir müssen raten, raten, raten!›?»

Ja, das hat er; dieses Lied kenne ich auch und ich singe es ihm vor. Wir lachen, klopfen uns auf die Schenkel und das erste Mal seit einer halben Stunde blickt er mir direkt in die Augen. Fredy scheint wieder ganz bei mir zu sein. Das Eis ist gebrochen, ich bestelle uns ein Bier. Wir prosten uns zu und ich fordere ihn auf, das Lied noch einmal anzustimmen: «Das ganze Leben ist ein Quiz!»

Heute Ruhetag

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Hand aufs Herz: Gelingt es Ihnen, an freien Tagen auch wirklich frei zu haben? Frei im Sinne von: keine geschäftlichen Kontakte mit Kunden oder dem Team, nicht im Home-Office am Sonntag ein Stündchen oder zwei arbeiten, keine geschäftlichen Mails überprüfen und beantworten?

Gelingt es Ihnen, an freien Tagen richtig zu entspannen und die Seele baumeln zu lassen? Schaffen Sie es, sagen wir mal, eine Stunde im Liegestuhl zu liegen, ohne Gedanken an den Job? Gelingt es Ihnen, einfach im Hier und Jetzt zu bleiben, eben im Liegestuhl zum Beispiel, und sich eine Stunde zu gönnen, in der sie nichts dergleichen tun und nur die vorbeiziehenden Wolken beobachten?

Wenn Sie das schaffen, haben Sie meine Bewunderung. Weil, ich kann das nicht. Am Sonntag habe ich es ausprobiert. Schon beim Morgenspaziergang mit dem Hund war ich mit meinen Gedanken bei den «Gedanken», also bei dieser Kolumne, die Sie gerade lesen. Die war da nämlich noch nicht geschrieben und schlimmer noch, ich hatte noch nicht einmal ein Thema gefunden. Den möchte ich sehen, rief ich in den Wald, der dann trotzdem tiefenentspannt durch den Wald spaziert, am Sonntagmorgen.

Später dann im Liegestuhl. Einfach nur daliegen und ausspannen, auch das wollte mir nicht gelingen. Statt Entspannung machte sich eine innere Unruhe breit. Tausend Sachen wären noch zu tun, da kann ich doch nicht seelenruhig im Liegestuhl liegen. Welt, Du bist aus einem Guss, Glück ist, wenn man nichts mehr muss!

Nach zwanzig Minuten verliess ich den Liegestuhl entnervt und nahm das Home-Office in Betrieb. Ich las und beantwortete ein paar Mails im Posteingang. Dann machte ich mich an die «Gedanken» und schrieb den Anfang dieser Kolumne. Beim Durchlesen des Textes bin ich dann zugegebenermassen etwas erschrocken über meine eigenen Gedanken.

So kann das nicht weitergehen, fand ich, und fasste den Vorsatz, an mindestens einem Tag in der Woche einen Ruhetag einzuschalten. Am besten ohne all meine beruflichen und privaten «Grätli», ohne Internet. Einen ganzen Tag lang offline sein, das Gestern und das Morgen ruhen lassen – im Hier und Jetzt bleiben. Das wollte ich unbedingt meinem Umfeld erzählen und lud sie zum Essen ins Restaurant ein. Doch was sehen wir dort vor der Eingangstür? Eine grosse Tafel verkündet: «Heute Ruhetag!»

Schule – am liebsten war mir die Turnhalle

Am nächsten Montag ist Schulbeginn. Für tausende Kinder wird es der allererste Schultag sein. Ein besonderer Tag im Leben. Wie Sie auf den Seiten 2 und 3 sehen, erinnern sich auch heutige Damen und Herren Gemeindeammänner aus dem Landanzeiger-Gebiet noch lebhaft an diesen grossen Tag. Beim Betrachten der herzigen Bilder und der persönlichen Erzählungen wird mir klar, warum aus mir kein Gemeindeammann wurde: Von mir gibts kein Bild vom ersten Schultag. Auch vom zweiten nicht. Gefunden habe ich dann doch immerhin noch ein Klassenfoto vom Kindergarten Rosenweg in Rupperswil (siehe Bildausschnitt).

