Wie haben Sie es so mit dem Singen?

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Singen macht Spass, singen befreit, singen verbindet. Aber richtig singen ist schwierig und richtig gut singen noch viel schwieriger. Deshalb gehörte ich in der Schule eher zu denen, die hinten standen und die Melodie summten. Andere sangen kräftig, inbrünstig und mit Leidenschaft. Auch Schreihälse hatten wir in der Klasse. Sie kannten nichts, sangen uns jeden Rock-Hit auswendig vor und spielten nebenbei auch noch Luftgitarre oder Schattenschlagzeug.

«Yesterday» von den Beatles war der Song, den ich zum Schulabschluss vorsingen musste. Und der benotet wurde. Ihn zu summen, hätte für mich gereicht. Die Musiklehrerin sah das verständlicherweise etwas anders. So suchte ich mir einen Ort, wo ich ungestört üben konnte. Unter der Dusche. Was ich nicht wusste, dass über die Badezimmerlüftung in der Telli in Aarau mehr Leute meinen (Katzen-)Gesang mithören mussten, als ihnen lieb war. Als eine Nachbarin in der Waschküche meine Mutter fragte, ob ich noch ein anderes Lied könne, suchte ich mir eine andere Dusche. Im Sportverein sangen wir oft gemeinsam nach einem Sieg in der Garderobe oder unter der Dusche. Oft fühlten wir uns wie «Champions». Egal wie es klang.

Am Montagabend blickten viele Schweizerinnen und Schweizer gespannt nach Bukarest. An der Fussball- Europameisterschaft spielte die Schweiz gegen Frankreich. Mit Argusaugen wurde die eigene Mannschaft bereits vor dem Anpfiff beobachtet. Wer singt die Hymne, wer nicht, wer bewegt nur den Mund? Die Mitsummer fielen auch diesmal durch alle Maschen. Welche Erleichterung, als bei den Topstars der Franzosen – den Weltmeistern – auch nicht so recht ersichtlich war, ob sie nun singen, Kaugummi kauen oder Mundgymnastik machen.

Das Spiel bot dann aber alles, was Fussball so schön, spannend und nervenaufreibend macht. Führung, verschossener Penalty, Rückstand, vorentscheidender Rückstand, Anschlusstreffer, Ausgleich, Verlängerung, Penaltyschiessen, Sieg, Viertelfinal-Qualifikation. Das Hymnen-Singen wurde zur Nebensache. Erstmals seit 67 Jahren qualifiziert sich die Schweiz wieder für einen Viertelfinal an einem grossen Turnier. Am Freitag geht es in St. Petersburg gegen Spanien. Von denen singt gar niemand die Hymne. Kein Wunder: Ihre Hymne hat ja gar keinen Text.

«Warte, luege, lose, laufe, länger läbe»

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Erinnern Sie sich noch, wann und wo Sie den Spruch «Warte, luege, lose, laufe …» erstmals gehört haben? Bei mir wars im Kindergarten. Dorfpolizist Wachtmeister Max Röthlisberger kam persönlich bei uns vorbei und lernte uns, die Strasse richtig zu überqueren, die Gefahren zu erkennen und den nächsten Fussgängerstreifen zu benutzen. Zugegeben, das ist nun schon eine Weile her.

Aber an Aktualität hat «Warte, luege, lose, laufe …» nichts eingebüsst. Noch immer gibt es Strassen, Fahrzeuge, Fussgängerstreifen und gefährliche Situationen. Und zwar je länger, je mehr. Pro Jahr gibt es laut Beratungsstelle für Unfallverhütung im Strassenverkehr (Autos, Fussgänger und Velos zusammengerechnet) rund 1050 Schwerverletzte auf Grund von Ablenkung und Unaufmerksamkeit. 600 Unfälle mit Schwerverletzten gehen auf das Konto von Fussgängerinnen. Und jede Woche stirbt in der Schweiz ein Fussgänger an den Folgen eines Unfalls.

Auffällig ist, dass sich rund ein Drittel der tödlichen Unfälle und mehr als 40 Prozent der Unfälle mit Schwerverletzten auf einem Fussgängerstreifen ereignen – einem vermeintlich sicheren Ort. Das hat damit zu tun, dass dort besonders viele Menschen die Strasse überqueren. Und dass immer mehr Menschen abgelenkt sind oder sich ablenken lassen. Oft durch ihr Handy.

Eine Erhebung im Auftrag der Allianz Versicherungen zeigt: 63 Prozent der Handy-Besitzerinnen telefonieren beim Gehen, 47 Prozent nutzen Geräte auch beim Überqueren der Strasse, 38 Prozent schreiben beim Gehen Nachrichten, 33 Prozent lesen Texte oder schauen Bilder und Videos an. 31 Prozent der Handynutzer*innen hören Musik unterwegs, 56 Prozent von ihnen mit Kopfhörern, 84 Prozent davon mit beidseitigen Ohrstöpseln. Das Strassenverkehrsgesetz sagt: Kopfhörer im Strassenverkehr sind nicht grundsätzlich verboten. Erlaubt allerdings nur bis zu dem Moment, in dem etwas passiert. Doch dann ist es oft schon zu spät.

Neue Gesetze und Verbote bringen aus meiner Sicht wenig. Wichtiger wäre, Verkehrsteilnehmer und Fussgänger würden wieder vermehrt den Augenkontakt zueinander suchen. Denn was war schon im Kindergarten das Ziel unserer Verkehrserziehungslektion? Richtig, «länger läbe»!

Da will mir jemand den Maienzug vermiesen

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Es gibt nichts Schöneres als den Maienzug, da stimmen mir alle Aarauer*innen und erst recht alle Heimweh-Aarauer zu. Mit einer Ausnahme: Lelia Hunziker, 47, SP-Grossrätin und in Aarau zugezogen. Sie hat in einer Kolumne in der «Aargauer Zeitung» den Maienzug als «alten Zopf» betitelt, «der neu geflochten werden soll». Wortgewandt zog sie über das Aarauer Fest der Feste her und schrieb schlecht, was vielen jungen und älteren Hauptstadtbewohnern seit Jahren ans Herz gewachsen ist.

