Hier mit dem lesen beginnen

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Na, noch fleissig mit den Neujahrsvorsätzen beschäftigt, oder haben Sie diese bereits wieder über Bord geworfen? Gesünder leben, Geld sparen, mehr Zeit mit der Familie – jedes Jahr sind es doch etwa die gleichen Vorsätze. Ich bin auf dem Weg zu einem Arzttermin. Vorbei an Aschenbecher und Fitnessstudio frage ich mich, ob in genau diesem Moment wirklich weniger Menschen rauchen, dafür aber mehr Sport machen. Will auch ich mir einen Vorsatz nehmen? Darf man das überhaupt noch, wenn das neue Jahr schon begonnen hat? Ach, papperlapapp, das wird sicher noch akzeptiert.

Was aber ist der perfekte Vorsatz für mich? Das frage ich mich, als ich mit dem Lift nach oben zur Arztpraxis fahre. So etwas Gewöhnliches wie mit dem Rauchen aufzuhören oder mehr Sport zu treiben, ist mir zu langweilig. Ausserdem sehe ich bei beidem keine Chance, es durchzuziehen. Etwas aussergewöhnlicher muss mein Vorsatz schon sein. Und er muss realisierbar sein.

Als ich vor der Tür der Arztpraxis stehe, werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Fünf Poster weisen darauf hin, wie ich mich vor und in der Praxis coronamässig zu verhalten habe. Auf dem ersten steht: «Hier mit dem lesen beginnen.» Mir wird ganz heiss. Mit dem lesen? Mit dem Lesen! Angestrengt versuche ich mich auf den Inhalt der nächsten vier Blätter zu konzentrieren. Es gelingt mir nicht. Immer wieder schweife ich ab und starre stattdessen auf den Schreibfehler auf dem ersten Blatt. Eine Berufskrankheit. Aber dafür der perfekte Vorsatz für mich, denk ich mir. Lass dich im Privaten nicht von Rechtschreibfehlern aus dem Konzept bringen und korrigier nur, wenn du danach gefragt wirst.

Das mag simpel klingen, ist es für mich aber nicht. Weihnachtskarten, Hochzeitseinladungen, Glückwunschkarten, die Fehler springen mich an und ich sehe nur noch sie. Ich kann dann einfach nicht anders, als den Verfasser darauf hinzuweisen. Vielleicht ist auch das der Grund, weshalb ich keine Karten mehr bekomme …

Meinen Vorsatz fest im Kopf versuche ich mich abzulenken. Ich ziehe meine Jacke schon mal aus, tänzle so vor mich hin, drücke den Liftknopf, tänzle weiter, drücke wieder den Liftknopf, tänzle weiter … Plötzlich öffnet die Praxisassistentin die Eingangstür. Es platzt so richtig aus mir heraus: «Lesen schreibt man gross!» Verdammt, fühlt sich das gut an! Vielleicht beginne ich besser erst morgen mit meinem Vorsatz.

Die Magie ist zurückgekehrt

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

«Chom schnell. I gseh grad s’Christchindli doreflüüge!», rief meine Grossmutter mir immer zu, als ich fünf Jahre alt war. Jedes Mal pünktlich um 17 Uhr sputete und hetzte Klein-Sarah, doch nie ist es ihr gelungen, das Christchindli ebenfalls beim Entzünden der Weihnachtsbeleuchtung beobachten zu können. Das gelang komischerweise immer nur den Erwachsenen. Doch das machte ihr eigentlich nichts. Denn mit jedem Mal wuchs die Vorfreude auf das Weihnachtsfest. Ihr genügte die Vorstellung vom vorbeifliegenden Christchindli, um die Magie von Weihnachten zu spüren.

15 Jahre später war diese Magie futsch. Ab November jede Woche Weihnachtsmärkte, Weihnachtsausstellungen, Weihnachtsgesänge, Weihnachtstheater, Weihnachtsessen, Weihnachtskonzerte, Weihnachtsbäume, Weihnachtsgeschenke, Weihnachtsdeko, Weihnachtsfilme, Weihnachtsguetzli. Das war einfach zu viel. So kam mit der Liebe zum Lokaljournalismus die Verachtung für Weihnachten. Im Alter von 20 Jahren hatte ich Weihnachten spätestens anfangs Dezember satt. Die übertriebene Herrlichkeit und Fröhlichkeit, der Kitsch und die vorgegaukelte Liebe überall – einfach schrecklich, fand die Weihnachtsmuffel-Sarah. Sie spottete über all jene, die sich auf Weihnachten freuten und wurde zum unausstehlichen Grinch, die den Leuten am liebsten Weihnachten gestohlen hätte.

