Easy Rider im Kleinformat

Morgens um viertel nach 6 Uhr, der Wecker klingelt. Es braucht zuerst einen kalten Waschlappen, um einige meiner Lebensgeister in Bewegung zu bringen. Mit einem Kaffee und einer «Ankeschnitte» mit Erdbeer-Rhabarber-Konfi wecke ich auch den Rest der Geister, die lieber weiter schlafen würden. Muss das sein, höre ich sie jammern? Ja, es musste!

Ich habe mir das Ziel gesteckt, noch in diesen Sommerferien das Geld für ein Töffli zu verdienen. Wir schreiben das Jahr 1972, ich bin 14-jährig und die Ferien haben gerade erst begonnen. Von wegen Sommerferien. Harte körperliche Arbeit ist angesagt. In der Kölliker Ziegelhütte beseitige ich kaputte Lehmziegel, die schwer wie Blei sind. Putze Fensterscheiben, die seit mehr als 20 Jahren keinen feuchten Lappen mehr gesehen haben und erledige weitere unangenehme Arbeiten. Aber was tut man nicht alles, wenn man ein Ziel vor Augen hat.

Drei Wochen später. Mit zitternden Händen nehme ich mein erstes «Zahltagssäckli » entgegen. Bereits einen Tag später bin ich stolzer Besitzer eines «Puch Velux 30», zwar Occasion, aber das spielt keine Rolle. Der chromglänzende Tank, die in der Sonne glitzernden Speichenräder, der hohe Lenker und die leuchtende Goldfarbe des Rahmens sagen mir, ab sofort bist auch du ein Easy Rider. Wenn auch nur im Kleinformat. Im Dorf sind wir bald als «Töfflibuebe» bekannt.

Schon eine Woche nach dem Kauf meines «Pfupferlis» gehts mit meinen Kollegen «Hänsu» und «Petu» auf grosse Tour. Gotthard, Nufenen, Furka, Susten und Brünig sind angesagt. Das alles in drei Tagen. Bereits in Brunnen machte «Petus » Puch schlapp. Kurzerhand gibt es auf der Strasse eine Motorrevision. Neue Kolbenringe werden eingebaut. Es geht flott weiter. Auf dem Weg zum Nufenen übernachteten wir zum ersten Mal in der Herberge von Al Aqua. Das war ein Fest. Nufenen und Furka schaffen wir mit links. Auf dem Weg Richtung Sustenpasshöhe befreien wir morgens um halb sechs Uhr eine Gämse aus einem Drahtzaun. Das Tier wehrt sich wie wild, ist dann aber doch froh, als wir es in die Freiheit entliessen. Über den Brünig geht es zügig zurück nach Hause.

Heute fahre ich diese Tour mit meinem grossen Töff in ein paar Stunden. Mehr Emotionen weckt das allerdings nicht. Die «Töfflibuebe» von damals sind heute alle rund ein halbes Jahrhundert älter, grauer und auch einiges schwerer. Leider fehlen auch schon einige von ihnen. Die, die noch da sind, sind aber heute noch richtige «Töfflibuebe».

Einer von 600 Millionen

Erst seit wenigen Wochen steht ein Schwarz-Weiss-Fernseher in unserer Stube. Es knistert und rauscht aus dem Lautsprecher. Gebannt, ungläubig und kaum mehr atmend vor Spannung schaue ich auf das Bildgewusel, das da in unsere Stube flimmert. Plötzlich sehe ich die Mondoberfläche, die immer näher kommt. Zwischendurch sind Funksprüche der Astronauten zu hören, dann wieder Bruno Stanek, der zusammen mit Charles Raedersdorf im Fernsehstudio sitzt und das unglaubliche Ereignis kommentiert.

Ich höre Stanek sagen, Astronaut Neil Amstrong habe Computerprobleme, er werde die Landung per Handsteuerung vornehmen müssen. Die Spannung steigt. Dann eine Staubwolke, kurze Zeit später der Funkspruch: «Beep. Houston the Eagle has landet. Beep.»

Selbst als erst 11-Jähriger wusste ich, dass in diesem Moment etwas ganz Grosses geschehen war. Am 20. Juli 1969 um 21.17 landeten die ersten Menschen auf dem Mond. Am kommenden Dienstag, sind es 51 Jahre her. Über 600 Millionen Fernsehzuschauer konnten damals das unglaubliche Geschehnis live am Bildschirm verfolgen. Ich nur darum, weil ich an diesem Abend nicht schon um 20 Uhr im Bett sein musste.

Schlafen konnte ich in dieser Nacht nicht. Ich lehnte mich aus dem Zimmerfenster, suchte den Mond ab und war der Überzeugung, doch etwas sehen zu müssen. Aber selbst Vaters Jagdfeldstecher nutzte nichts. Gut sechs Stunden nach der Landung, betraten mit Neil Armstrong und Buzz Aldrin die ersten Menschen den Mond, während Michael Collins, Pilot der Kommandokapsel, in dieser Zeit den Mond umkreiste.

Erst in einer Aufzeichnung sah ich, wie Armstrong die Leiter herunterkletterte. «Es sieht aus wie Puder», sagt er. Dann der kleine Sprung ab der Leiter und Armstrongs Worte, die in die Geschichte eingingen: «Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein grosser Sprung für die Menschheit.» Auch wie die Flagge gehisst wurde und wie die Männer auf dem Mond herumhüpften, verfolgte ich erneut total fasziniert.

Vier Tage nach der Landung auf dem Mond kamen die drei Astronauten in ihrer Kapsel zurück auf die Erde. Sie landeten sicher im Pazifik. Die Mission der Apollo 11 war geglückt. Gerne hätte ich mir das Ganze noch einmal mit Originalkommentar angesehen. Doch leider hat das Schweizer Fernsehen diese Aufzeichnungen von damals gelöscht. Den Verantwortlichen müsste man dafür auf den Mond schiessen!