Kundentrennstab

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Dieses Wort musste ich erst googeln: Wie nennt mand as Teil, das man beim Einkaufen an der Kasse nimmt und aufs Band legt? Es hat die Länge eines Lineals und die ungefähre Form einer Toblerone-Schoggi. Es dient dem Personal dazu, die Einkäufe den einzelnen Kunden zuzuordnen. Sie wissen schon. Aber wie heisst das Ding nun richtig und offiziell? Die Internetsuchmaschine spuckt den gesuchten Begriff nach ein paar wenigen Sekunden aus: «Kundentrennstab».

Dieses Ding spielt die Hauptrolle in der Geschichte, die mir vor kurzem passiert ist. An der Kasse des Grossverteilers hat die Kundin schon alles aufs Band gelegt und zückt bereits das Portemonnaie. Also bin ich an der Reihe und will den Kundentrennstab platzieren. Doch es hat keinen, die ganze Reihe ist leer. Was ist hier los?

Ich lasse einen Abstand zum letzten Produkt der Kundin vor mir, lege meine Einkäufe aufs Band und schiele an die Kassen links und rechts von meiner, ob es vielleicht dort einen Kundentrennstab hat. Die flinke Kassiererin zieht ein Produkt nach dem andern durch ihren Piepsomat an der Kasse. Da ich immer noch die fehlenden Stäbe suche und dadurch abgelenkt bin, merke ich viel zu spät, dass sie bereits einige meiner Einkäufe erfasst hat. Als ich sie unterbreche und darauf hinweise, kippt die Stimmung bei allen Beteiligten. Ich habe ein Chaos veranstaltet. Die Kasse stimmt hinten und vorne nicht mehr. Die Produkte müssen neu zugeordnet werden. Die Kundin vor mir schenkt mir zum Abschied einen alles andere als freundlichen Blick. Ich entschuldige mich bei ihr und auch bei der Kassiererin wortreich und könnte vor Scham im Boden versinken.

Die Kassiererin, Frau Lüscher, erklärt mir, dass sie auf Anweisung von ganz oben alle Kundentrennstäbe entfernt haben. «Wegen Corona», erklärt sie. «Schauen Sie: Kunde A nimmt den Stab in die Hand, ich nehme ihn mit der Hand wieder weg und Kunde B nimmt ihn wieder in die Hand – wir müssten ja ständig desinfizieren», erklärt mir Frau Lüscher.

Weil hinter mir kein weiterer Kunde wartet, können wir nun, wo sich die Sache etwas entspannt hat, weiterplaudern. «Wissen Sie was», sage ich ihr, «das nächste Mal bringe ich meinen eigenen Kundentrennstab mit und sorge damit schon während dem Einkaufen für den vorgeschriebenen Abstand zu den anderen Kunden.» Wir lachen beide und die Welt ist wieder in Ordnung.

Meer oder weniger

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Fredys Frau will ans Meer. Jetzt, wo man wieder relativ einfach über die Grenze könne, will sie nur noch eins, sagt sie, nämlich schnell weg hier. Italien! Toscana! «Ich muss hier raus», sagt sie klipp und klar. Mit «hier» meint sie die Schweiz. Hier fühle sie sich langsam ein wenig eingesperrt. Jetzt ist Schluss mit «bleiben Sie zu Hause!». Ab nach Follonica! Im Internet hat sie ein schönes Angebot für sich, Fredy und ihren bald einjährigen Sohnemann entdeckt. Der Kleine soll seine winzigen Füsse schon bald in den Meeressand stecken.

Fredy hingegen möchte in den Ferien lieber in der Schweiz bleiben. Im Sommer ist es doch hier auch sehr schön, findet er. Das Tessin! Das Engadin! Das Berner Oberland! Der Bodensee! Er fahre doch nicht mit seiner Frau und dem Kleinen in diese Gluthitze ans Mittelmeer, findet er. Im Fernsehen habe er gesehen, dass es dort jetzt so richtig ekliges Quallenzeugs gäbe. «Nein danke, wir bleiben hier!», sagt er bestimmt und klopft auf den Tisch. Wir sitzen im Restaurant. Gleich wird das Essen serviert. Rösti mit Geschnetzeltem. Und sein Italienisch sei so miserabel, fügt er hinzu, das reiche höchstens, um ein Bier oder Spaghetti zu bestellen.

Nach dem Essen gönnen wir uns noch einen Espresso und ich wollte grad anfügen, dass er einen solchen ebenfalls problemlos in Italien bestellen könne, als seine Frau das Lokal betritt. Mit dem Sohnemann im Kinderwagen gesellt sie sich zu uns und bestellt sich einen Latte Macchiato. Mir wird etwas bange. Hoffentlich beginnen die jetzt nicht in aller öffentlichkeit über ihre Ferien zu streiten. Doch Fredys Frau schenkt ihrem Mann ein strahlendes Lächeln. «Fredy-Schatz, ich weiss doch genau, dass du nicht nach Italien willst. Schau, ich habe da etwas viel Besseres gefunden: In Deutschland gibt es einen gigantischen Indoor-Ferienpark in einer ehemaligen Flugzeughalle, der hat eine tropische Strandlandschaft, wo es nie regnet und du dir garantiert keinen Sonnenbrand holst – und Fredy-Schatz: Die Bar hat 24 Stunden geöffnet! Na, was meinst du!»

Dass es dem Fredy-Schatz die Sprache verschlägt, kommt jetzt auch nicht alle Tage vor. «Das tönt furchtbar!», entfährt es ihm, als er sich wieder gefasst hat, «also da möchte ich tausend Mal lieber nach Follonica! Kannst buchen!» Als er mit seiner Frau das Lokal verlässt, dreht sie sich um und zwinkert mir vergnügt zu, als wollte sie mir sagen: «So geht das!»