Kommt dazu, dass ich keine Erinnerung mehr habe an meinen ersten Schultag. Freute ich mich auf die Schule? Ging ich alleine, oder begleitete mich meine Mutter? Ich weiss es nicht mehr.
Hingegen weiss ich noch, was mir mein Vater mit auf den Weg gab: «Ab heute pfeift ein anderer Wind», meinte er mit gehobenen Augenbrauen. Er sollte recht behalten. So richtig wohl gefühlt habe ich mich in der Schule nie. Die Schulstunden schienen ewig zu dauern. Ständig schaute ich auf die Uhr im Klassenzimmer, aber die Zeit bis zur ersehnten Pause wollte und wollte nicht vorbeigehen.

Am liebsten war mir die Turnhalle. Denn mein Lieblingsfach Turnen bedeutete Freiheit, Bewegung, Sport! Das Sitzen am Schulpult war mir eine Qual. Eigentlich unverständlich, dass ich später das KV absolvierte und einen Bürojob anstrebte. Wenn das Fach Turnen nicht gewesen wäre, wer weiss, ob ich die Schule geschafft hätte. Als Jugendriegeler, der Vater Präsident des Turnvereins, die Mutter Leiterin der Damenriege, war mir der sportliche Bewegungsdrang quasi in die Wiege gelegt worden.

Eigentlich wollte ich gar nicht über mich schreiben. Aber diese wunderbaren Episoden der höchsten Gemeindevertreter im heutigen Landanzeiger haben mich nun doch ein wenig an meine eigene Schulzeit zurück denken lassen. Vielleicht geht es Ihnen auch so?

Mit einer gewissen Freude lese ich vom einen oder anderen, dass ich offenbar nicht der Einzige war, der Turnen als Lieblingsfach hatte. Auch aus ihnen ist schlussendlich etwas «Richtiges » geworden. Das sollte Trost und Motivation sein für all jene, die auch nicht so gerne die Schulbank drücken.

Kundentrennstab

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Dieses Wort musste ich erst googeln: Wie nennt mand as Teil, das man beim Einkaufen an der Kasse nimmt und aufs Band legt? Es hat die Länge eines Lineals und die ungefähre Form einer Toblerone-Schoggi. Es dient dem Personal dazu, die Einkäufe den einzelnen Kunden zuzuordnen. Sie wissen schon. Aber wie heisst das Ding nun richtig und offiziell? Die Internetsuchmaschine spuckt den gesuchten Begriff nach ein paar wenigen Sekunden aus: «Kundentrennstab».

Dieses Ding spielt die Hauptrolle in der Geschichte, die mir vor kurzem passiert ist. An der Kasse des Grossverteilers hat die Kundin schon alles aufs Band gelegt und zückt bereits das Portemonnaie. Also bin ich an der Reihe und will den Kundentrennstab platzieren. Doch es hat keinen, die ganze Reihe ist leer. Was ist hier los?

Ich lasse einen Abstand zum letzten Produkt der Kundin vor mir, lege meine Einkäufe aufs Band und schiele an die Kassen links und rechts von meiner, ob es vielleicht dort einen Kundentrennstab hat. Die flinke Kassiererin zieht ein Produkt nach dem andern durch ihren Piepsomat an der Kasse. Da ich immer noch die fehlenden Stäbe suche und dadurch abgelenkt bin, merke ich viel zu spät, dass sie bereits einige meiner Einkäufe erfasst hat. Als ich sie unterbreche und darauf hinweise, kippt die Stimmung bei allen Beteiligten. Ich habe ein Chaos veranstaltet. Die Kasse stimmt hinten und vorne nicht mehr. Die Produkte müssen neu zugeordnet werden. Die Kundin vor mir schenkt mir zum Abschied einen alles andere als freundlichen Blick. Ich entschuldige mich bei ihr und auch bei der Kassiererin wortreich und könnte vor Scham im Boden versinken.

