Sind Sie auch ein Katzenfan?

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Ich nicht. Aber unsere zwei Kinder wünschen sich schon seit längerem ein Haustier. Am liebsten eine Katze. Je näher Weihnachten kommt, desto öfter wird das Büsi zum Thema. Seit unsere Kids, Corona bedingt auch einen Computer besitzen, um ihre Hausaufgaben zu machen, liegen immer öfters Katzenbilder in meinem Drucker. Wir können damit bald unsere Wohnung neu tapezieren.

Dabei haben wir schon eine Katze. Sie ist sogar die Pflegeleichteste der Welt! Sie sitzt jeden Morgen miauend vor der Balkontüre, kommt ebenfalls pünktlich zum Mittagessen und lässt auch kein Nachtessen bei uns aus. Sie darf sogar zu uns in die Wohnung und hat dort ihr eigenes Plätzchen. Auch ihr eigenes Kistchen. Doch sie hält es meist nicht sehr lange drinnen aus. Sehr zum Ärger der Kinder, aber zur Freude des Vaters.

Das «Laubsägeli», wie die Kinder die Katze nennen, ist uns vor rund drei Jahre zugelaufen. Wem sie gehört, wissen wir nicht. Einen Erkennungschip hat sie keinen. Der Besitzer scheint sie nicht zu vermissen, im Quartier hing noch nie eine Suchanzeige.

Und das ist für mich das Hauptproblem: Wer sich für ein Haustier entscheidet – egal welcher Art – der übernimmt die Verantwortung für das Wohl eines Lebewesens. Und das nicht nur am Anfang, wenn das Tier klein und süss ist, sondern auch später und nicht selten bis zum Tod. Egal ob Katze, Hund oder Meerschweinchen. Die Anschaffung eines Tieres betrifft die ganze Familie und verändert den Alltag in vielen Bereichen. Die Entscheidung für oder gegen ein Haustier sollte daher im Familienkreis getroffen werden und keine spontane Handlung sein.

Wer sich für ein Tier entscheidet, der muss auch die nötige Zeit dafür aufbringen. Hunde müssen regelmässig raus, nicht nur vor die Tür, Katzen wollen unterhalten werden und auch die Pflege von Meerschweinchen und Co. ist nicht in wenigen Minuten erledigt. Auch Tiere haben Gefühle und brauchen Liebe und Zuneigung. Ausserdem passt nicht jedes Tier zu jedem Menschen. Um so wichtiger ist es, dass ein Tierhalter sich sein Tier selbst aussucht und nicht ein anderer die Entscheidung für ihn trifft. Ein ungeliebtes Tier merkt schnell, dass es nicht willkommen ist.

Auch darum will ich keine Katze. Seit vielen Jahren habe ich einen Vogel, das sagt man mir jedenfalls nach. Und dieser Vogel verträgt sich nun mal nicht mit einer Katze. Oder kennen Sie eine Geschichte zwischen «Miau» und «Pipip», die gut ausgegangen ist?

Ein Leben als Nomade

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Immer öfters erwache ich nicht mehr dort, wo ich ins Bett gegangen bin. Halt, es ist nicht so, wie Sie jetzt vielleicht denken. Ich bin ein seriöser Familienvater, verheiratet und glücklich in unserem trauten Heim. Eigentlich bin ich mit wenig zufrieden.

Zu Hause ist das Bett eines meiner wichtigsten Möbel, nebst dem Grill. Im Bett will ich Platz, meine eigene Decke und ein hochstellbares Fussteil. Ist das alles vorhanden, kann ich überall schlafen.

Zur Rosenhochzeit, wie man das 10-Jahr- Jubiläum auch nennt, wünschten sich meine Frau und ich neue Betten. Angestachelt durch verlockende Rabattangebote gings an einem Samstag auf, das neue Bett der Träume zu finden. Im Möbelhaus trennten wir uns und jeder suchte sich sein Wunschobjekt aus. Dass sich unsere zwei Kinder plötzlich auch neue Schlafstätten wünschten, vereinfachte die Suche nicht wirklich. Das Einmischen des geschäftstüchtigen Verkäufers machte das Chaos perfekt. Wir fotografierten schnell einige in Frage kommende Objekte und weg waren wir wieder.

Zu Hause beriefen wir den Familienrat ein, das Mitspracherecht der Kinder wurde definiert und die Budgetobergrenze auf vierstellig gesenkt. Zwischen Nachtessen, Sportschau, Gutenachtgeschichten und Frühstück kam immer wieder das neue Bett zur Sprache. Weitere Besuche im Möbelhaus folgten. Im Duo, im Quartett und solo. Doch statt einer Lösung vor Augen, wurde es von Mal zu Mal schwieriger. Am Ende gabs sogar Streit.

Das bald endende Rabattangebot und das Wissen um die Notwendigkeit eines neuen Betts, führte am Ende zu einem gutschweizerischen Kompromiss. Meine Frau erhielt ihr dreimotoriges Bett. Ich dafür ein breiteres. Dass die Matratzen nicht dieselbe Höhe haben, störte nur in der ersten Nacht.

In der Zwischenzeit schlafe ich eh selten im neuen Bett. Nicht weil ich so viel arbeiten muss, nein, weil es unsere Kinder immer öfters in Beschlag nehmen. Schaffe ich es Mal vor ihnen ins Bett, gesellt sich bestimmt mitten in der Nacht eines von ihnen zu uns. Dann ziehe ich regelmässig aus.

Schlaftrunken gehts ab Richtung Kinderzimmer, Sofa oder Gästezimmer. Bevorzugt wird, was um diese Zeit noch oder wieder frei ist. Nicht selten erwachen meine Frau und ich nicht dort, wo wir ins Bett gegangen sind. Es fühlt sich an wie ein Leben als Nomade, jeden Tag ein anderes Nachtlager. Egal. Hauptsache schlafen, sag ich mir. Erholen kann ich mich ja im Büro wieder.