Runterfahren

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Einfach mal den Stecker herausziehen und vom Netz gehen. Nicht beim Computer, sondern bei mir selber. Das wäre schön. Mal Pause machen von dem ganzen Wahnsinn und Stress. Nach über einem Jahr Pandemie bin ich müde und dünnhäutig geworden. Ich mag keine aktuellen Abstimmungs- und auch keine Corona-Diskussionen mehr führen müssen, wo sich in kürzester Zeit alle gehässig angifteln. Nichts mehr will ich hören über Impftermine oder Maskenpflicht – Schluss damit, Ende der Diskussion. Still ruht der See.

Kennen Sie die drei Affen: einer hält sich die Augen zu, der zweite die Ohren und der dritte den Mund? Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Momentan ist mir sehr danach. Mir fallen die Worte von Wiglaf Droste wieder ein, von seiner Lesung vor Jahren im Aarauer KiFF: Welt, Du bist aus einem Guss, Glück ist, wenn man nichts mehr muss.

Eigentlich war es nichts Grosses, das mir schlussendlich den «Gong» gegeben hat. Es war eher ein Tröpfchen, welches bei mir das Fass zum Überlaufen brachte: Ich wollte mich mal wieder mit meinem Freund Günther treffen. Er lebt in Salzburg, wir treffen uns etwa zweimal im Jahr «in der Mitte», zum Beispiel in Bregenz am Bodensee, auf österreichischem Gebiet. Für ihn grad noch Inland, für mich ein paar Meter im Ausland. Das ist ein Problem.

Im Internet habe ich versucht herauszufinden, was es braucht für diesen kurzen Tagestrip: Aktuelle Reisebestimmungen, wann muss ich welchen Test machen und wie viel kostet das? Die Internetsuche erbrachte keine schlüssigen Antworten. Nach einer ermüdenden Stunde warf ich entnervt die Flinte ins Korn.
Sorry, Günther, schrieb ich ihm, es ist zu kompliziert, ich schaff das nicht. Er schrieb zurück, es sei doch ganz einfach: Testen und losfahren! Ist es nicht! Doch! Nun haben wir den Salat.

Während ich noch darüber nachdenke, meldet sich der Laptop: er hat fast keinen Strom mehr. Bei ihm läufts wohl umgekehrt: Stecker rein! Das gibt ihm Energie und Power. Ja was nun, frage ich mich: Stecker raus oder Stecker rein fürs Aufladen? Und wieso erteilt mir neuerdings mein Laptop altkluge Lebensweisheiten, für die wäre ich doch eigentlich zuständig? Entschieden klopfe ich auf den Bürotisch, verbinde den Laptop mit dem Stromkabel und fahre ihn und mich ganz sachte herunter.

Liebäugeln

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

«Und jetzt bitte freundlich in die Kamera lächeln», fordere ich die Gruppe auf, zwei Männer und zwei Frauen. Alle tragen eine Maske und stehen eng nebeneinander in einem Ausstellungsraum. Als die Bilder im Kasten sind, fragt eine der beiden Frauen keck, ob ich gemerkt hätte, dass sie unter der Maske gar nicht gelächelt habe? Schmunzelnd überprüfe ich das Bild auf dem Kamera-Display und zeige das Resultat. Tatsächlich sieht man sofort, dass drei Augenpaare strahlen und eines nicht – nämlich ihres. «Das hätte ich jetzt nicht gedacht », gesteht sie verblüfft.

Die Augen! Tragen wir eine Maske, dann bekommen sie plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Sie werden wichtiger. All das, was ich meinem Gegenüber signalisieren möchte, kann ich fast nur noch über die Augen tun. Der Rest der Gesichtsmimik ist durch die Maske unsichtbar. Wie ist mein Gegenüber drauf, wie schaut er oder sie: Streng? Lieb? Zornig? Also muss ich wortwörtlich «Liebäugeln», damit die Augen strahlen. Und das funktioniert nur, wenn man tatsächlich lächelt – auch unter der Maske.

Hat das Wort Liebäugeln überhaupt etwas mit «lieben Augen» zu tun? Der gute alte Duden hat sich darüber ebenfalls Gedanken gemacht und kommt bei seiner Definition zu folgendem Schluss: «Liebäugeln: sich in Gedanken mit etwas, was man gern hätte, beschäftigen; etwas Bestimmtes gern haben, erreichen wollen. Beispiele: ich liebäugele mit diesem Sportwagen, mit jemandem flirten, er liebäugelt mit seiner Tischdame.»

Gut, dem Sportwagen ist es wohl egal, wenn ich ihm schöne Augen mache. Der Tischdame hingegen nicht.

Das Foto haben wir übrigens wiederholt. Vier strahlende Augenpaare waren das Resultat.

Anschliessend ging ich einkaufen. Auch so ein Ort, wo wir alle eine Maske tragen müssen. Das mit dem Liebäugeln will ich hier ausprobieren und suche den Augenkontakt mit wildfremden Menschen, die ebenfalls suchend durch die Regale ziehen. Aber: Es gelang mir praktisch nicht, einen Augenkontakt herzustellen. Die allermeisten schauten weg, als ob sie sich anstecken könnten, wenn wir uns in die Augen schauen würden.

Nach diesem grandios gescheiterten Feldversuch liebäugelte ich damit, umgehend die Bratwurstabteilung des Geschäftes anzusteuern.