Die Kassiererin, Frau Lüscher, erklärt mir, dass sie auf Anweisung von ganz oben alle Kundentrennstäbe entfernt haben. «Wegen Corona», erklärt sie. «Schauen Sie: Kunde A nimmt den Stab in die Hand, ich nehme ihn mit der Hand wieder weg und Kunde B nimmt ihn wieder in die Hand – wir müssten ja ständig desinfizieren», erklärt mir Frau Lüscher.

Weil hinter mir kein weiterer Kunde wartet, können wir nun, wo sich die Sache etwas entspannt hat, weiterplaudern. «Wissen Sie was», sage ich ihr, «das nächste Mal bringe ich meinen eigenen Kundentrennstab mit und sorge damit schon während dem Einkaufen für den vorgeschriebenen Abstand zu den anderen Kunden.» Wir lachen beide und die Welt ist wieder in Ordnung.

Meer oder weniger

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Fredys Frau will ans Meer. Jetzt, wo man wieder relativ einfach über die Grenze könne, will sie nur noch eins, sagt sie, nämlich schnell weg hier. Italien! Toscana! «Ich muss hier raus», sagt sie klipp und klar. Mit «hier» meint sie die Schweiz. Hier fühle sie sich langsam ein wenig eingesperrt. Jetzt ist Schluss mit «bleiben Sie zu Hause!». Ab nach Follonica! Im Internet hat sie ein schönes Angebot für sich, Fredy und ihren bald einjährigen Sohnemann entdeckt. Der Kleine soll seine winzigen Füsse schon bald in den Meeressand stecken.

Fredy hingegen möchte in den Ferien lieber in der Schweiz bleiben. Im Sommer ist es doch hier auch sehr schön, findet er. Das Tessin! Das Engadin! Das Berner Oberland! Der Bodensee! Er fahre doch nicht mit seiner Frau und dem Kleinen in diese Gluthitze ans Mittelmeer, findet er. Im Fernsehen habe er gesehen, dass es dort jetzt so richtig ekliges Quallenzeugs gäbe. «Nein danke, wir bleiben hier!», sagt er bestimmt und klopft auf den Tisch. Wir sitzen im Restaurant. Gleich wird das Essen serviert. Rösti mit Geschnetzeltem. Und sein Italienisch sei so miserabel, fügt er hinzu, das reiche höchstens, um ein Bier oder Spaghetti zu bestellen.

Nach dem Essen gönnen wir uns noch einen Espresso und ich wollte grad anfügen, dass er einen solchen ebenfalls problemlos in Italien bestellen könne, als seine Frau das Lokal betritt. Mit dem Sohnemann im Kinderwagen gesellt sie sich zu uns und bestellt sich einen Latte Macchiato. Mir wird etwas bange. Hoffentlich beginnen die jetzt nicht in aller öffentlichkeit über ihre Ferien zu streiten. Doch Fredys Frau schenkt ihrem Mann ein strahlendes Lächeln. «Fredy-Schatz, ich weiss doch genau, dass du nicht nach Italien willst. Schau, ich habe da etwas viel Besseres gefunden: In Deutschland gibt es einen gigantischen Indoor-Ferienpark in einer ehemaligen Flugzeughalle, der hat eine tropische Strandlandschaft, wo es nie regnet und du dir garantiert keinen Sonnenbrand holst – und Fredy-Schatz: Die Bar hat 24 Stunden geöffnet! Na, was meinst du!»

Dass es dem Fredy-Schatz die Sprache verschlägt, kommt jetzt auch nicht alle Tage vor. «Das tönt furchtbar!», entfährt es ihm, als er sich wieder gefasst hat, «also da möchte ich tausend Mal lieber nach Follonica! Kannst buchen!» Als er mit seiner Frau das Lokal verlässt, dreht sie sich um und zwinkert mir vergnügt zu, als wollte sie mir sagen: «So geht das!»