Wird der Bundesrat vom Volk gewählt?

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Die vielen Wahlplakate entlang der Stras-sen führen dazu, dass sich unsere beiden Kinder (10 und 8 Jahre alt) spielerisch mit der Politik befassen. Sind wir im Auto, werden viele Plakate kommentiert. «Alex kenne ich», so meine Tochter, «er war der OK-Chef des Turnfests in Aarau». Tobias erkennt sie auch, er hat uns mit seiner Wahlempfehlung auch ein Säcklein «Gummibärli» mitgeschickt. Auch Karin erkennen die Kinder, sie haben wir in den Skiferien getroffen. Und Robert ist ihr Velomechaniker, wenn Mama oder Papa nicht mehr helfen können.

Die Kinder schauen genau auf die Plakate. «Ist Suzanne nicht falsch geschrieben, Papa», will mein Sohn wissen. «Dürfen auch Kinder gewählt werden?», fragt die Tochter. Sorry Nico! «Nein, die Kandidaten müssen am Wahltag 18 Jahre alt sein. Viele sind gar viel älter», erkläre ich. «Warum hat es so wenig Frauen?», fragt die Kleine fast vorwurfsvoll. Darauf habe ich so auf die Schnelle keine plausible Antwort. «Der Dieter hat am meisten Plakate», sind sich unsere beiden Kinder für einmal einig. «Der muss bestimmt viel Geld haben».

Am Abend geht die Staatskunde in eine weitere Runde. Wir füllen gemeinsam am Esszimmertisch die Wahlunterlagen aus. Mit Leuchtstiften kreisen die Kinder die Kandidierenden, die sie kennen, oder wiedererkennen, auf den Prospekten der Parteien ein. «Sind das alles Schweizer?», will mein Sohn wissen. Ich kann ihn beruhigen, es sind alles Schweizer. «Auch die, mit Namen, die uns nicht oder noch nicht geläufig sind.» 

Stolz präsentieren die Kinder eine Liste ihrer Kandidatinnen und Kandidaten, die sie gerne wählen würden. Was folgt, ist die grosse Enttäuschung: In unserem Wohnbezirk hat es nur Platz für 15 Kandidierende auf der Liste. Das grosse Feilschen beginnt. Zählt das Können des Velomechs mehr als die Gummibärli des Arztes, löst die Ferienbekanntschaft mehr Emotionen aus, als die Mutter eines Schulfreunds? Unfair sei es, finden beide Kinder, dass 15:2 nicht aufgeht und sie so nicht gleichviele Frauen und Männer auswählen können.

Als Papa noch etwas von «streichen» und «doppelt auf die Liste schreiben» erzählte, schlägt der Sohn vor, das aufs nächste Mal zu verschieben. Zufrieden kleben die Kinder «ihr» erstes Wahlcouvert zu und werfen es in den Gemeindebriefkasten. «Wird der Bundesrat eigentlich auch von uns gewählt?», will die Tochter auf dem Nachhauseweg wissen. «Nein», muss ich sie enttäuschen. «Auch wenn es einige Wähler in unserem Land nur allzugerne tun würden.»

Die Zeitung hat noch lange nicht ausgedient

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Im Computerzeitalter sind handgeschriebene Briefe eine seltene, aber willkommene Abwechslung. Auch auf der Redaktion. Noch gibt es Leserinnen und Leser, die uns Einsendungen auf dem Postweg zukommen lassen. So wie Lotti Dätwyler aus Chavannes-près-Renens im Kanton Waadt. Sie hat uns in einem gelben A3-Umschlag eine gut erhaltene Ausgabe des Landanzeigers vom Freitag, 27. August 1943 geschickt. Die Zeitung diente ihr über mehrere Jahrzehnte in einem Wandkasten als Auskleidung.

In der vierseitigen Ausgabe, die während dem zweiten Weltkrieg erschien, sind keine Fotos zu finden. Dafür Inserate, die einem zum Schmunzeln bringen, andere zum Nachdenken. So heisst es in einer Anzeige: «Gesucht, 12- bis 15-jähriger, gesunder Knabe, zu Landwirt, bei guter Behandlung». Wir fragen uns auf der Redaktion, wird hier ein junger Knecht gesucht oder ein Verdingkind? Weiter unten: «Auf Anfang September könnte ein kräftiger, intelligenter Jüngling, nicht unter 16 Jahren, mit guten Schulzeugnissen, unter günstigen Bedingungen, eine Lehrstelle als Sattler oder Tapezierer antreten.» Wir fragen uns, musste hier der Jüngling Geld bringen, damit er die Lehre absolvieren kann? Heute unvorstellbar.

Zum Schmunzeln brachte uns Coiffeur E. Fuhrer aus Oberentfelden, er schrieb: «Ich bitte meine verehrte Kundschaft, während meiner Abwesenheit, das Haare schneiden an Samstagen zu unterlassen. Höfliche Empfehlung.» Oder die Apotheke A. Schwyter in Schöftland inserierte: «Übermässiger Fussschweiss und Achselschweiss sind lästig. Fusspuder, Formalinlösung oder Fussbadesalz beseitigen diese unangenehmen Erscheinungen rasch und »ohne Schaden«. Erstaunliches bot auch die Drogerie K. Tuchschmid aus Oberentfelden zum Kauf an. »Mist ohne Vieh: 5 Kilo Fr. 3.40, 10 Kilo Fr. 5.70. «Herausgestochen sind auch die vielen Inserate, die zum Tanze riefen, sei es in die »Herberge« nach Teufenthal, in den »Bären« Holziken, ins »Rössli« Kölliken oder ins Alkoholfreie Restaurant »Striegel« nach Safenwil.