Das Wurst-Case-Szenario

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Ob ich schon vom Wurst-Case-Szenario gehört habe, fragt mich mein Freund Fredy, den ich nach längerer Pause endlich wieder mal treffe. Seine Einstiegsfrage erstaunt mich etwas. Innerlich habe ich mich auf ganz andere Themen eingestellt. Schliesslich ist Fredy seit unserem letzten Treffen Vater geworden, ist deshalb umgezogen in eine grössere Wohnung und hat den Job gewechselt. Das wäre ziemlich viel Erzählstoff: Wie geht es seinem Sohn, seiner Frau und wie läufts im neuen Job: Fredy macht jetzt Nachtdienst beim Teletext, den es seit 40 Jahren gibt.

Also gut, Fredy, Worst-Case-Szenario kenne ich: das schlimmst-mögliche Szenario. Was soll das jetzt mit der Wurst? Das sei so, erklärt er mir auf dem Weg von der Küche nach draussen, zwei Kaltgetränke und Knabberzeugs unter dem Arm. Die grüne Nationalrätin Meret Schneider habe dieses neue Wort kreiert. Stand in der Zeitung. Die Politikerin lieferte auch gleich die Definition: Der Fleischverband Proviande sei in Panik, weil immer mehr Tofu und immer weniger Cervelat gegessen wird. Das Wurst-Case-Szenario!

Darauf müsse man auch erst mal kommen, lache ich anerkennend und drehe mich zu Fredy um. «So, und jetzt erzähl endlich von dir, Euer Leben hat sich ja total verändert: Ihr seid Eltern geworden, habt eine neue Wohnung, du arbeitest in Bern beim Teletext!»

Ja, sagt Fredy, etwa ein halbes Jahr lang will sich Maya nun zuhause um Jonas kümmern und hat deshalb bei der Bank gekündigt. Er konnte zum Glück sein Arbeitspensum beim Teletext schon kurz nach seinem Einstieg erhöhen, erzählt der frischgebackene Vater.

Seine Work-Life-Balance habe sich dadurch natürlich völlig verändert. Moment, unterbreche ich ihn, sollte es nicht Life-Work-Balance heissen? Das Leben sei doch wichtiger als die Arbeit, deshalb muss das Leben vorne stehen. Schon wieder also stolpern wir über einen englischen Begriff. Das sei doch wurst, lacht er.

«Wie sieht es denn eigentlich mit deiner Tofu-Wurst-Balance aus?», frage ich frech mit einem Seitenblick auf seinen Bauch. Er lacht und entgegnet: «Du meinst: meine Wurst-Tofu-Balance?»

Glücksmomente

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Das mit dem Glück ist so eine Sache. Letzthin hatte ich erst mal Pech: An der Kasse des Lebensmittelgeschäftes meines Vertrauens merke ich, dass mein Portemonnaie zu Hause geblieben war. Ausgerechnet im Dorfladen, wo mich alle kennen. Die Kundin vor mir war bereits am Bezahlen, als ich hektisch begann, mich nach dem Geldbeutel abzutasten. In solchen Momenten schimpfe ich unhörbar, aber heftig mit mir selber.

Doch da kam mir in den Sinn, dass ich das Smartphone dabeihatte. «Kann ich bei euch auch mit Twint bezahlen?», fragte ich an der Kasse. Leider nein. Da meldete sich die Frau, die vor mir an der Reihe war und die gerade ihre Einkäufe einpackte. Sie hatte mein Malheur mitbekommen. «Ich könnte mit meiner Karte bezahlen und sie twinten mir den Betrag?», schlägt sie vor. Ich bin völlig überrascht und gleichzeitig hocherfreut.

Es ist ewig her, dass mir jemand Unbekanntes spontan seine Hilfe anbot. Vor dem Dorfladen habe ich ihr den Betrag per Twint überwiesen. Ihr sei das kürzlich auch passiert, erklärte sie mit einem Lächeln. Später habe ich der Frau geschrieben und mich nochmals herzlich bei ihr bedankt. Inzwischen sind wir beim Du. Ich finde es herzerfrischend, dass so etwas heutzutage noch geschieht. Für mich war dies ein Glücksmoment.

Solche Glücksmomente kann jeder von uns schenken. Manchmal geschieht dies sogar als Gruppe, wie ein schönes Beispiel aus Muhen zeigt. Dort hat Andrea Guggisberg zehn Jahre lang die Adventsfenster organisiert. Nun gibt sie diese Aufgabe in andere Hände. Ihr Adressbuch umfasst 162 Adressen von möglichen Fenstergestaltern. Die meisten von ihnen möchten Andrea Guggisberg jetzt gerne «Danke!» sagen. Jedoch können sie aus bekannten Gründen ihr zu Ehren momentan keine grosse Feier organisieren.

So kam die Idee auf, dass die Müheler «Adventsfenstler» der Andrea einen «Glücksmoment» schenken. Jede für sich. Dies hier, diese paar Zeilen im Landanzeiger, ist nur einer von vielen dieser heimlich organisierten Überraschungen für sie, eingefädelt mit uns hat dies eine langjährige «Adventsfenstergestalterin», eingelöst haben wir es passend vor dem Osterfest.

Ein toller Nebeneffekt von solchen Aktionen ist, dass auch die «Glückweitergebenden» viel Freude dabei empfinden. Probieren Sie es aus, es wäre ein Versuch wert.

Der frühe Vogel und die Feuerwehr

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Kurz vor halb sieben Uhr morgens beginnt eine Amsel mit ihrem Morgenkonzert. Verwundert über den frühen Gesang öffne ich das Fenster und halte mein verwintertes Gesicht nach draussen, um zuzuhören. Die Amsel sitzt zuoberst auf einem Baum, singt vom beginnenden Tag und ich spanne den Gedanken weiter: Begrüsst sie gar den kommenden Frühling?