Doch dann kam das Jahr 2020, ein Jahr in dem alles anders ist. Nicht nur die Welt scheint Kopf zu stehen, sondern auch ich. Denn nun vermisse ich plötzlich den ganzen Vorweihnachtstrubel und das erste Mal seit vielen Jahren freue ich mich wieder wie ein kleines Kind auf Weihnachten. Ich will meine Familie endlich wieder sehen, ich will wieder einmal Raclette, ich sehne mich nach Besinnlichkeit.

Um das Ausmass etwas genauer zu beschreiben: Zum ersten Mal überhaupt habe ich unsere Wohnung weihnachtlich dekoriert, ich zünde abends Kerzen an, trinke eine heisse Schokolade und vor allem schaue ich Weihnachtsfilme! Ja, Weihnachtsfilme! «Tatsächlich… Liebe», «Kevin allein zu Haus», «Über Weihnachten» – alles schon durch. «Sissi» und «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» werden natürlich noch folgen. Mein 20-jähriges Ich hätte gerade einen Schreikrampf. Doch ich bin einfach von Wärme erfüllt, geniesse jede Weihnachtsbeleuchtung und halte an, wenn ich irgendwo Weihnachtsmusik höre. Ich habe sogar all meine Weihnachtseinkäufe schon seit Wochen erledigt. Nicht wie sonst erst auf den letzten Drücker. Irgendwie war es in diesem Jahr ganz leicht. Irgendwie magisch …

Manchmal geht es nicht ohne Plastik

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Eigentlich sind mein Partner und ich uns einig, wenn es um den Lebensmitteleinkauf geht: Die Produkte sollen aus der Schweiz kommen, es soll Bio sein, auf keinen Fall von Nestlé, keine Plastikverpackung, ohne Palmöl und laktosefrei. Aber eben nur eigentlich. Denn manchmal ist es einfach nicht möglich, allem gerecht zu werden. Regelmässig kommt es bei uns deswegen bereits in der Gemüse-Abteilung zu hitzigen Diskussionen zwischen der Plastikverfechterin und ihrem Bio-über-alles-Freund.

Denn instinktiv greife ich nach den Schweizer-Zucchinis, die ich in ein mitgebrachtes Stoffsäckli packen will. «Halt!», ruft es warnend neben mir. «Die hier sind Bio», weisst mich mein Freund auf die Zucchinis daneben hin. Ich: «Ja, aber die sind in Plastik verpackt». Ich will erneut nach den Non-Plastic-Zuchinis greifen. Er: «Halt! Waren wir uns nicht einig, dass wir Bio kaufen wollten?» Ich: «Waren wir uns nicht einig, wann immer möglich auf Plastik zu verzichten?»

Die Leute im Supermarkt fangen zu starren an, denn es artet, wie immer, in einem Bio-Plastik-Krieg zwischen uns aus. Und, wie immer, siegt Bio schliesslich über Plastikfrei. Das wird demonstriert, indem mein liebster Umweltsünder die Plastik-Bio-Zuchinis in den Einkaufswagen schmeisst: «Manchmal geht es halt nicht ohne Plastik.»

Stinkig über meine Niederlage, sage ich den ganzen Einkauf über gar nichts mehr. Zuhause sollen die Wogen geglättet werden. Er: «Schau ich habe online eine Bio-Bambus-Zahnbürste gefunden. Kein Plastik, 96 Prozent biologisch abbaubar und auch die Verpackung ist 100 Prozent aus Altpapier. Und für jedes gekaufte Produkt wird ein Baum gepflanzt.» Ich, sehr skeptisch über die Herkunft des Bambus und immer noch sauer über den Disput im Supermarkt, sage kalt: «Du machst ja eh, was du willst.»

Ich würde ihn noch um seine Bio-Bambus-Zahnbürste beneiden, so lautete sein letzter Satz, der mich heute noch mit so viel Genugtuung erfüllt. Denn gesagt, bestellt, die Zahnbürste wurde geliefert. Doch was seh ich da einige Tage später: Schätzelein hat sich wieder eine Plastikzahnbürste zugetan. «Mein ganzer Mund wurde wund vom rauen Bambus», erklärt er, nicht fähig mir in die Augen zu sehen. Ich pruste los. Zwar nicht glücklich über den erneuten Sieg von Plastik, dafür sehr wohl über meinen eigenen Triumph, sag ich schadenfreudig: «Tja, Schatz, manchmal geht es halt nicht ohne Plastik.»