Ob sich die Tanzfreudigen heute auch noch in der Zeitung informieren, «wo der Bär tanzt»? Ich glaube nicht. «Die Zeitung stirbt aus, Digital gehts in die Zukunft», bekomme ich von Jüngeren öfters zu hören. Dabei hat die Zeitung so viel Vorteile. Nach dem Lesen kann man sie zum Anfeuern benutzen, kann damit die Katzenkiste auskleiden, kann nasse Schuhe stopfen. Oder die in diesem Sommer besonders lästigen Wespen tot schlagen. Versuchen Sie das mal mit dem Laptop oder dem Computer-Tablet.

Bremsen statt hupen

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Am Neujahrstag habe ich mir den Vorsatz gefasst, mein Verhalten im Strassenverkehr etwas zu entschleunigen. Nun ist es an der Zeit, ein erstes Fazit zu ziehen: Schweren Herzens gebe ich es zu, es ist nicht so einfach, wie gedacht. Ich habe noch Luft nach oben. Trotzdem, das kleine Post-it am Armaturenbrett mit der Aufschrift «bremsen statt hupen» hat seine Wirkung nicht verfehlt. Öfters lass ich nun anderen Verkehrsteilnehmern den Vortritt, bremse regelmässig am Fussgängerstreifen, überhole Velofahrer mit grossem Abstand, gebe nicht mehr extra Gas, wenns gelb wird oder schenke anderen auf der Strasse ein Lächeln. Es wirkt Wunder.

Doch wie gesagt, es gelingt auch mir nicht immer. Neulich an der Kreuzung Schönenwerderstrasse/Engelplatz in Oberentfelden. Die WSB naht, ich will schleunigst vom Geleise, doch niemand lässt mir eine Lücke. Ich erzwinge den Vortritt. Der Fahrer einer grossen, schwarzen Limousine schwäbischer Bauart hupte kräftig. Er macht Handbewegungen und imitiert Wesen aus der Tierwelt. Gebremst hat er erst, als wir weiter vorne gemeinsam vor der Barriere stehen. Ich steige aus. Er auch. Seine Augen werden gross. Seine Halsmuskeln verkrampfen, seine rechte Faust ballt sich. «Es tut mir leid», sagte ich zu meinem Gegenüber, «es war mein Fehler. Sorry.» Der Mann beruhigt sich, nickt, richtet seine Goldketten um den Hals und steigt wieder ins Auto. Als er abzweigt, winkt er mir zu. Zwar nicht freudig, aber immerhin. «Bremsen statt hupen» lese ich einmal mehr auf dem in der Zwischenzeit etwas vergilbten Zettelchen.

Auf meinem Heimweg von der Arbeit fahre ich gern Überland. Auf dem «Bottensteiner », einem Übergang zwischen Bottenwil und Zofingen gibt es eine Stelle, dort äsen regelmässig Wildtiere am Waldrand. Bremsen und abblenden ist angesagt. Aber notfalls auch hupen und auf weitere Tiere gefasst sein, das rät jeder Wildhüter.

In Kürze entscheiden fünf Gemeinden in unserer Region, ob sie sich zum Zukunftsraum Aarau, der elftgrössten Stadt des Landes, zusammenschliessen wollen. Lange wars verdächtig ruhig, nun kommt Bewegung in den Abstimmungskampf. In den Leserbriefspalten malen die einen den (Fusions)-Teufel an die Wand, die anderen erzählen das Blaue vom Himmel. Der Ton wird rauer und lauter, die Argumente selten stichfester, je näher die Abstimmungen kommen. Nicht nur rund um den Zukunftsraum. Dabei wäre gerade in der heissen Abstimmungsphase öfters angebracht: Entschleunigen und bremsen statt hupen.

Ferien in der Schweiz

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Ein «richtiger» Schweizer gehorcht dem Bundesrat und macht, was dieser ihm ans Herz legt. Wenigsten ab und zu. So erinnere auch ich mich bei meiner Ferienplanung an die markigen Worte von Bundesrat Ueli Maurer: «Machen Sie in diesem Jahr Ihre Ferien in der Schweiz, geben Sie ihr Geld hier aus.»

Um mich ideal auf meine Feriendestinationen vorzubereiten, kaufe ich regel-mässig Reiseführer. Auch in diesem Jahr. Drei Ratgeber für die Schweiz schleppte ich nach Hause. Schönste Farbbilder der Kappelbrücke in Luzern, dem Matterhorn, dem Landwasserviadukt der Rhätischen Bahn, dem Schilthorn und der Berner Altstadt motivieren mich, dieses schöne Land noch besser kennenzulernen und es zu bereisen. Zwischen einer festlich geschmückten Schweizer Milchkuh und einer Gruppe glücklicher Fondue-Esser warnt mich aber plötzlich ein fetter Zwischentitel vor der «schlimmsten Touristenfalle der Schweiz»: Den Preisen von Käse und Schokolade in Souvenirläden. Der Autor eines anderen Reiseführers rät, die Höchstgeschwindigkeiten auf Schweizer Strassen einzuhalten: «Verstösse werden streng geahndet. Die Grenzen nach oben sind offen und reichen bis zur Beschlagnahmung des Au-tos …» Der dritte Ratgeber entpuppt sich auch als Sprachführer: Zur Begrüssung sagt man in der Schweiz «Grüezi» und nicht «Grützi». Vom Schweizerdeutsch wird eh wärmstens abgeraten. Versuche von Ausländern, Schweizerdeutsch zu sprechen, wirken auf das Gegenüber meist peinlich, heisst es. Auch Scherze über Schwarzgeld, Minarettverbot und Mohrenköpfe seien beim ersten Smalltalk mit Schweizern zu vermeiden. Schnell blättere ich weiter. Bilder von Schokolade, Käse, Taschenmessern, Banken und Bergen stimmen mich -wieder milde.