Die Worte meines Nachbarn vor ein paar Tagen dringen in mein Ohr: «Es ist noch zu früh für den Frühling.» Ich entgegne ihm, genau deshalb heisse er ja so: Frühling, weil er früh kommt. «Aber es ist doch erst Februar. Das ist wirklich viel zu früh.» Da hat er natürlich recht. Wir sind vom Kalender her noch nicht frühlingsberechtigt. Alles zu seiner Zeit!

Apropos Zeit. Ich sollte mich sputen. Denn heute Morgen habe ich einen Termin, der mich leicht nervös macht. Ich treffe mich gleich mit dem neuen Kommandanten der Feuerwehr Entfelden-Muhen. Und wenn ich von etwas keine Ahnung habe, dann ist es von der Welt der Feuerwehr. Mich hatten sie in jungen Jahren vergessen aufzubieten.

So ist mein Termin mit Dominik Graber für mich die Chance, Neuland zu betreten. Nun bin ich tatsächlich knapp dran und muss los. Ab wie die Feuerwehr eile ich zur Feuerwehr. Der erste Eindruck: Hier ist alles blitzblank sauber. Nichts liegt herum. Alles ist feinsäuberlich aufgeräumt, jedes Ding an seinem Platz. Das ganze Gebäude scheint mir perfekt durchdacht und für die Abläufe bei einem Einsatz optimiert. Die acht in einer Reihe parkierten Feuerwehrautos glänzen blitzblank poliert feuerwehrrot.

Von Dominik Graber erhalte ich eine Privatführung durch das Feuerwehrmagazin, das 2009 neben dem Golfplatz Entfelden und der Autobahnbrücke gebaut wurde. Aktuell leisten 107 Männer und Frauen hier ihren Dienst für unsere Sicherheit. Sie tun dies «nebenberuflich», also in ihrer Freizeit. Sie erhalten dafür keinen Lohn und sie verrichten ihren Job mit viel Herzblut, das wird mir nach dem Rundgang klar (wenn Sie einmal umblättern, können Sie den Bericht über den neuen Kommandanten lesen).

Tief beeindruckt verabschiede ich mich von ihm und verlasse das Feuerwehrmagazin. Auf dessen Dach sitzt eine (andere?) Amsel und singt weiter ihr Lied vom neuen Tag und vom kommenden Frühling.

Skiferien ohne «Kafi am Pistenrand»?

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Selten hatte es in den Bergen so viel Schnee wie in diesem Winter. Und wenn dann noch, wie am vergangenen Sonntag, die Sonne vom blauen Himmel auf die weisse Pracht scheint, dann müssen Sie, wenn Sie aktuell in den Skiferien sind und auf einer perfekten Piste glückselig dahincarven, auf Wolke 7 schweben. Besser kann es gar nicht sein, wie ich auf den Bildern sehe, die Sie per Handy auf den sozialen Medien verbreiten.

Ich muss ganz neidisch zugeben: Eure Bilder sehen toll aus, fast wie im Prospekt von Schweiz Tourismus. Auch mein Chef schickte mir am Sonntag solche Bilder: Oben lachte eine Sonne von einem schon fast kitschig blauen Himmel, das nächste Bild zeigt ein Kaltgetränk in den Schnee gesteckt, der weisser nicht sein könnte, und dann: eine glückliche Familie, erst im Gondeli, dann auf der Piste oberhalb des tief verschneiten Wintersportortes. Das mag ich ihm von Herzen gönnen. Denn was hat er in den Tagen vor seinen Skiferien über den Wetterbericht gejammert. «Eine Woche ohne Sonne, jeden Tag Schneefall, ich hab gar keinen Bock darauf, bei der höchsten Lawinengefahr in die Berge zu fahren.» Und dann haben die so ein Traumwetter.

An all jene, die derzeit in den Skiferien sind: Ist Euch eigentlich klar, dass Ihr uns Daheimgebliebenen mit solchen Winter-Wonderland-Bildern in eine mittlere Depression stürzt? Ihr habts schön, während wir hier immer noch daran sind, die gröbsten Schäden der grossen Flut zu beseitigen. Klar sind wir da neidisch, wenn wir abends Eure super Bilder anschauen.

Etwas aber fällt mir auf: Dieses Jahr fehlen die Bilder vom Kafi Schnaps und von Schnitzel Pommes frites auf der Sonnenterrasse. Aber ja, klar: die Beizen haben auch in den Skigebieten «wegen zu geschlossen». Für mich wäre das sogar ein Grund, gar nicht erst hinzufahren. Wie macht Ihr das nun mit dem Zmittag und dem Aprés- Ski (und mit dem Toilettenbesuch)? Gibt es bei Euch nun eigentlich den von Vreni Schneider besungenen «Kafi am Pistenrand»?

Kritische Stimmen debattieren bereits über Sinn und Unsinn von Skiferien zu Coronazeiten. Soll man, darf man? Droht uns in ein paar Wochen gar ein neues Schlamassel mit mutierten Viren aus dem Wallis und dem Bündnerland? Wie auch immer: Allen schöne Skiferien und bitte Hände desinfizieren vor der Heimreise.

Mal wieder auswärts essen wäre wunderbar

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Früher, als die Welt noch eine andere war – also vor ein paar Monaten – da traf ich meinen Freund Fredy alle zwei Wochen im Restaurant. Diese Zeiten sind vorbei. Wenn wir uns heute sehen wollen, dann machen wir das von zuhause aus per Videokonferenz. Anstelle eines perfekt gezapften Biers steht dann in seinem und meinem Wohnzimmer ein Dosenbier. Zu essen gibts, wenn überhaupt, höchstens eine Tüte Chips.