Ups, da hat sich die einst höchste Aarauerin zu weit aus dem Fenster gelehnt. Es hagelte Leserbriefe – auch im Landanzeiger –, auch in den Kommentarspalten auf den sozialen Medien war der «Maienzug-Verriss» über mehrere Tage das bestimmende Thema. Zustimmung fand die SP-Politikerin nicht mal in den eigenen Reihen.

«Den Maienzug mochte ich nie», schreibt die 47-Jährige. Das sagt ja schon alles. Als Zugezogener weiss auch ich, wie man sich vor dem ersten Maienzug fühlt. Man ist nervös, weiss nicht so recht, was einen erwartet. Ist man richtig angezogen, ist die Granate noch frisch, findet man den Besammlungsort und wie reagiert wohl die Klasse auf meine erste Teilnahme? Alles kein Problem. Kaum in der wunderschön herausgeputzten und geschmückten Stadt eingetroffen, sind alle Ängste verflogen. Überall strahlende Menschen, glückliche Gesichter, Maienzug halt!

Dass der Festumzug, der Dresscode und das Bankett für die Kolumnenschreiberin subito in die Mottenkiste gehören, verstehe ich ebenso wenig wie die Tatsache, dass die SP-Grossrätin am liebsten auch noch den Bachfischet und den Neujahrsempfang total umkrempeln will.

Was seit über 400 Jahren von einem sehr grossen Teil der Stadtbevölkerung als das schönste Fest des Jahres gefeiert wird, darf auch weiterhin auf diese Tradition setzen.

Liebe Frau Hunziker, gerne zahle ich Ihnen für den nächsten Maienzug zwei SBB-Tageskarten. Dann können Sie am Zapfenstreich und am grossen Festtag selbst durch die Schweiz reisen und müssen sich nicht über den Maienzug und die vielen glücklichen Menschen ärgern. Und wer weiss, vielleicht finden Sie auf dieser Reise einen Ort, an dem Sie sich gerne für immer niederlassen wollen.

Danken, bevor es zu spät ist

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Es ist Montagabend, die Sonne geht langsam unter und ich sitze auf einer vollen Zügelkiste in der Aarauer Telli. Dort bereite ich den Umzug für meine Mutter vor. Nach 46 Jahren muss sie ihre Wohnung räumen, da diese renoviert wird. Der Vermieter hat alles bestens vorbereitet. Meine Mutter hat es sich in ihrer Ersatzwohnung, an derselben Strasse, bereits gemütlich gemacht. Mitgenommen hat sie nur das Nötigste und was in zwei Koffern alles so Platz hat. Der Umbau dauert ja nur wenige Wochen.

In meinem ehemaligen Kinderzimmer hängen noch Bilder, die ich damals aufgehängt habe. In meinem ehemaligen Bett hat schon länger niemand mehr geschlafen. Mein alter Schultornister mit Fellüberzug ist noch am Schreibtisch angelehnt. Er hat etwas Staub angesetzt. Darin sind meine alten Zeugnisse. Über die Noten und die von den Lehrern hinzugefügten Bemerkungen schweige ich lieber. Der Satz «Aus dir wird nie was!» hallt noch heute in meinen Ohren.

Aus der Vergangenheit zurückgeholt, packe ich weitere Kisten zusammen. Ein Fotoalbum kommt mir in die Finger. Meine Mutter hat es in all den Jahren feinsäuberlich nachgetragen. Jedes Bild und jeden Schnipsel, den sie von mir gefunden hat, hat sie eingeklebt und aufbewahrt. Den Zeitungsausschnitten von Kadettenkonzerten folgten Bilder der Stadtmusik. Ein Mannschaftsfoto aus dem Handballverein und die Auszeichnung für den erfolgreichen Lehrabschluss. RS-Fotos, Beförderung, Abverdienen, Ferienbilder, alles mit Datum und Legenden versehen. Ein weiterer Berufsabschluss, die Jahre als Skipper in Griechenland. Kein neuer Job entging ihr, egal ob als Montageschreiner, bei Radio, TV oder der Zeitung. Und als sie dann noch Grossmutter wurde, war ihr Glück perfekt. Und der Sammeleifer weiterhin ungebrochen.

Nun sitze ich da und packe ihre Sachen zusammen. Mit jeder Kiste, die dazukommt, spüre ich die unendliche Liebe meiner Mutter, für ihr Kind. Was haben unsere Mütter nicht alles für uns auf sich genommen? Uns immer wieder geliebt, beschützt, gefördert, verteidigt, gelobt, bestaunt, getröstet und mit anderen geteilt. Uns immer wieder die Türen geöffnet, wegen uns geweint und uns doch immer den Vortritt gelassen. Danken wir unseren Müttern für ihre immense Liebe und Hingabe, bevor es zu spät ist. Danken wir heute, morgen und übermorgen und nicht nur am Muttertag.

Endlich wieder shoppen, aber …

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Ist es nicht ein befreiendes, tolles Gefühl, dass die Läden wieder offen sind? Nach fast 70 Tagen fühlt es sich an wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Der 1. März 2021, der Tag der Wiedereröffnung, war wie sonst der 24. Dezember, kurz vor Ladenschluss: Jeder muss noch einkaufen, als ob es kein Morgen mehr gäbe.