Wörter-Wahnsinn im Werbe-Wirrwarr

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Vergangenen Mittwoch habe ich es doch tatsächlich wieder einmal getan. Der Bundesrat hat mich dazu getrieben, genauer gesagt seine neuen Bestimmungen zum Coronavirus. Ich habe Fernseh geschaut. Eigentlich stimmt das nicht ganz, denn einen Fernseher habe ich gar nicht. Wofür auch? Die Programme interessieren mich ja eh nicht. Bis eben am vergangenen Mittwoch, als ich mir beim Warten auf den Bundesrat, das Programm online angetan habe. Und nun weiss ich auch wieder genau, weshalb ich keins dieser Geräte zu Hause habe. Diese elende Werbung! Es ist nicht mal unbedingt die Dauer der Werbeblöcke, sondern der Stumpfsinn, der da geschwafelt wird. Klar Lindt, ich kaufe dir sofort ab, dass eure Maîtres Chocolatiers jede Praline mit einem winzigen Löffelchen einzeln befüllen.

Erstaunt bin ich aber auch über die Wörter, die so in Werbespots gebraucht werden. Ich hatte bis anhin ja keine Ahnung, was ein Aroma-Öl-Diffuser ist. Wobei ich bezweifle, dass die Supermarktmitarbeitenden mich zu einem Lufterfrischer bringen, wenn ich nach einem AromaÖl- Diffuser fragen würde.

Als Schreiber von Werbespots muss man anscheinend einen kreativen Umgang mit Wörtern pflegen. Ebenfalls ganz beliebt, ist es, Wörter aneinanderzureihen. Da ist der «Extra-Frische-Kick» von Ricola noch harmlos. Da enthält ein Waschmittel von OMO zum Beispiel eine «pflanzenbasierte Anti-Flecken- Kraft» und die Marke «Kinder» wirbt mit einer «knackig-kühlen Zartbitter-Schokolade mit locker-luftiger Milchcreme». Und das sagt die Sprecherin in einem Tempo, das ich bewundere. Wieder stelle ich mir vor, wie ich im Supermarkt stehe und frage: «Wo finde ich denn die knackig-kühle Zartbitter-Schockolade mit locker-luftiger Milchcreme?» Als ich dachte «Kinder» hätte den Vogel, beziehungsweise den Pinguin abgeschossen, kommt da Oral B und wirbt für seine «Sensitivitäts- und Zahnfleisch-Balsam- Zahncreme». Was für ein Zungenbrecher! Wie viele Durchläufe brauchte wohl der Sprecher, bis er diesen Ausdruck korrekt aussprechen konnte? Und seit wann heisst das überhaupt Zahncreme?

Immer noch ganz diffus nach diesem Ausflug in die Welt der Werbespots hoffe ich nun, dass ich in nächster Zeit nicht mehr auf den Bundesrat warten muss. Von Fernsehwerbung habe ich nämlich für eine lange Weile wieder genug gehört und gesehen. Und so wünsche ich Ihnen nun weiterhin Giga-Stark-Momente beim Intensiv-Informations-Lese-Spass mit dem Landanzeiger.

Geh Bier holen, du Hund!

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Der Wind pfeift um die Häuser, die dicken, schwarzen Wolken verhindern jedes Durchkommen von Licht. Vorbei ist er, mein geliebter Sommer. Stattdessen ist es nass, grau, kalt und einfach richtig eklig. Am liebsten würde ich das den ganzen Tag machen: mich auf dem Sofa einkuscheln, Filme schauen und mit meinem Hund … «Nein, Hund, ich will jetzt eben nicht nach draussen!» Sein Kopf nimmt eine Schieflage ein, seine grossen Augen betteln mich an. Natürlich werde ich schwach und wir gehen zusammen ins nasse Kalt hinaus.

Tja, mit dem Hund nach draussen zu gehen, egal bei welchem Wetter, daran komme ich halt nicht vorbei. Vor allem weil ich auch keinen Garten zur Verfügung habe. Das heisst dreimal täglich Jacke zu und durch. Und dem Hundi, diesem Egoisten, ist es egal, ob Frauchen friert. Von wegen «der beste Freund des Menschen», wer wohl auf so einen Blödsinn kam? Würde er sich wenigstens in anderen Belangen nützlich machen, Wäsche waschen, einkaufen gehen, Wohnung putzen, dann würden wir wenigstens beide voneinander profitieren. Aber nein … oder … einen Moment mal … das ist die Lösung! Frauchen will nicht draussen erfrieren, klein Wauwau braucht Beschäftigung, aber es soll trotzdem eine für Frauchen sinnvolle Beschäftigung sein.