Unsere Videokonferenz ist irgendwie nicht der richtige Ersatz. Das sorgt von Beginn an für eine eher negative Grundstimmung. Sobald wir uns auf den Laptop-Bildschirmen zugewinkt haben, legt Fredy los: «Findest du nicht auch, dass man die Restaurants wieder öffnen sollte?» Ja unbedingt, stimme ich ihm zu. «Wenn alle Läden zu sind und nur die Lebensmittelgeschäfte offen sein dürfen, dann müssten logischerweise auch alle Beizen offen sein», findet Fredy. Auch hier ginge es doch streng genommen um Lebensmittel. «Damit das Volk nicht verhungert!»

Ob ich noch wüsste, wie schön das früher war bei unseren Treffen, will er wissen. Natürlich, wie wenn es gestern gewesen wäre: Wir sassen meistens in der gleichen Ecke des Restaurants, bestellten ein Feierabendbier, plauderten über das Neuste in unserem Berufsund Privatleben. Irgendwann kam ein «Hüngerchen», wir schnappten uns die Speisekarte, bestellten einen schönen Teller und waren glücklich, als uns dieser serviert wurde.

«Weisst du, wie sehr ich das vermisse!», ächzt Fredy. «Es geht mir doch genauso!», stöhne auch ich. Ein Restaurant sei doch viel mehr als nur ein Ort der reinen Nahrungsaufnahme, kommt Fredy in Fahrt. «Es ist ein Ort, wo man sich trifft, hier wird gestritten, geliebt und gefeiert, hier finden Versammlungen, Hochzeiten, Familienund Trauerfeiern statt. Ein Restaurant ist für die Menschen ein wichtiger Ort der Begegnung, das ist Kulturgut! Also ist es, wie man heute sagt: total systemrelevant! Verstehst du? Sag mir, wie viele Leute sich im Restaurant angesteckt haben – na, wahrscheinlich keine, oder?»

«Warum nur hat man sie geschlossen? », fragt Fredy nach einer Atempause. «Ach Fredy, ich verstehe es doch auch nicht! Mal wieder auswärts essen wäre wunderbar!», seufze ich wehmütig.

«Du schreibst doch für die Zeitung», hebt er den Finger. «Jetzt schreib doch mal folgendes nach Bern: ‹Herr Berset, öffnen Sie die Beizen!›»

Last Christmas

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Letzte Weihnacht war alles noch ganz anders: Die Familien zwängten sich um den grossen Tisch. Nach dem Essen wurde «geblockflötlet» und gesungen. Alle Weihnachtslieder rauf und runter. Vom Himmel hoch, da komm ich her, Stille Nacht, heilige Nacht – das volle Programm.

Aber das Singen, das ist ja nun verboten. «Blockflötlen» wohl auch. Es dürfte heute Abend auch kein Gedränge geben am Esstisch. Exakt Schweizerisch werden wir mit dem Doppelmeter die -Distanz von Teller zu Teller abmessen: einmeterfünfzig. Oh Du Fröhliche!

Wie soll man das feiern, heute und morgen? Und vor allem: mit wem – und mit wem nicht? Wieviele dürfen überhaupt noch und aus wievielen Haushalten? Wer hat da noch den Überblick? Ja, da gibt es viele, die sich ob dieser Fragen in den letzten Tagen am Kopf gekratzt haben und ihr Xmas-Programm xmal in Gedanken drehten und wendeten.

Vielleicht sollte man die ganzen Festtage dieses Jahr anders angehen als sonst: viel lockerer, ohne Ansprüche an Perfektion und einfach das geniessen, was in diesen speziellen Zeiten möglich ist.

Onkel Ruedi kommt mir in den Sinn. Der Bruder meiner Mutter sass bei uns immer hinten in der Ecke. Anstatt Rotwein trank er lieber eine Flasche Bier, schaute sich in unserer guten Stube um und sagte fast jedes Jahr: «Wieso macht alle Welt nur so ein Theater um Weihnachten?» Aber er spielte brav mit und erhielt noch eine zweite Flasche Bier.

Theater ist ein gutes Stichwort. Onkel Ruedi zu Ehren habe ich mir ein mögliches Drehbuch für heute und morgen Abend ausgedacht: Wir spielen Weihnachten, als ob nichts wäre. Aufgeführt wird ein Familien-Schwank in drei -Akten in den eigenen vier Wänden. Die auftretenden Personen spielen sich -selber. Ausnahme: Diejenigen, welche nicht dabei sein dürfen, weil überzählig. Diese werden von einer zu bestimmenden Person vertreten, genau so wie jeweils an Silvester beim «Dinner for one».

Drehbuch: 1. Akt: Baum schmücken, dezente Musik («Last Christmas»), freundlicher Smalltalk, Apéritif. 2. Akt: Vorspeise, Hauptgang, freundlicher Smalltalk, Rotwein. 3. Akt: Blockflöten-Familienkonzert, Geschenke, Singen
(Jawoll!), dann Dessert, immer noch freundlicher Smalltalk, Kaffee und Hochprozentiges (zum Desinfizieren!).

Frohe Festtage, bleiben Sie gesund!

Der Samichlaus, das war mein Vater

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

In ein paar Tagen, am 6. Dezember, dem Samichlaustag also, wäre mein Vater sagenhafte 100 Jahre alt geworden. Bevor Sie nun anfangen zu rechnen: Ich bin ein klassischer «Nachzügler», der Vater war bei meiner Geburt schon «uralt» und ich bin mehr als zehn Jahre jünger als meine drei Geschwister.