Auch ich habe mich auf die Wiedereröffnung gefreut. Und vorbereitet. Ausgerüstet mit Einkaufsliste, Maske, Ellbogenschonern und der frisch geladenen Kreditkarte fuhr ich – aus meiner Sicht rechtzeitig – Richtung Einkaufsvergnügen. Doch, oh Schreck, schon bald bemerkte ich, ich bin nicht alleine mit dieser Idee. Bis ich einen freien Parkplatz fand, drehte ich drei grosse Runden. Es kamen mir erste Zweifel. Ich blieb hart. «Die Geschäfte brauchen dich jetzt», redete ich mir ein. Gedanklich sah ich sie auf Bergen von Material sitzen und grosse Prozentschilder aufkleben.

Dem war denn auch so. Mit leicht feuchten Händen und wie ein kleines Kind vor dem Weihnachtsbaum stürzte ich mich ins Getümmel. Weil sich vor meinem Lieblingsladen aber eine Menschenschlange gebildet hatte, gönnte ich mir eine Pause auf einem freien Stuhl. Hatte ja damit gerechnet und selbst was zu trinken mitgenommen. Auch was zu lesen hatte ich dabei. Und was sehe ich in einem Prospekt: ein siebenteiliges Glasset mit cooler Flasche für tolle Fr. 59.90, rot durchgestrichen der Normalpreis von Fr. 89.90. So geht günstig, denke ich mir. Einen Prospekt weiter treffe ich wieder auf dasselbe siebenteilige Glasset. Hier kostet es noch Fr. 29.90 statt Fr. 39.90. Ich blättere weiter und finde in einem weiteren Prospekt ähnliche Beispiele. Das Spezielle: Die drei Unternehmen, deren Prospekte ich durchgeblättert habe, gehören alle zur selben Firmengruppe. Jetzt verstehe ich auch, was mir ihr Werbeslogan «Unglaubliche Spezialangebote» sagen wollte.

Meine Einkaufslust wurde dadurch nicht gebremst. Der Weg zum Lieblingsladen war nun frei und ich gewillt, Geld auszugeben. Freudig griff ich zu, probierte, hängte zurück, suchte was Neues. Am Ende verliess ich glücklich und mit zwei vollgestopften Einkaufstaschen den Laden. Stolz präsentierte ich zu Hause die Einkäufe. Das Teuerste zuletzt. Meine Tochter musterte mich, hielt inne und meinte: «Aber Papa, diese Jacke hast du ja schon …» Seither nennen sie mich zu Hause spöttisch den «Wirtschaftsförderer».

Wie man merkt, dass man alt wird

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

«Papa, es ist schon ok, wenn Du in die Wohnung zurückfährst und dich ausruhst, Du bist ja nicht mehr der Jüngste», sagte mein Sohn (10) vor wenigen Tagen in den Skiferien zu mir. Verabschiedete sich und fuhr nochmals einige Abfahrten.

Dass ich aber auch sonst bald zum alten Eisen gehöre, bemerke ich zum Beispiel in der Arbeitswelt. Es wird zwar weiterhin voller Einsatz für den Arbeitgeber verlangt, doch im Gegensatz zu früher wird es heute kaum mehr vorgelebt. Sich vor seine Mitarbeiter zu stellen, für Fehler von ihnen einzustehen und sie auszubügeln, erachten viele Vorgesetzte heute als altmodisch und überflüssig.

Der Kunde ist zwar weiterhin König, doch er wird nur als solcher behandelt, wenn er sein Geld bringt, nichts fordert und keine Probleme macht. Gibt es Probleme zu beheben, schiebt man diese gerne anderen in die Schuhe, statt sie direkt zu lösen.

Hatten früher nur Leute einen Titel, den sie sich mit einem Abschluss verdienten, so erhält heute schon fast jeder bei seiner Einstellung eine wahnsinnig wichtig klingende und englisch verfasste Jobbezeichnung. Egal, ob schon was geleistet wurde oder nicht. Möchte man seine Vorgesetzten heute mal direkt sprechen, so haben sie bestimmt gerade ein Meeting, einen Lunch, ihren freien Tag oder gar ein Sabbatical. Brauchte man früher eine Lupe, um ein Organigramm einer Unternehmung zu lesen, so benötigt man heute ein Fremdwörterbuch.

Was mir aber bewusst macht, dass ich langsam zum alten Eisen gehöre, ist die Tatsache, dass ich noch weiss, woher das Geld kommt und wer mir meinen Lohn zahlt. Nämlich Sie, liebe Inserentinnen und Inserenten, Sie liebe Leserinnen und Leser, und dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen. Es freut mich, für Sie arbeiten zu dürfen, und wir beim «Landanzeiger» tun es gerne.

Es fällt mir auch kein Zacken aus der Krone, meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihren Einsatz zu danken und sie zu loben, und das nicht nur kurz vor Weihnachten, weil es halt so sein muss. Nein, Respekt und Wertschätzung sind keine «alten Zöpfe». Sie gehören zusammen mit dem Geldverdienen zu den wichtigsten Eckpfeilern eines jeden Unternehmens. Das war gestern so und gilt auch heute und morgen noch.

Mit anderen Augen sehen

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Not macht erfinderisch. Im vergangenen Jahr traf dies auf viele von uns zu. Kaum jemand konnte umsetzen, was er sich Anfang Jahr vorgenommen hat. Keine grossen Familientreffen, keine weiten Reisen, kein Maienzug, kein Dorffest, kein Open Air, kein Besuch bei den Grosseltern. Die Liste könnte noch beliebig weitergeführt werden.

Doch war im Jahr 2020 wirklich alles schlecht? Ich finde nicht. Es gab durchwegs Ereignisse, die ich nicht missen möchte, die bereichernd waren. Oder es heute noch sind.

So zum Beispiel das Home-Schooling unserer beiden Kinder. Während sich die Kleine (8) einen strikten Stundenplan aufstellte, genoss der Grössere (10) die Freiheiten, dann zu arbeiten, wenn er gerade Lust dazu hatte. So kam es vor, dass der Schultag zu Hause mit einer langen Pause begann, bevor es mit Schlagzeug, der grossen Pause und einer Lektion Sport weiterging. Wir hatten jedenfalls alle unseren Spass und erstmals wirklich viel Zeit für- und miteinander.