Ähnliche Bilder – einfach viel weniger an der Zahl – gab es schon 1793 im ersten Reiseführer über die Schweiz. Mich erstaunt es, dass sich die Touristikbranche auch heute noch diesen traditionellen und etwas verstaubten Klischees bedient. Das führt dazu, dass viele ausländische Gäste diese angeblich so typischen Schweizer Symbole in unserem Land suchen und mit einem völlig falschen Bild in unser Land reisen. Dabei wirbt die Schweiz seit den 70er-Jahren vermehrt auch für sanften, umweltfreundlichen Tourismus und für Ferien mit Ruhe und Erholung. Viele Orte richteten sich darauf aus und konnten dadurch neue Gäste empfangen. Warum legt die Schweizer Tourismusbranche nicht grös-seren Wert darauf, auch in Reiseführern unser Land moderner zu vermarkten?

Könnte es sein, dass wir die wirklich schönen Orte in unserem Land lieber selber geniessen, als sie mit Touristen zu teilen?

Der Mann kann auch mal nichts tun und an nichts denken

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Sommerferien und der Jahresbeginn haben eine grosse Gemeinsamkeit: Man nimmt sich viele gute Vorsätze: Bücher lesen, mehr Sport treiben, das Geschäft vergessen, sich der Familie widmen und dann auch Mal einfach nichts tun.

Was verlockend tönt, ist gar nicht immer so einfach. Doch warum genau, kommt es zwischen Mann und Frau gerade auch in den Ferien oft zu Spannungen oder gar Streit? Es liegt daran, dass das Hirn von Frauen und Männern optisch zwar gleich aussieht, aber völlig anders funktioniert, erzählte mir neulich ein guter Freund auf einer mehrstündigen Wanderung im Engadin.

Diese Erkenntnis war mir nicht neu. Gespannt war ich hingegen auf seine weiteren Ausführungen. Das männliche Hirn bestehe aus vielen kleinen Boxen und Schachteln, die sich nicht berühren, erzählte er weiter. Der Mann verfüge zum Beispiel über eine Auto-Box, eine Job-Box, eine Geld-Box, eine Familien- Box, eine Sport-Box und eine Stammtisch-Box. Gedanklich sortierte ich schon Mal meine Boxen im Hirn und fand noch einige mehr.

Das Hirn der Frau sei hingegen völlig anders strukturiert. Es sei wie ein grosser Knäuel aus Drähten. Und alles sei mit allem verbunden: Das Geld mit dem Auto, das Auto mit dem Job, der Job mit der Familie, die Familie mit der Freizeit und die Freizeit mit dem Geld… Das sei einer der Gründe, warum Frauen dazu neigen, sich an alles zu erinnern. «Wenn dann noch Emotionen dazu kommen, dann brennt sich das in ihr Gedächtnis ein und sie werden sich immer daran erinnern», analysiert mein Freund weiter.

Der Grund, weshalb wir Männer das aushalten sei unsere Lieblingsbox: die leere Box. Diese ermögliche es uns, einer völlig öden Beschäftigung nachzugehen, über Stunden gar nichts zu tun oder an absolut gar nichts zu denken. «Und das ohne schlechtes Gewissen», freut sich mein Begleiter spitzbübisch.

Anders sei es bei den Frauen, zeigt sich mein Freund überzeugt: Sie schalten den Verstand nie ab. Und sie kennen diese leere Box der Männer nicht. Das treibe sie zum Wahnsinn. «Nichts lässt den Puls einer Frau mehr ansteigen, als zuzusehen, wie ein Mann nichts tut», sagt mein Freund abschliessend.

Vom schlechten Gewissen geplagt, griff ich am nächsten Tag zum Rasenmäher und waltete meines Amtes. Dass ich dabei über längere Zeit in der «leeren Box» verweilte, störte niemanden.

Ein Trend, den es zu stoppen gilt

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

In der letzten Woche gab es einen Moment, da glaubte ich, die Ohren lügen mich an. Es war, als bekannt wurde, dass der Gemischtwarenladen mit dem grossen M, die Mohrenköpfe der Marke Dubler aus seinen Regalen verbannt. Gegner und Befürworter schiessen seither für und gegen die Süssigkeiten aus vollen Rohren.

Die Meinungen kurz zusammengefasst: Wer für die Verbannung der «Dubler» und Seinesgleichen aus den Regalen ist, ist ein Landesverräter, wer dagegen ist, ist ein Rassist. Etwas dazwischen gibt es kaum.

Seit Tagen beherrscht das Thema auch Frauenchränzli und Stammtischrunden, Kolumnisten, Cartoonisten und Kommentarschreiber. Die Medien sind voll davon, sogar im Ausland berichten sie über die Süssigkeiten und den in unserem Land entfachten Streit. Beim Wochenendeinkauf ist mir aufgefallen, dass die «Dubler» aber noch in anderen Geschäften wie der Migros fehlen. Doch nicht, weil sie ebenfalls verbannt wurden, sondern weil sie ausverkauft waren.

Die Süssigkeit aus dem Freiamt nenne ich übrigens schon seit Jahren einfach «Dubler» und ich esse sie ohne schlechtes Gewissen. Einfach, weil ich sie mag. Bin ich deshalb ein Rassist? «Nein, ich bin kein Rassist, aber …». Diesen Satz kann ich nicht mehr hören, denn zu 99 Prozent folgen danach negative Äusserungen gegen Ausländer.

Seien wir doch ehrlich und geben zu, dass uns Ausländer oft Angst machen. Mehr als uns lieb ist. Doch warum ist das so? Vielleicht, weil wir ihre Sprache nicht sprechen? Sie nicht verstehen? Weil sie viel temperamentvoller sind, als wir eher zurückhaltenden Schweizer? Weil sie uns verdächtig vorkommen, wenn sie in Gruppen am Bahnhof unterwegs sind? Weil sie ständig laut und fröhlich am Handy telefonieren? Oder doch, weil sie halt auch relativ oft in Polizeimeldungen vorkommen?