Als Kind war ich sicher: wer am 6. Dezember Geburtstag hat, der muss irgendetwas zu tun haben mit dem Samichlaus. Ein Beispiel: Als ich acht oder neun Jahre alt war, kam der Samichlaus einmal mitten im Sommer! An diesem Tag war ich sehr flegelhaft und habe nur gelacht, als Vater und Mutter eindringlich mit dem Samichlaus drohten. 

Dann, keine Viertelstunde später, läutete das vertraute Glöckchen und ein Mann mit einer tiefen Stimme rief nach mir: Der Samichlaus – in voller Montur! Roter Rock, weisser Bart, alles wie immer; aber mitten im Sommer! Ich verstand die Welt nicht mehr. Der Schreck fuhr mir in die Knochen, die Knie zitterten. 

Seit diesem Tag habe ich einen gewissen Respekt vor dem Samichlaus. Auch heute noch.

Mein Vater also. Geboren am 6. Dezember 1920. Aktivdienst im zweiten Weltkrieg an der deutschen Grenze in Schaffhausen. Chefmechaniker in der Maschinenfabrik des Dorfes, wo wir wohnten. Gemeinderat, Gewerkschafter, Präsident des Turnvereins, Redaktor beim damaligen «Freien Aargauer», Hüttenwart im Naturfreundehaus hinter der Gislifluh.

Für mich war er vor allem: ein Vorbild und ein toller Vater. Von ihm erbte ich so einiges: den Gerechtigkeitssinn, das schreiberische Talent, die Liebe zur Natur, das Bestreben, ein guter Mensch zu werden – und die Glatze mit 30.

In meiner Erinnerung bleiben die alljährlichen Wanderferien im Herbst im Bündnerland, Skiferien bei der Tante im Simmental und unzählige Sonntage im Restaurant National in Schöftland, wo seine Schwester wirtete. Meine Eltern halfen dort mit bei Grossanlässen wie dem Schöftler Märt. Feine Pastetli gabs dann immer.

Mein Vater erlebt seinen 100. Geburtstag nicht mehr. Nach einem Leben voller Arbeit freute er sich auf den Ruhestand. Doch mit 65 wurde er krank und starb kurz darauf. Das kann es nicht sein, fand ich damals, vor 23 Jahren. Diese Ungerechtigkeit konnte auch der Samichlaus nicht verhindern. Doch manchmal am 6. Dezember, wenn ich das Glöckchen höre und die tiefe Stimme, dann ist mir, als hörte ich meinen Vater.

Vögel bekommen und wieder loswerden

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Er bekomme jetzt dann bald Vögel, beklagt sich mein Freund Freddy mit rotem Kopf. Er hat angerufen. Es klang nach einem Hilferuf. Freddy ist im Normalfall die coolste Socke, die ich kenne. Jetzt sitzen wir im Ochsen beim Bier. «Du siehst schitter aus, ist etwas passiert?», starte ich nicht eben einfühlsam.

«Was ist denn los?», nehme ich einen neuen Anlauf. Er sei mit den Nerven am Ende, sagt er und blickt mir müde und unsicher in die Augen. «Es ist einfach alles zuviel», sprudelt es nun aus ihm heraus. «Alles! Dieses Corona macht mich fertig, obwohl wir es nicht haben, es ist trotzdem immer da – und es sorgt bei mir für einen permanenten Stresspegel! Es macht mich dünnhäutig! Kommt da noch der Hochnebel dazu, wie heute morgen, dann ist das der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt!»

Er hat sich in Schwung geredet. Eigentlich ginge es gar nicht um Corona, erzählt er nun ganz leise: «Ehrlich gesagt, dass wir jetzt Eltern sind, überfordert uns an manchen Tagen. Und kaum ist alles wieder gut, kommt schon das nächste: im Geschäft stellen sie jetzt alles auf den Kopf. Nun wurde bekannt, dass unsere Abteilung von Bern nach Zürich umziehen muss. Ich kann nicht mehr!»

Das sei sicher nicht einfach, sage ich verständnisvoll. «Schau es mal von einer anderen Seite her an: Du kannst froh sein, dass du überhaupt einen Job hast, dann hast Du genau den Job, den du dir immer gewünscht hast, egal ob in Bern oder Zürich. Corona hat euch bisher verschont und hey: Seid froh, dass ihr einen gesunden Sohn habt!»

«Das stimmt», gesteht Freddy. Er hält kurz inne, schaut mich an mit klarem Blick, strafft den Rücken und sagt: «Und dennoch, Corona, unser Sohn, der Job – das stresst mich manchmal alles sehr!» In seinem zaghaften Lächeln erkenne ich den alten Freddy wieder. «Sorry, vorhin ist alles gleichzeitig über mich hereingebrochen und das hat mich umgehauen.»

Dass er sich gemeldet habe, sei genau richtig gewesen, nicke ich. Dafür sind Freunde schliesslich da. Ob ich ihm trotzdem etwas helfen konnte? Freddy nickt und ergänzt: «aber das nächste Mal gehen wir in den Frohsinn, das tönt ein bisschen mehr nach Lebensfreude.» Ach, er ist schon fast wieder der Alte!

Nach einer Pause fragt er, wie es mir ginge. «Danke, ich kann nicht klagen!», antworte ich. «Obwohl – manchmal geht es mir ähnlich wie dir. Kümmerst du dich dann bitte auch um meine Vögel?»

Achtsam morden

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Wo waren Sie am Sonntagabend zwischen 20.00 und 21.30 Uhr? Vielleicht lautet bei Ihnen die Antwort auf diese typische Fernseh-Kommissaren-Frage gleich wie bei mir: Na, den Tatort geschaut im Schweizer Farbfernsehen! Auf dem Programm stand die Premiere des neuen Ermittler-Duos aus Zürich.