Wurde das Thema Computer zu Weihnachten 2019 noch verdrängt, so waren es einige Monate später die Eltern, die dafür sorgten, dass die Kids ihre eigenen Laptops bekamen, Occasion, versteht sich. Nebst Schulaufgaben und einfachen Computerspielen hatten die Kinder plötzlich die Möglichkeit, mit den Grosseltern «Videokonferenzen » zu führen. Nicht nur zum Spass der Kinder.

Ich persönlich genoss die Arbeit zu Hause. Auch mal auf dem Balkon zu sitzen und bei einem Schreibstau den Vögeln im Garten zuzuhören. Auch entdeckte ich das Kochen neu. Zwar wird aus mir nie ein Sternekoch, doch die Familie setzt sich immer noch ohne Zwang an den Tisch und über Magenverstimmung hat noch niemand geklagt. Zugenommen haben im 2020 bei uns jedenfalls alle.

Dass wir unsere Sommer- und Herbstferien in der Schweiz verbringen, war schon vor Corona so geplant. Dass ich aber plötzlich wieder alte Bücher las, eher nicht. Ich genoss auch mal das Nichtstun. Das Leben wurde entschleunigt, weniger gearbeitet habe ich aber nicht. Einfach anders und zu anderen Zeiten. Es blieb mehr Zeit für jeden von uns und die Familie. Und für kleine Dinge, die wir früher kaum mehr beachteten.

Traurig ist nur, dass eine Pandemie kommen musste, damit wir uns vom ewigen «schneller, höher, weiter» verabschieden konnten. Das Ganze, und noch viel mehr, wäre auch ohne Corona möglich gewesen und hätte uns bestimmt auch noch viel mehr Spass gemacht.

2021 wird mein Jahr

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

In wenigen Stunden gehört dieses ominöse 2020 endlich der Vergangenheit an. So Vieles war nicht, wie wir es uns erhofft oder gewünscht haben. Dabei wäre mein Jahr laut der Astrologin Elizabeth Teissier unter einem guten Stern gestanden. Oder habe ich das Horoskop einfach falsch verstanden? Sie sagte mir nämlich aufregende Begegnungen voraus. Das traf ein. So liess ich mir erstmals von einer mir gänzlich unbekannten und erst noch total verhüllten Frau – oder war es doch ein Mann – mit einem übergrossen Ohrenstäbchen in der Nase bohren, bis mir die Tränen kamen. Aufregend war diese Begegnung nicht, aber unvergesslich und negativ.

Der positive Mars im Widder stimuliert während der zweiten Jahreshälfte viele Begegnungen, hiess es weiter. Tatsächlich waren während der zweiten Jahreshälfte mehr Leute positiv, als noch im ersten Halbjahr, nicht nur in meinem Sternzeichen.

Im 2020 dürfen Sie sich auf den Lorbeeren ausruhen, verriet mir das Horoskop weiter. Kommt selten gut, wenn man im Garten rumliegt und nichts tut … Als beste Perioden für Meetings und Auslandskontakte wurden mir die Monate April, August, zweite September- und erste November-Hälfte vorgeschlagen. Stimmt auch nicht. Bleiben Sie zu Hause, predigt Bundesrat Berset immer wieder. Er wusste warum, auch er hatte die Voraussagen der Astrologin gelesen: Neptun verleitet sie zu leichtsinnigen Aktionen.

Die Voraussage, ein guter Jahrgang, um Ihre Figur auf Vordermann zu bringen, habe ich bereits nach dem ersten Monat Home-Office als Lüge erkannt. Ebenso die Vorhersage, ihre Kondition bessert sich besonders im November und Dezember. Und dann doch ein Hinweis, den ich beim Lesen Anfang Januar noch in den Wind schlug: Neptun kann Ihre Abwehrkräfte schwächen. Und, gewisse Nahrungsmittel oder der Wasserkonsum im Ausland machen Sie anfälliger auf Viren (Ende Januar, Mitte März, erste April-Woche, Ende August und Anfang September). Ich gebe zu, das wollte ich nicht lesen und habs schnell wieder vergessen.

Das passiert mir beim Horoskop 2021 nicht mehr. Es ist auch nicht nötig, denn auch in diesem Jahr stehen die Sterne gut für mich. Im Sommer läuft Jupiter durch die Fische und hat Wolke sieben im Schlepptau, auf der Sie für den Rest des Jahres schweben, wird mir vorausgesagt. Zudem soll ich bald Energie für zwei haben und mit gutem Gewissen mehrere grössere Anschaffungen tätigen können. Das 2021 wird meine Jahr? Dies aber nur, sofern ich mich nicht schon wieder im Sternzeichen geirrt habe.

Jammer-Fasten – meine neue Herausforderung

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Zugegeben, es ist nicht gerade der ideale Zeitpunkt zum Fasten. Corona versaut uns zwar die geliebten Firmen- und Weihnachtsfeiern, aber die wunderbaren «Guezli-Feen» bringen Selbstgebackenes mit ins Geschäft und der Schoggi-Weihnachtsschmuck lebt meist auch nicht bis zum 24. Und da will uns einer das Fasten schmackhaft machen. Doch nicht jetzt!

Doch, gerade jetzt sage ich mir. Gerade in dieser Zeit möchte ich mit fasten beginnen. Doch nicht um Kilos zu sparen und endlich leichter zu werden, sondern um wieder glücklicher zu sein. Ich möchte mit Jammer-Fasten starten. Auf die Idee kam ich, als ich neulich mit dem Zug aus der Ostschweiz nach Olten fuhr. Zwei Männer im mittleren Alter, mit lederner Aktenmappe, flachem Laptop und einem Kartoncafébecher mit Plastikdeckel in der Hand, setzten sich ins Abteil neben mir. Wir waren kaum losgefahren, da begann der eine über seine Chefin zu lästern. Unanständig hörte ich mit. Der andere zog nach. Es blieb nicht nur beim Lästern, es wurde genörgelt und geschimpft. Pausenlos.