Dass sich nun auch die Aargauer Polizei Rassismusvorwürfe gefallen lassen muss, verstehe ich ganz und gar nicht. Wer sich bei uns gesetzeskonform verhält, dem kommt die Polizei selten in die Quere. Unsere Sicherheitskräfte halten sich sehr strikte an unsere Gesetze. Da habe ich in mehreren europäischen Ländern schon anderes erlebt. Zurzeit liegt es wieder im Trend, gegen die Menschen zu sein, die sich Tag und Nacht für unsere Sicherheit einsetzen. Ein Trend, den es schnellstens zu stoppen gilt.

Sind Sie mehr Roger Federer oder mehr Ferdy Kübler?

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Was kommt Ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie an Roger Federer denken? Ist es Tennis, eine spezielle Kaffeemaschine, ein Telekommunikations-Unternehmen, eine Teigwarenmarke, eine teure Uhr, eine Luxusautomarke, Schweizer Schockolade oder eine Bank? Früher oder später denken Sie bestimmt auch an das viele Geld, das der Tennis-Star schon bekommen hat. Roger Federer ist zum ersten Mal der Krösus aller Sportler auf der ganzen Welt. Kein anderer Athlet hat in den letzten 12 Monaten so viel Geld erhalten wie er: 106,3 Millionen US-Dollar. 6,3 Millionen davon hat er sich auf dem Tennisplatz erspielt. Der Rest kommt aus der Werbung. Das hat er sich verdient, werden Sie sagen, er ist ja ein so guter Mensch. Roger Federer und seine Frau Mirka spendeten ja zu Beginn der Corona-Zeit eine Million Franken an ein Schweizer Hilfswerk. Das ist rund 1 Prozent ihres Jahreseinkommens. Dazu unterstützt das Paar mit ihrer Founda-tion Kinder im Süden Afrikas.

Der erste Sportler in unserem Land, der mit Werbung mehr Geld verdiente, als mit seinen sportlichen Erfolgen, war die Radsportlegende «Ferdy National» Kübler (97†). Beiden Sportlern bin ich mehrfach begegnet. Roger Federer bestellte nach den Olympischen Spielen in Athen 2004 bei mir ein Bild für seinen Kalender. Das damals übliche Bildhonorar von 200 Franken wollte er nicht bezahlen, 150 Franken müssen reichen, war er der Ansicht. Ich willigte ungern aber trotzdem ein. Schliesslich hat man ja nicht alle Tage diese Ehre, vom Tennis-Champ für Bilder angefragt zu werden. Das Geld kam drei Monate nach der Lieferung des Bildes. Der Kalender wusste zu gefallen, nicht nur meines Bildes wegen.

Als ich Ferdy Kübler zu dessen Lebzeiten das Buch «Ferdy Kübler und die goldenen Jahre des Schweizer Radsports» zum Signieren per Post zukommen liess, legte ich 10 Franken für das Rückporto bei. Wenige Tage später lag das Buch, signiert und mit einer lieben Widmung versehen, wieder in meinem Briefkasten. Im Buch selbst waren eine weitere signierte Autogrammkarte und ein handgeschriebener Zettel. Darauf aufgeklebt, zwei Zweifränkler. Es war der Rest des nicht gebrauchten Rückportos.

Ferdy Kübler ist nach seinem Tod Ende 2016 etwas in Vergessenheit geraten. Doch nicht bei mir. Seine Geste ist mir allgegenwärtig. Übrigens, den Kalender von Roger Federer habe ich in der Zwischenzeit entsorgt. Das Buch von Ferdy Kübler mit der Autogrammkarte und den zwei aufgeklebten Zweifränklern steht noch immer griffbereit in meinem Bücherregal.

Das Spiel mit den Geistern

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Endlich wieder Fussball dachte ich mir, als Bundesrätin Viola Amherd Ende April grünes Licht für Teile des Sports gab.

«Geplant ist, dass ab 8. Juni mit dem Wettkampfbetrieb im Spitzensport angefangen werden kann», sagt die Walliserin. Mein Fussballherz begann zu hüpfen, doch nicht für lange. Denn während ich die Bundesrats-Pressekonferenz nur noch halbherzig weiter verfolgte, poppte bereits die erste Kurzmeldung auf meinem Handy auf: «Geisterspiele in der Super League am 8. Juni möglich!»

Geisterspiel? Früher wurden Vereine, deren Fans oder Verantwortlichen sich etwas zu Schulden haben kommen lassen, mit Geisterspielen bestraft. Und nun sollen Geisterspiele eine Belohnung sein? Das Basler Joggeli, ganz leer? Das Wankdorf und das Letzigrund auch? Alle Stadien der zwei höchsten Ligen leer? Rund um das Brügglifeld in Aarau könnten wenigstens noch einige Zaungäste das Geschehen auf dem Feld mitverfolgen.

Müsste die Polizei die Stadien abriegeln, dass sich niemand unerlaubt Eintritt verschafft? Würden Fangruppen von den Sicherheitskräften auseinandergetrieben, falls sie vor dem Stadion Stimmung machen? Bekämen die Unparteiischen Polizeischutz, wenn die Fans vor dem Stadion «Schiri, wir wissen wo dein Auto steht» rufen?

In den Fanforen wird eifrig über Pro und Contra von Geisterspielen diskutiert. Während die einen für Saisonabbruch tendieren, kämpfen andere wortgewaltig für eine Fortsetzung der Meisterschaft. Erste Spieler melden sich über Onlinemedien zu Wort. Sie betteln förmlich: «Lasst uns wieder spielen, die Bundesliga tuts auch.» Tatsächlich, diese startet am Samstag wieder. Die Spiele gibt es live und kostenlos im TV.