Der Tatort, das letzte Lagerfeuer im Fernsehen, läuft bei uns jeden Sonntagabend nach einem festen Ritual ab. Bei der Titelmelodie wird an einer bestimmten Stelle zu einem Sofa-Hüpf-Tänzchen gestartet. Dann wird die Lautstärke am TV auf Stufe 34 aufgedreht und bei einem schönen Gläschen und Knabberzeug zugeschaut, wie ein Mord passiert, der pünktlich um 21.30 Uhr aufgeklärt wird. Herrlich! Was uns jedoch in letzter Zeit öfters passiert, ist, dass wir später, kurz vor dem einschlafen, fragen: «Du, wer war jetzt eigentlich der Mörder?»

Am letzten Sonntag hatte der neue Schweizer Tatort Premiere. Für den abgesetzten Luzerner Ermittler Reto
Flückiger – der mir immer gefallen hat, weil er halt auch Flückiger heisst – hat das neue Zürcher Frauenduo Anna Pieri Zuercher und Carol Schuler seinen Einstand gegeben. Die Ermittlerinnen Isabelle Grandjean und Tessa Ott hatten in «Züri brännt» überzeugen können.

In der Zeitung las ich im Vorfeld, dass der Zürcher Tatort umweltfreundlich und nachhaltig produziert wird. Das ist etwas Neues in der langen Geschichte des Tatorts. So radelt die Ermittlerin Tessa Ott mit dem Velo kreuz und quer durch Zürich. Ein Polizeiauto war am Sonntag nicht zu sehen. Es ist ein grün produzierter Tatort, der beim Drehen ein Viertel wenier CO2 produziert, als beispielsweise der Luzerner Tatort.

Alles schön und gut. Nur der Mord war weder achtsam noch umweltfreundlich. Bei der Brandleiche war viel Benzin im Spiel. Das geht gar nicht! Haben die Schweizer Tatortmacher denn nicht den Krimi-Bestseller «Achtsam morden» von Karsten Dusse gelesen? Dort wurde gezeigt, wie es geht, Leute umweltverträglich und vor allem nach allen Regeln der Achtsamkeit um die Ecke zu bringen. So was in der Richtung wäre am Sonntag ziemlich cool gewesen.

Aber immerhin schaffte es der Tatort aus dem hektischen und pressanten Zürich, sich gegen Schluss etwas zu entschleunigen: Die Ermittlerin Tessa Ott sang Mani Matters «Zündhölzli». Eine singende Kommissarin, das war ein schöner Schlusspunkt.

Falls Sie den Tatort auch gesehen haben: Wer war jetzt eigentlich der Mörder?

Vom Händeschütteln auf dem Land

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Kennen Sie das auch: Sie treffen jemanden, den Sie gut mögen und den Sie vielleicht schon längere Zeit nicht mehr gesehen haben. Echt erfreut und mit einem strahlenden Lächeln, das vom Gegenüber ebenso freudig erwidert wird, gehen Sie auf diese Person zu, begrüssen sich mit einem kräftigen Händeschütteln – bis Sie beide merken: Hoppla! Ganz vergessen: Corona! Händeschütteln ist in diesen Zeiten nicht angesagt.

Was nun? Mir ist es vor ein paar Tagen passiert. Wieder passiert, muss ich gestehen. Also, was nun: Weiterschütteln oder abbrechen? Bei uns war es so, dass wir es beide gleichzeitig gemerkt hatten. Wir brachen das Händeschütteln mitten in der Bewegung ab, schauten uns etwas verdutzt an, liessen los, mussten nach einem kurzen Moment beide lachen, dann winkten wir ab und fingen nochmals von vorne an mit Händeschütteln. Corona hatten wir in diesem Moment beide für einen Moment ganz bewusst beiseite geschoben.

«Wir sind ja hier auf dem Land», versuchte uns mein Gegenüber aus der Affäre zu ziehen. Corona gäbe es ja fast nur noch in den grossen Städten, behauptete er. Ob dies auch tatsächlich so ist, kann ich nicht beurteilen.

Etwas ähnliches erlebte ich vor ein paar Wochen: Im Dorf war ich an einen Anlass eingeladen, wo sich alle nicht etwa per Ellbogen oder Faust begrüssten, sondern die «wie früher» die Hand schüttelten und die Frauen sogar mit den drei Küsschen begrüsst wurden. Da wurde mir ehrlich gesagt ein bisschen mulmig.

Natürlich haben wir alle dieses Corona längst satt. Ein bisschen Normalität tut gut. Ich weiss nicht, wie es in der Stadt läuft, aber offenbar werden wir hier auf dem Land immer mehr zu Corona-Verdrängern.

Ein bisschen verdrängen tut gut, das wusste schon Sigmund Freud. Das ist der Mann, der die Psychoanalyse erfunden hat und nebenbei auch die «Freudschen Versprecher». Das ist, wenn Silben und Laute ihren Platz wechseln und es so zu ungewollten Wort- und Satz-Neuschöpfungen kommt wie «Reinen Tisch einschenken », oder «Eine Krähe wäscht die andere», oder «ins Grab beissen» – ja, bei Freudschen Versprechern kommt oft «Peinliches zum Vorschwein».

Aber ich bin abgeschweift vom eigentlichen Thema. Im Sinne einer Entschuldigung rufe ich Ihnen auf gut Freudsch zu: «mein Geist war willig, doch mein Fleisch war flach.»