Als ich in Olten ausstieg und auf den Anschlusszug wartete, fiel mir auf, ich wusste nun nicht nur sehr viel aus ihrem Berufs- und Privatleben, sondern erlebte meine wohl speziellste Zugfahrt ever. Die Männer hatten nämlich auf der ganzen Fahrt – und die ging über 100 Minuten – keinen einzigen positiven Satz von sich gegeben. Ihr Eigenlob ausgenommen.

Ja, auch ich lästere, jammere und schimpfe. Und zwar nicht zu wenig. Aber selbst ist mir mein Geläster noch nie so eingefahren, wie nach dieser Zugfahrt. Ich erinnere mich zurück: Das Geschimpfe und Gejammer war jeweils kurzzeitig befreiend, doch glücklich machte es mich nicht.

Anders ein Kollege am Arbeitsplatz. Er ist immer froh gelaunt und versprüht positive Energie. Von ihm habe ich noch nie etwas Schlechtes gehört. Jammern, Schimpfen und Lästern fehlen in seinem Sprachgebrauch. Zudem ist bei ihm das Glas immer halbvoll. Ich bewundere ihn.

Auch er sei nicht so geboren worden, versicherte er mir neulich. Aber er wollte bewusst so werden. Das Negative hätte ihm viel zu viel Energie gekostet und die Probleme seien trotz lästern und schimpfen nicht kleiner geworden. Deshalb entschied er sich mit Jammer-Fasten zu beginnen und seine Lebenseinstellung ins Positive zu wenden. Es sei ganz einfach, verriet er mir. Etwa so einfach, wie mit Rauchen aufzuhören. Man kann es jeden Tag wieder aufs Neue versuchen.

Sind Sie auch ein Katzenfan?

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Ich nicht. Aber unsere zwei Kinder wünschen sich schon seit längerem ein Haustier. Am liebsten eine Katze. Je näher Weihnachten kommt, desto öfter wird das Büsi zum Thema. Seit unsere Kids, Corona bedingt auch einen Computer besitzen, um ihre Hausaufgaben zu machen, liegen immer öfters Katzenbilder in meinem Drucker. Wir können damit bald unsere Wohnung neu tapezieren.

Dabei haben wir schon eine Katze. Sie ist sogar die Pflegeleichteste der Welt! Sie sitzt jeden Morgen miauend vor der Balkontüre, kommt ebenfalls pünktlich zum Mittagessen und lässt auch kein Nachtessen bei uns aus. Sie darf sogar zu uns in die Wohnung und hat dort ihr eigenes Plätzchen. Auch ihr eigenes Kistchen. Doch sie hält es meist nicht sehr lange drinnen aus. Sehr zum Ärger der Kinder, aber zur Freude des Vaters.

Das «Laubsägeli», wie die Kinder die Katze nennen, ist uns vor rund drei Jahre zugelaufen. Wem sie gehört, wissen wir nicht. Einen Erkennungschip hat sie keinen. Der Besitzer scheint sie nicht zu vermissen, im Quartier hing noch nie eine Suchanzeige.

Und das ist für mich das Hauptproblem: Wer sich für ein Haustier entscheidet – egal welcher Art – der übernimmt die Verantwortung für das Wohl eines Lebewesens. Und das nicht nur am Anfang, wenn das Tier klein und süss ist, sondern auch später und nicht selten bis zum Tod. Egal ob Katze, Hund oder Meerschweinchen. Die Anschaffung eines Tieres betrifft die ganze Familie und verändert den Alltag in vielen Bereichen. Die Entscheidung für oder gegen ein Haustier sollte daher im Familienkreis getroffen werden und keine spontane Handlung sein.

Wer sich für ein Tier entscheidet, der muss auch die nötige Zeit dafür aufbringen. Hunde müssen regelmässig raus, nicht nur vor die Tür, Katzen wollen unterhalten werden und auch die Pflege von Meerschweinchen und Co. ist nicht in wenigen Minuten erledigt. Auch Tiere haben Gefühle und brauchen Liebe und Zuneigung. Ausserdem passt nicht jedes Tier zu jedem Menschen. Um so wichtiger ist es, dass ein Tierhalter sich sein Tier selbst aussucht und nicht ein anderer die Entscheidung für ihn trifft. Ein ungeliebtes Tier merkt schnell, dass es nicht willkommen ist.

Auch darum will ich keine Katze. Seit vielen Jahren habe ich einen Vogel, das sagt man mir jedenfalls nach. Und dieser Vogel verträgt sich nun mal nicht mit einer Katze. Oder kennen Sie eine Geschichte zwischen «Miau» und «Pipip», die gut ausgegangen ist?

Ein Leben als Nomade

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Immer öfters erwache ich nicht mehr dort, wo ich ins Bett gegangen bin. Halt, es ist nicht so, wie Sie jetzt vielleicht denken. Ich bin ein seriöser Familienvater, verheiratet und glücklich in unserem trauten Heim. Eigentlich bin ich mit wenig zufrieden.

Zu Hause ist das Bett eines meiner wichtigsten Möbel, nebst dem Grill. Im Bett will ich Platz, meine eigene Decke und ein hochstellbares Fussteil. Ist das alles vorhanden, kann ich überall schlafen.