Bekomme ich jetzt einen Teil meiner Saisonkarte zurückerstattet, wollen erst Zuschauer hierzulande wissen. Richtige Fans würden das nie fragen. Denn sie wissen, dass ihr Verein jetzt jede Unterstützung, und ist sie noch so klein, gebrauchen kann.

In den zwei höchsten Ligen ist noch nicht entschieden, ob und wann die Meisterschaft weitergeht. Anders in den unteren Ligen. Die wurden abgebrochen, ohne Meister, ohne Auf- und Absteiger. Das akzeptiert der Promotion-League-Leader Yverdon Sport nicht und will sich den Aufstieg am Internationalen Sportgerichtshof (TAS) erstreiten. Wie schrieb schon Johann Wolfgang von Goethe vor über 220 Jahren im «Zauberlehrling »: «Die Geister, die ich rief, werd ich nun nicht mehr los …»

Kann und will es nicht glauben

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

In den letzten Wochen habe ich meinen Keller entrümpelt. Es ist einiges zusammengekommen, das ich mir in den letzten Jahren angeschafft, es aber selten bis nie benutzt habe. Wohlstandsmüll nennt es mein bester Freund. Meine Segeltuch-Hängematte gehört nicht dazu. Sie stammt aus der Zeit, als ich während mehreren Jahren zur See fuhr. Am Wochenende habe ich mich im Garten mal wieder darin entspannt.

Während ich hin- und herschaukelte und die Grillen zirpten, sinnierte ich in der Nachmittagssonne darüber, was ich als Erstes machen möchte, wenn der Alltag wieder Einzug gehalten hat. Meine Mutter, sie wird im Dezember 85, möchte ich so schnell wie möglich wieder sehen und sie umarmen. Auch Treffen mit Freunden und deren Familien stehen weit oben auf meiner Wunschliste.

So schnell wird das wohl nicht möglich sein, auch wenn es in den kommenden Wochen und Monaten zu Lockerungen kommen wird. Der Zwei-Meter-Abstand wird bleiben. Das sei wichtig, betonen Fachleute aus vielen Bereichen. Auch Disziplin sei weiterhin gefragt, vor allem beim Händewaschen und dem Zuhause bleiben.

Unsere geplanten Herbstferien im Ausland habe ich schon Mal verworfen. Kein Problem, das Engadin ist im Oktober auch wunderschön. Doch kann ich überhaupt wieder campieren in den kommenden Monaten? Dann gehen wir halt öfters in die Badi. Doch auch die öffnen nicht so schnell, wie von vielen gewünscht. Und wann mein Lieblingsgartenrestaurant wieder öffnet, steht auch noch auf keiner Speisekarte.

Dass das Oktoberfest in München nicht stattfindet, stört mich weniger, auch wenn ich als Mitglied der Aarauer Stadtmusik schon die Ehre hatte, am grossen Festumzug in Bayerns Metropole mitzulaufen. Wird der Circus Knie in diesem Jahr seine Tournee überhaupt starten können? Nur allzugerne würde ich Ursus – ein alter Kadettenmusikkumpel – und Nadeschkin und die anderen Zirkusartisten im neuen Zelt im Aarauer Schachen beklatschen. Wenn nicht in diesem Jahr, dann halt vielleicht später. 2021 oder so.

Meine Hängematte schwingt immer noch langsam hin und her. Ich döse fast, bis mir ein Gedanke durch den Kopf schiesst: «Aarauer Maienzug». Ich kann und will mir irgendwie nicht vorstellen, dass er dieses Jahr, erstmals seit ich denken und laufen kann, nicht stattfinden könnte. Noch besteht Hoffnung.

Die Wahrheit ist oft schmerzhaft

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Vor einer gefühlten Ewigkeit nahmen wir Erziehungsberechtigten – wie man uns Eltern in der Schulsprache nennt – am Elternabend unseres Drittklässlers teil. Die junge Lehrperson, die die «kleinen Wilden» frisch übernahm, stellte sich vor, präsentierte die Lernziele und ihre Vorstellung, wie sie diese zusammen mit den Kindern erreichen will. Motiviert und mit viel Freude schilderte die Lehrperson – die schon seit einigen Jahren unterrichtet – ihre ersten Eindrücke der Klasse und war voll des Lobes über den Einsatz, den Klassenzusammenhalt und den Teamgeist, den unsere Jüngsten in den ersten Wochen an den Tag legten. Innerlich freuten sich meine Frau und ich mit der Lehrperson und waren gedanklich schon beim vorbereiteten Apéro, als sich eine Mutter – mittleren Alters und mit strengem Blick – zu Wort meldete.

Sie war der Ansicht, dass der Unterricht viel zu anstrengend sei und ihr Sprössling tatsächlich bis zu dreissig Minuten Hausaufgaben zu erledigen habe – pro Tag! Ein jüngerer Vater fand, dass die Schule viel zu lasch sei, Ordnung und Disziplin fehlten und die Umsetzung der Anstandsregeln zu wünschen übrig lassen. Eine weitere Person bemängelte gar den vorgestellten Unterrichtsstil der Lehrperson.

Hoppla, dachte ich mir, hier sitzen alles Fachleute um uns rum. Die Verbesserungsvorschläge und Erwartungen an die Lehrperson und die Schule nehmen kein Ende. Die Lehrperson tat mir schon lange Leid. Auch auf den Apéro hatte wir in der Zwischenzeit keine Lust mehr. Dann ergriff ein älterer Mann das Wort und machte dem übelsten, aller schon erlebten Wunschkonzerte ein Ende. Mit ruhiger Stimme motivierte er die Lehrperson, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. Den Erziehungsberechtigten gab er mit auf den Weg, sich mehr um ihre Kinder zu kümmern, statt alle Verantwortung an die Schule abgeben zu wollen. Päng, das sass.