Wenn aus Schöftland Schottland wird

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Die heutigen Computer erleichtern uns das Leben ungemein – aber manchmal sind sie auch richtig gemein: So korrigieren sie automatisch und einfach so Wörter, die wir gerade am Schreiben sind. Mein Laptop zum Beispiel macht folgendes: schreibe ich «Schöftland», korrigiert er es postwendend auf «Schottland». Manchmal merke ich es nicht und dann meldet sich unser rasender Reporter und fragt: Willst Du mich jetzt allen Ernstes nach Schottland schicken, um dort ein paar Fotos von der schönen Landschaft zu machen? Will ich nicht.

Oder letzte Woche: Da bat ich per Mail die Gemeindekanzlei Schöftland, uns ein aktuelles Gruppenfoto vom Gemeinderat zu schicken. In der Betreff-Zeile des Mails stand dann: «Bitte um ein Bild des Gemeinderats Schottland». Zum Glück hat uns der Gemeindeschreiber dann doch ein Bild des Schöftler Gemeinderats geschickt.

Weil die Autokorrektur längst auch auf unseren Smartphones ihr Unwesen treibt und zwar nicht nur bei Ihnen und bei mir, gibt es bereits Bücher mit Sammlungen der lustigsten Autokorrektur-Fehlern. Drei Bände sind bisher erschienen.

Zum schreien komisch ist diese Auflistung, was die Autokorrektur anderen Menschen schon für Streiche gespielt hat. Wenn es einen nicht selber betrifft, dann kann man sich köstlich amüsieren darüber, dass aus «Eleganz» plötzlich «Elefant» wird («Schatz, bewegst du deinen Elefanten Körper heute zu mir?»), oder wenn Dir jemand schreibt: «wie wärs mit Karaoke?» und Du antwortest: «oh ja, ich liebe Karola», worauf drei Fragezeichen zurückkommen und Du merkst: «upps, nein: K a r a o k e!»

Eigentlich wäre es ganz einfach: Man kann die Autokorrektur ausschalten. Egal ob Texte und Mails auf dem Computer, SMS oder WhatsApp auf Smartphones, egal welches Betriebssystem: das Internet ist voll von Beschreibungen, wie man die Autokorrektur wieder los wird.

Aber will ich das? Obwohl ich mich oft darüber ärgere, läuft die Autokorrektur immer noch auf all meinen Geräten, beruflich und privat, munter weiter. Im besten Fall bewahrt sie mich tatsächlich vor echten Schreibfehlern und anderenfalls im zweitbesten Fall für den einen oder anderen Lacher beim Empfänger (aus «Flückiger» wird «Flockingen»).

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen bei der Lektüre unserer Sonderseiten über Schottland auf den Seiten 16 bis 19 viel Vergnügen.

Was wäre die Schweiz ohne seine 65’000 km Wanderwege?

Kaspar Flückiger, Redaktor | Der Landanzeiger

Ja, die Schweiz! Schon Jahre vor «Corona» habe ich meine Ferien am liebsten in unserem Land verbracht. Obwohl einzig das Meer fehlt, haben wir das grosse Glück, in einem der schönsten Länder der Welt zu wohnen. Unsere Landschaft ist eine einzige, riesengrosse und prächtige Postkarte. Und wir leben mittendrin.

Vor ein paar Jahren wanderten wir von zu Hause aus quer durch diese Postkarte ins Toggenburg, wo Verwandte wohnen. Dieser Moment, als wir mit Wanderschuhen, Rucksack und Hund die Haustüre abschlossen und losmarschierten, werde ich nie vergessen. «Jetzt sind wir bereits in den Ferien», frohlockte ich schon nach wenigen Schritten meiner Frau zu, unser Daheim noch in Sichtweite. Die Ferien begannen direkt vor der Haustüre, wir mussten nicht erst stundenlang zu einem Ferienort fahren oder gar fliegen.

Das Toggenburg haben wir auch ohne Ortskenntnis gefunden. Denn die Schweiz hat ein dichtes Netz an Wanderwegen, auf denen man durchs ganze Land wandern kann. Immer den gelben Schildern nach. Das Netz umfasst sagenhafte 65’000 Kilometer. Ein solches Wanderwegnetz ist einzigartig in der Welt. Zum Vergleich: das Schweizer Radwegnetz misst 3337 beschilderte Kilometer.

Dies ist nur möglich, dank dem Verein Schweizer Wanderwege und seinen 26 kantonalen Sektionen. Wenn Sie einmal umblättern, finden sie auf Seite 5 eine wunderbare Reportage von Sandra Bruhin vom Verein Aargauer Wanderwege. Sie hat den Routenbetreuer Valentin Schmid einen Tag lang auf seiner Tour begleitet. Der Aarauer ist einer von 85 ehrenamtlichen Helfern, die allein im Aargau dafür sorgen, dass alle gelben Markierungen am richtigen Ort sind, alle Wegweiser gut im Schuss sind (und in die richtige Richtung zeigen) und dass wir schlussendlich eine Woche später auch tatsächlich im Toggenburg landen.

Wegen «Corona» wanderten wir auch dieses Jahr oft von zu Hause aus. Und wir staunten! Das Ruedertal ist ja der «Hammer» – wild, abgelegen und hügelig fast wie das Emmental – herrlich! Aber auch die Wanderung von Kölliken über die Hügel nach Zofingen oder die Tour über den Wannenhof zum Schloss Liebegg bot landschaftliche Schönheiten, da muss man gar nicht meilenweit per Auto irgendwo hinfahren.

Und weil auch das Schweizer Radwegnetz super ist, werden wir hoffentlich noch viele Jahre tolle Touren und schöne Ferien in unserem Land erleben, egal ob zu Fuss oder mit dem Velo.