Zur Rosenhochzeit, wie man das 10-Jahr- Jubiläum auch nennt, wünschten sich meine Frau und ich neue Betten. Angestachelt durch verlockende Rabattangebote gings an einem Samstag auf, das neue Bett der Träume zu finden. Im Möbelhaus trennten wir uns und jeder suchte sich sein Wunschobjekt aus. Dass sich unsere zwei Kinder plötzlich auch neue Schlafstätten wünschten, vereinfachte die Suche nicht wirklich. Das Einmischen des geschäftstüchtigen Verkäufers machte das Chaos perfekt. Wir fotografierten schnell einige in Frage kommende Objekte und weg waren wir wieder.

Zu Hause beriefen wir den Familienrat ein, das Mitspracherecht der Kinder wurde definiert und die Budgetobergrenze auf vierstellig gesenkt. Zwischen Nachtessen, Sportschau, Gutenachtgeschichten und Frühstück kam immer wieder das neue Bett zur Sprache. Weitere Besuche im Möbelhaus folgten. Im Duo, im Quartett und solo. Doch statt einer Lösung vor Augen, wurde es von Mal zu Mal schwieriger. Am Ende gabs sogar Streit.

Das bald endende Rabattangebot und das Wissen um die Notwendigkeit eines neuen Betts, führte am Ende zu einem gutschweizerischen Kompromiss. Meine Frau erhielt ihr dreimotoriges Bett. Ich dafür ein breiteres. Dass die Matratzen nicht dieselbe Höhe haben, störte nur in der ersten Nacht.

In der Zwischenzeit schlafe ich eh selten im neuen Bett. Nicht weil ich so viel arbeiten muss, nein, weil es unsere Kinder immer öfters in Beschlag nehmen. Schaffe ich es Mal vor ihnen ins Bett, gesellt sich bestimmt mitten in der Nacht eines von ihnen zu uns. Dann ziehe ich regelmässig aus.

Schlaftrunken gehts ab Richtung Kinderzimmer, Sofa oder Gästezimmer. Bevorzugt wird, was um diese Zeit noch oder wieder frei ist. Nicht selten erwachen meine Frau und ich nicht dort, wo wir ins Bett gegangen sind. Es fühlt sich an wie ein Leben als Nomade, jeden Tag ein anderes Nachtlager. Egal. Hauptsache schlafen, sag ich mir. Erholen kann ich mich ja im Büro wieder.

Wird der Bundesrat vom Volk gewählt?

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Die vielen Wahlplakate entlang der Stras-sen führen dazu, dass sich unsere beiden Kinder (10 und 8 Jahre alt) spielerisch mit der Politik befassen. Sind wir im Auto, werden viele Plakate kommentiert. «Alex kenne ich», so meine Tochter, «er war der OK-Chef des Turnfests in Aarau». Tobias erkennt sie auch, er hat uns mit seiner Wahlempfehlung auch ein Säcklein «Gummibärli» mitgeschickt. Auch Karin erkennen die Kinder, sie haben wir in den Skiferien getroffen. Und Robert ist ihr Velomechaniker, wenn Mama oder Papa nicht mehr helfen können.

Die Kinder schauen genau auf die Plakate. «Ist Suzanne nicht falsch geschrieben, Papa», will mein Sohn wissen. «Dürfen auch Kinder gewählt werden?», fragt die Tochter. Sorry Nico! «Nein, die Kandidaten müssen am Wahltag 18 Jahre alt sein. Viele sind gar viel älter», erkläre ich. «Warum hat es so wenig Frauen?», fragt die Kleine fast vorwurfsvoll. Darauf habe ich so auf die Schnelle keine plausible Antwort. «Der Dieter hat am meisten Plakate», sind sich unsere beiden Kinder für einmal einig. «Der muss bestimmt viel Geld haben».

Am Abend geht die Staatskunde in eine weitere Runde. Wir füllen gemeinsam am Esszimmertisch die Wahlunterlagen aus. Mit Leuchtstiften kreisen die Kinder die Kandidierenden, die sie kennen, oder wiedererkennen, auf den Prospekten der Parteien ein. «Sind das alles Schweizer?», will mein Sohn wissen. Ich kann ihn beruhigen, es sind alles Schweizer. «Auch die, mit Namen, die uns nicht oder noch nicht geläufig sind.» 

Stolz präsentieren die Kinder eine Liste ihrer Kandidatinnen und Kandidaten, die sie gerne wählen würden. Was folgt, ist die grosse Enttäuschung: In unserem Wohnbezirk hat es nur Platz für 15 Kandidierende auf der Liste. Das grosse Feilschen beginnt. Zählt das Können des Velomechs mehr als die Gummibärli des Arztes, löst die Ferienbekanntschaft mehr Emotionen aus, als die Mutter eines Schulfreunds? Unfair sei es, finden beide Kinder, dass 15:2 nicht aufgeht und sie so nicht gleichviele Frauen und Männer auswählen können.

Als Papa noch etwas von «streichen» und «doppelt auf die Liste schreiben» erzählte, schlägt der Sohn vor, das aufs nächste Mal zu verschieben. Zufrieden kleben die Kinder «ihr» erstes Wahlcouvert zu und werfen es in den Gemeindebriefkasten. «Wird der Bundesrat eigentlich auch von uns gewählt?», will die Tochter auf dem Nachhauseweg wissen. «Nein», muss ich sie enttäuschen. «Auch wenn es einige Wähler in unserem Land nur allzugerne tun würden.»

Die Zeitung hat noch lange nicht ausgedient

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Im Computerzeitalter sind handgeschriebene Briefe eine seltene, aber willkommene Abwechslung. Auch auf der Redaktion. Noch gibt es Leserinnen und Leser, die uns Einsendungen auf dem Postweg zukommen lassen. So wie Lotti Dätwyler aus Chavannes-près-Renens im Kanton Waadt. Sie hat uns in einem gelben A3-Umschlag eine gut erhaltene Ausgabe des Landanzeigers vom Freitag, 27. August 1943 geschickt. Die Zeitung diente ihr über mehrere Jahrzehnte in einem Wandkasten als Auskleidung.