Seit mehr als zwei Wochen sind die Schulen im Land nun geschlossen. Die Eltern dürfen, können oder müssen nun zu Hause ihren Kindern den Schulstoff vermitteln. Sie müssen sich auch vertieft mit ihnen abgeben. Dabei dürften manche Eltern schmerzlich festgestellt haben: Nicht der Lehrer war das Problem …

Wann haben Sie zuletzt gelästert?

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Mehr als ein Drittel der Zeit, die wir miteinander reden, geht es um Personen, die nicht anwesend sind. Das hat der Psychologe Robin Dunbar im letzten Jahrtausend herausgefunden. Er hatte mit seinem Forscherteam fremde Gespräche zu wissenschaftlichen Zwecken belauscht.Wissenschaftlich analysiert habe ich das Gespräch der zwei Deutschen nicht, die neulich neben unserem Wohnwagen ihr Wohnmobil platzierten und trotz Schnee und Eis bei untergehender Sonne die Grillsaison eröffneten.

Du bist kein richtiger Schweizer, spottete der Eine, als sein Kollege das Essen aus dem Volg-Sack nahm. Ein richtiger Schweizer ist entweder ein Migros- oder ein Coop-Kind. Dafür habe ich Aromat gekauft, konterte sein Kollege, das gehört in diesem Land zu jedem Essen. Bierdosen gehören auch ausgewaschen, bevor man sie entsorgt, genauso wie das Altpapier. Das bündeln sie hier, bevor sie es weggeben. Beide grölen.

Genussvoll verspeisen die Deutschen Billig-Chips und schlürfen Dosenbier. Während auf dem Grill die erste ungehäutete Servelas geplatzt ist. Wo versteckt ein Schweizer im Schwimmbad seine Wertsachen, fragt der Griller. Natürlich unter dem Badetuch … Beide klatschen sich ab. Jetzt kommen sie richtig in Fahrt.

Die Schweizer werden schon nervös, wenn ihr Zug zwei Minuten Verspätung hat, weiss der Eine. Und noch nervöser werden sie, wenn im Zug der Schaffner kommt, und das obwohl sie ein Ticket haben. Haben Sie eine Bewilligung zum Grillieren, fotzelt der Eine den Andern an, hier in der Schweiz braucht man für alles eine Bewilligung!

Das Land ist so klein und doch haben die hier vier Landessprachen, stellt der Eine seine Schweiz-Kenntnisse unter Beweis. Ich wollte schon anerkennend nicken, als der Andere nachschob: Aber kaum einer kann alle vier Sprachen sprechen, geschweige denn schreiben.

Schweizer haben auf der Strasse panische Angst, geblitzt zu werden. Deshalb überholen sie auf der Autobahn auch meist nur mit 125 km/h. Sie freuen sich aber diebisch, wenn sie jemanden vor einem Blitzer zum Überholen herausfordern können und dieser dann ein «Erinnerungsfoto der Polizei» bekommt.

Obwohl ich mich beim Zuhören im Vorzelt ab und zu ertappt fühlte, amüsierte ich mich köstlich. Vor allem als der Eine zum Schlusspunkt ansetzte: Was sagt ein Schweizer, wenn Aliens bei ihnen im Garten landen? «Hoi zäme, säged emol Chuchichäschtli!»

Und wann haben Sie zuletzt so «richtig schön» über andere gelästert?

Sind die Treuen die Geprellten?

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Seit ich ein Handy besitze, bin ich Abonnent des selben Anbieters. Seit ich zahlen kann, Mitglied derselben Krankenkasse und seit ich als Journalist arbeite, auch Abonnent derselben Zeitung. Typisch schweizerisch bezahle ich jeweils pünktlich meine Rechnungen und geniesse die von mir gekauften Dienstleistungen.

So weit, so gut! Wäre da nicht neulich wieder einmal, kurz nach der Tagesschau, einer dieser unsäglichen Werbeanrufe bei uns eingegangen. Untypisch für mich, wimmelte ich für einmal den Anruf nicht ab. Denn eine freundliche Frauenstimme, mit hiesigem Dialekt, machte mir ihre Zeitung schmackhaft. Sie lobte das Blatt und seine Vorzüge über den Klee und machte mir am Ende ein attraktives Sonderangebot. Ein Angebot, das ist nicht ausschlagen konnte. Wäre ich nicht schon jahrelang Abonnent dieser Zeitung. Das Gespräch geriet abrupt ins Stocken, als ich nach den Sonderkonditionen für langjährige Kunden fragte …

Ähnlich erging es mir bei meinem Telefonanbieter. Auch diesem halte ich schon über drei Jahrzehnte die Treue und wundere mich immer wieder, wieso andere günstiger und schneller surfen, telefonieren und fernsehen können. «Du musst deine Anbieter halt öfters wechseln», sagte mir neulich ein Arbeitskollege. «Die Unternehmen zwingen uns ja förmlich dazu.»

Ein Bekannter und seine Frau machen sich einen Spass daraus, den allerbesten Preis aus den unzähligen Telefonsonderangeboten herauszuschlagen. Meist begnügen sie sich mit Halbjahresabos, die sie im Anschluss nicht verlängern. Dass sie dabei Geld sparen, ist das eine. Viel mehr erstaunt sie aber, dass es Unternehmen gibt, die diese Günstigabo-Strategie seit mehreren Jahren nicht unterbinden. «Ich wäre ja blöd, wenn ich mehr zahlen würde», sagte mein Bekannter neulich.

Von meiner Krankenkasse habe ich noch nie einen Bonus erhalten, auch dann nicht, wenn ich sie über Jahre nicht beansprucht habe. Soll ich auf den nächsten Termin doch noch zu einer günstigeren wechseln? Oder zahlt sich Treue doch noch einmal aus?