In der vierseitigen Ausgabe, die während dem zweiten Weltkrieg erschien, sind keine Fotos zu finden. Dafür Inserate, die einem zum Schmunzeln bringen, andere zum Nachdenken. So heisst es in einer Anzeige: «Gesucht, 12- bis 15-jähriger, gesunder Knabe, zu Landwirt, bei guter Behandlung». Wir fragen uns auf der Redaktion, wird hier ein junger Knecht gesucht oder ein Verdingkind? Weiter unten: «Auf Anfang September könnte ein kräftiger, intelligenter Jüngling, nicht unter 16 Jahren, mit guten Schulzeugnissen, unter günstigen Bedingungen, eine Lehrstelle als Sattler oder Tapezierer antreten.» Wir fragen uns, musste hier der Jüngling Geld bringen, damit er die Lehre absolvieren kann? Heute unvorstellbar.

Zum Schmunzeln brachte uns Coiffeur E. Fuhrer aus Oberentfelden, er schrieb: «Ich bitte meine verehrte Kundschaft, während meiner Abwesenheit, das Haare schneiden an Samstagen zu unterlassen. Höfliche Empfehlung.» Oder die Apotheke A. Schwyter in Schöftland inserierte: «Übermässiger Fussschweiss und Achselschweiss sind lästig. Fusspuder, Formalinlösung oder Fussbadesalz beseitigen diese unangenehmen Erscheinungen rasch und »ohne Schaden«. Erstaunliches bot auch die Drogerie K. Tuchschmid aus Oberentfelden zum Kauf an. »Mist ohne Vieh: 5 Kilo Fr. 3.40, 10 Kilo Fr. 5.70. «Herausgestochen sind auch die vielen Inserate, die zum Tanze riefen, sei es in die »Herberge« nach Teufenthal, in den »Bären« Holziken, ins »Rössli« Kölliken oder ins Alkoholfreie Restaurant »Striegel« nach Safenwil.

Ob sich die Tanzfreudigen heute auch noch in der Zeitung informieren, «wo der Bär tanzt»? Ich glaube nicht. «Die Zeitung stirbt aus, Digital gehts in die Zukunft», bekomme ich von Jüngeren öfters zu hören. Dabei hat die Zeitung so viel Vorteile. Nach dem Lesen kann man sie zum Anfeuern benutzen, kann damit die Katzenkiste auskleiden, kann nasse Schuhe stopfen. Oder die in diesem Sommer besonders lästigen Wespen tot schlagen. Versuchen Sie das mal mit dem Laptop oder dem Computer-Tablet.

Bremsen statt hupen

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Am Neujahrstag habe ich mir den Vorsatz gefasst, mein Verhalten im Strassenverkehr etwas zu entschleunigen. Nun ist es an der Zeit, ein erstes Fazit zu ziehen: Schweren Herzens gebe ich es zu, es ist nicht so einfach, wie gedacht. Ich habe noch Luft nach oben. Trotzdem, das kleine Post-it am Armaturenbrett mit der Aufschrift «bremsen statt hupen» hat seine Wirkung nicht verfehlt. Öfters lass ich nun anderen Verkehrsteilnehmern den Vortritt, bremse regelmässig am Fussgängerstreifen, überhole Velofahrer mit grossem Abstand, gebe nicht mehr extra Gas, wenns gelb wird oder schenke anderen auf der Strasse ein Lächeln. Es wirkt Wunder.

Doch wie gesagt, es gelingt auch mir nicht immer. Neulich an der Kreuzung Schönenwerderstrasse/Engelplatz in Oberentfelden. Die WSB naht, ich will schleunigst vom Geleise, doch niemand lässt mir eine Lücke. Ich erzwinge den Vortritt. Der Fahrer einer grossen, schwarzen Limousine schwäbischer Bauart hupte kräftig. Er macht Handbewegungen und imitiert Wesen aus der Tierwelt. Gebremst hat er erst, als wir weiter vorne gemeinsam vor der Barriere stehen. Ich steige aus. Er auch. Seine Augen werden gross. Seine Halsmuskeln verkrampfen, seine rechte Faust ballt sich. «Es tut mir leid», sagte ich zu meinem Gegenüber, «es war mein Fehler. Sorry.» Der Mann beruhigt sich, nickt, richtet seine Goldketten um den Hals und steigt wieder ins Auto. Als er abzweigt, winkt er mir zu. Zwar nicht freudig, aber immerhin. «Bremsen statt hupen» lese ich einmal mehr auf dem in der Zwischenzeit etwas vergilbten Zettelchen.

Auf meinem Heimweg von der Arbeit fahre ich gern Überland. Auf dem «Bottensteiner », einem Übergang zwischen Bottenwil und Zofingen gibt es eine Stelle, dort äsen regelmässig Wildtiere am Waldrand. Bremsen und abblenden ist angesagt. Aber notfalls auch hupen und auf weitere Tiere gefasst sein, das rät jeder Wildhüter.

In Kürze entscheiden fünf Gemeinden in unserer Region, ob sie sich zum Zukunftsraum Aarau, der elftgrössten Stadt des Landes, zusammenschliessen wollen. Lange wars verdächtig ruhig, nun kommt Bewegung in den Abstimmungskampf. In den Leserbriefspalten malen die einen den (Fusions)-Teufel an die Wand, die anderen erzählen das Blaue vom Himmel. Der Ton wird rauer und lauter, die Argumente selten stichfester, je näher die Abstimmungen kommen. Nicht nur rund um den Zukunftsraum. Dabei wäre gerade in der heissen Abstimmungsphase öfters angebracht: Entschleunigen und bremsen statt hupen.