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Weisch es, oder behauptisch’s?

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Wir sitzen zu Hause am Stubentisch. Meine Frau, mein Sohn (9), meine Tochter (7) und ich. Gemeinsam blättern wir in alten Zeitungen und lösen Bilderrätsel: Wer kennt die abgebildeten Personen auf den Fotos?

Das ist Donald Trump, sagt meine Tochter und macht sich über die Frisur des US-Präsidenten lustig. Wir haben keinen Präsidenten, sondern sieben Bundesräte, ergänzt sie. Papa staunt. Hast du das nicht gewusst?, fragt die Zweitklässlerin keck. Doch, natürlich, entgegnet Papa. Ich kann sie dir auch aufzählen, sagt meine Tochter und schafft die sieben Namen problemlos.

Meine Frau blättert um. Das ist «Kugelblitz», ruft mein Sohn und zeigt auf den Schweizer Skirennfahrer Beat Feuz. Den findet er richtig gut. So möchte ich auch mal fahren können, kommt er ins Schwärmen. Der wurde in Kitzbühl Zweiter, das warst du in deinen Skirennen auch schon dreimal, erinnert sich die kleine Schwester.

Auf der nächsten Seite entdeckt sie Wendy Holdener. Meine Wendy ist die Beste, frohlockt die Kleinste am Tisch. Als richtiger Fan, mit pinker und neu auch hellblauer Mütze, mehreren persönlich signierten Autogrammkarten, einem unterschriebenen Rennhelm und ein mit -Wendy-Postern ausgestattetem Zimmer, erstaunt dieser Volltreffer im Bildrätsel wenig.

Wir blättern weiter und kommen zum Fernsehprogramm. Das ist die Schlaf-tablette, sagt mein Sohn und zeigt auf einen Sportmoderator im Schweizer Fernsehen. Die Eltern schweigen. Sie schauen verlegen weg. Jetzt nur nichts Falsches sagen.

Nächste Zeitung, neue Bilder. Wieder Politik, diesmal ein Bild aus dem Nationalratssaal. Die Diskussion schweift ab und endet in Staatskundeunterricht: 200 Nationalräte (16 davon aus dem -Aargau), 46 Ständeräte (2 davon aus dem Aargau), beide Kammern bilden zusammen die Bundesversammlung und wählen jeweils die 7 Bundesräte. Unsere Kinder hören andächtig zu. Papi, weisch es, oder behauptisch’s eifach, fragt meine siebenjährige Tochter. Päng, der sitzt.

Unweigerlich schiessen mir viele Gedanken durch den Kopf. Wann habe ich wie und was behauptet, bei dem ich mir nicht ganz sicher war, aber auf meiner Version beharrte? Beispiele gäbe es einige.

Ich schweife zu US-Präsident Donald Trump und seinen oft unwahren Behauptungen und selbstherrlichen Auftritten ab. Nur allzu gerne hätte ich, dass meine Tochter ihn auch mal fragen -würde: Hey Donald, weisch es, oder behauptisch’s eifach?

«Schau mir in die Augen, Kleines»

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Für das Jahr 2020 habe ich mir viel vorgenommen: 53 Vorsätze, um es ganz genau zu nehmen. Für jede Woche in diesem Jahr einen neuen. Den ersten haben ich schon umgesetzt: Mehr Sport. Das Jahr startete unsere Familie mit einer mehrstündigen Schneeschuhtour. Wunderbar wars in der Mythenregion. Auch die Kinder hatten ihren Spass. Im Anschluss setzte ich auch gleich den zweiten Vorsatz um: Mehr Erholung.

Im 2020 möchte ich aber auch wieder mutiger werden und den Leuten ins Gesicht sagen, wenn mir was nicht passt. Hart im Ton, aber fair in der Sache. Dasselbe muss ich aber auch von meinem Gegenüber annehmen. Nicht immer einfach, ich weiss, auch für mich.

Im Strassenverkehr sehe ich auch noch Verbesserungspotenzial. Auch auf der rechten Spur der Autobahn kommt man ans Ziel und zwar nicht viel langsamer, aber nervenschonender. Das habe ich in den ersten Tagen des neuen Jahres nun mehrfach getestet. Es funktioniert. Bei jedem Richtungswechsel, den Blinker zu stellen, ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine Pflicht. Und hätte der liebe Gott gewollt, dass wir während dem Autofahren am Handy hängen und gleichzeitig auch noch essen und trinken, so hätte er uns bestimmt vier oder mehr Arme gemacht.

«Schau mir in die Augen, Kleines», sagt Humphrey Bogart im Filmklassiker «Casablanca» immer wieder zu Ingrid Bergman. Ob er da an die Situationen am Fussgängerstreifen gedacht hat, bezweifle ich. Doch gerade dort wäre es sehr wertvoll, den andern Verkehrsteilnehmern in die Augen zu schauen und nicht stur auf seinem vermeintlichen Vortrittsrecht zu beharren. Das gilt für Fussgänger, wie auch für Fahrzeuglenker. Auch in diesem Bereich habe ich mir fürs 2020 vorgenommen, öfters anzuhalten oder stehen zu bleiben und dem Gegenüber ein Lächeln und den Vortritt zu schenken.

In den kommenden 12 Monaten sind wir aufgefordert, wieder mehr selber zu denken. Nicht jedem Hype nachzurennen und jede (Fake)News zu glauben. Die Wahrheit ist oft nicht auf den ersten Blick erkennbar. Umso wichtiger ist es, sich Zeit für einen zweiten Blick zu nehmen und den Wahrheitsgehalt vertiefter zu prüfen. Vor allem dann, wenn man gedenkt, das Gehörte oder das Gesehene selbst weiter zu erzählen.

Hoffen wir, dass die Wahrheit wieder mehr auf Händen getragen und weniger mit den Füssen getreten wird.