Ferien in der Schweiz

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Ein «richtiger» Schweizer gehorcht dem Bundesrat und macht, was dieser ihm ans Herz legt. Wenigsten ab und zu. So erinnere auch ich mich bei meiner Ferienplanung an die markigen Worte von Bundesrat Ueli Maurer: «Machen Sie in diesem Jahr Ihre Ferien in der Schweiz, geben Sie ihr Geld hier aus.»

Um mich ideal auf meine Feriendestinationen vorzubereiten, kaufe ich regel-mässig Reiseführer. Auch in diesem Jahr. Drei Ratgeber für die Schweiz schleppte ich nach Hause. Schönste Farbbilder der Kappelbrücke in Luzern, dem Matterhorn, dem Landwasserviadukt der Rhätischen Bahn, dem Schilthorn und der Berner Altstadt motivieren mich, dieses schöne Land noch besser kennenzulernen und es zu bereisen. Zwischen einer festlich geschmückten Schweizer Milchkuh und einer Gruppe glücklicher Fondue-Esser warnt mich aber plötzlich ein fetter Zwischentitel vor der «schlimmsten Touristenfalle der Schweiz»: Den Preisen von Käse und Schokolade in Souvenirläden. Der Autor eines anderen Reiseführers rät, die Höchstgeschwindigkeiten auf Schweizer Strassen einzuhalten: «Verstösse werden streng geahndet. Die Grenzen nach oben sind offen und reichen bis zur Beschlagnahmung des Au-tos …» Der dritte Ratgeber entpuppt sich auch als Sprachführer: Zur Begrüssung sagt man in der Schweiz «Grüezi» und nicht «Grützi». Vom Schweizerdeutsch wird eh wärmstens abgeraten. Versuche von Ausländern, Schweizerdeutsch zu sprechen, wirken auf das Gegenüber meist peinlich, heisst es. Auch Scherze über Schwarzgeld, Minarettverbot und Mohrenköpfe seien beim ersten Smalltalk mit Schweizern zu vermeiden. Schnell blättere ich weiter. Bilder von Schokolade, Käse, Taschenmessern, Banken und Bergen stimmen mich -wieder milde.

Ähnliche Bilder – einfach viel weniger an der Zahl – gab es schon 1793 im ersten Reiseführer über die Schweiz. Mich erstaunt es, dass sich die Touristikbranche auch heute noch diesen traditionellen und etwas verstaubten Klischees bedient. Das führt dazu, dass viele ausländische Gäste diese angeblich so typischen Schweizer Symbole in unserem Land suchen und mit einem völlig falschen Bild in unser Land reisen. Dabei wirbt die Schweiz seit den 70er-Jahren vermehrt auch für sanften, umweltfreundlichen Tourismus und für Ferien mit Ruhe und Erholung. Viele Orte richteten sich darauf aus und konnten dadurch neue Gäste empfangen. Warum legt die Schweizer Tourismusbranche nicht grös-seren Wert darauf, auch in Reiseführern unser Land moderner zu vermarkten?

Könnte es sein, dass wir die wirklich schönen Orte in unserem Land lieber selber geniessen, als sie mit Touristen zu teilen?

Der Mann kann auch mal nichts tun und an nichts denken

Raphael Nadler Chefredaktor | Der Landanzeiger

Sommerferien und der Jahresbeginn haben eine grosse Gemeinsamkeit: Man nimmt sich viele gute Vorsätze: Bücher lesen, mehr Sport treiben, das Geschäft vergessen, sich der Familie widmen und dann auch Mal einfach nichts tun.

Was verlockend tönt, ist gar nicht immer so einfach. Doch warum genau, kommt es zwischen Mann und Frau gerade auch in den Ferien oft zu Spannungen oder gar Streit? Es liegt daran, dass das Hirn von Frauen und Männern optisch zwar gleich aussieht, aber völlig anders funktioniert, erzählte mir neulich ein guter Freund auf einer mehrstündigen Wanderung im Engadin.

Diese Erkenntnis war mir nicht neu. Gespannt war ich hingegen auf seine weiteren Ausführungen. Das männliche Hirn bestehe aus vielen kleinen Boxen und Schachteln, die sich nicht berühren, erzählte er weiter. Der Mann verfüge zum Beispiel über eine Auto-Box, eine Job-Box, eine Geld-Box, eine Familien- Box, eine Sport-Box und eine Stammtisch-Box. Gedanklich sortierte ich schon Mal meine Boxen im Hirn und fand noch einige mehr.

Das Hirn der Frau sei hingegen völlig anders strukturiert. Es sei wie ein grosser Knäuel aus Drähten. Und alles sei mit allem verbunden: Das Geld mit dem Auto, das Auto mit dem Job, der Job mit der Familie, die Familie mit der Freizeit und die Freizeit mit dem Geld… Das sei einer der Gründe, warum Frauen dazu neigen, sich an alles zu erinnern. «Wenn dann noch Emotionen dazu kommen, dann brennt sich das in ihr Gedächtnis ein und sie werden sich immer daran erinnern», analysiert mein Freund weiter.

Der Grund, weshalb wir Männer das aushalten sei unsere Lieblingsbox: die leere Box. Diese ermögliche es uns, einer völlig öden Beschäftigung nachzugehen, über Stunden gar nichts zu tun oder an absolut gar nichts zu denken. «Und das ohne schlechtes Gewissen», freut sich mein Begleiter spitzbübisch.

Anders sei es bei den Frauen, zeigt sich mein Freund überzeugt: Sie schalten den Verstand nie ab. Und sie kennen diese leere Box der Männer nicht. Das treibe sie zum Wahnsinn. «Nichts lässt den Puls einer Frau mehr ansteigen, als zuzusehen, wie ein Mann nichts tut», sagt mein Freund abschliessend.

Vom schlechten Gewissen geplagt, griff ich am nächsten Tag zum Rasenmäher und waltete meines Amtes. Dass ich dabei über längere Zeit in der «leeren Box» verweilte, störte niemanden.