Ich bringe meinem Hund nun über die kalte Jahreszeit bei, mir ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen. So haben wir beide, was wir wollen! Wie, Sie finden diese Idee doof? Meine Mama ging als Kind noch für ihren Vater Zigaretten kaufen, da find ich ja meine Idee mit dem Hund und dem Bier um einiges vertretbarer. Und vor allem macht ihm das Training richtig Spass. Ein paar Leckerlis können auch echt überzeugend sein. Der Kühlschrank wird bereits super geöffnet und auch eine Bierdose nimmt Hundi in den Mund. Der Ablauf muss noch etwas verfeinert werden, aber Sie werden sehen, bis zum Ende der dunklen Tage bringt mir mein Hund mein Bier.

Dumm nur, dass das mit dem Kühlschrankschliessen momentan noch nicht so wunderbar funktioniert. Denn seit er den Kühlschrank öffnen kann, friere ich nicht nur draussen sondern auch in der Wohnung. Auch hier drinnen wird es allmählich nass, vermehrt grau, kalt und richtig eklig. Vielleicht war das mit dem Bier holen doch nicht die allerbeste Idee. Aber wir können ja immer noch auf das Wäschewaschen wechseln. Was soll da schon schief gehen?

Man müsste Asterix oder Bud Spencer sein

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Treffen sich zwei Freunde am Montag nach Feierabend auf ein Bier. Sagt der eine zur anderen: «Könntest du heute bezahlen? Habe mein Portemonnaie vergangenen Freitag verloren.» «Ach, das tut mir leid», bekundet die andere ihr Mitleid. Darauf erwidert er: «Nein, nein. Nicht so schlimm. Es liegt seither auf dem Fundbüro.» «Wo liegt dann das Problem?», fragt die andere. «Durch meine Arbeitszeiten und deren Öffnungszeiten kann ich es erst am Donnerstag holen.»

Was für ein schlechter Witz, denken Sie jetzt wahrscheinlich. Auch mir kam dieser Gedanke, als mir mein bester Freund von seiner Portemonnaie-Geschichte erzählte. Fast eine ganze Woche war er ohne sein Portemonnaie und damit auch ohne Geld, ohne Ausweis und ohne Bahn-Abonnement unterwegs. Und das obwohl seine verloren gegangene Brieftasche so nah war. Doch wenn man Arbeitszeiten bis um fünf Uhr nachmittags hat, dann reicht es halt einfach nicht, bis um fünf Uhr nachmittags im Fundbüro zu sein.

Am Donnerstag kam dann seine Erlösung. Denn dann hat das Fundbüro ausnahmsweise bis 19 Uhr geöffnet. Doch die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende. Ja, er kann zwar wieder Geld abheben und er fährt seither auch wieder mit seinem Bahnabo zur Arbeit. Aus Sicherheitsgründen wurde aber seine ID entwertet. Sie ist ungültig und muss ersetzt werden, wie er beim Fundbüro informiert wurde.

Also geht es für ihn zum Passamt. Allerdings erst am Montag darauf, denn auch die haben nur an einem Tag länger geöffnet. Auf dem Passamt aber dann die Nachricht: «Sie müssen zuerst auf der Verwaltung ein Formular ausfüllen.» Darauf hat man ihn beim Fundbüro nicht hingewiesen. Also geht es für ihn am Donnerstag zurück zur Verwaltung und dann erneut am Montag aufs Passamt.

Bei diesem ganzen Hin und Her kommen mir Szenen aus dem Zeichentrickfilm «Asterix erobert Rom» oder «Banana Joe» mit Bud Spencer in den Sinn. Auch dort werden die Hauptfiguren bürokratisch beinahe in den Wahnsinn getrieben. Nun hat mein bester Freund aber leider weder einen Zaubertrank wie Asterix noch die Kampfeskraft und Sturheit von Bud Spencer. Er muss wohl oder übel einfach da durch.

Und doch frag ich mich, muss es wirklich so kompliziert sein? Gibt es keine flexiblere Lösung? Wie sieht der Trick aus, den man anwenden muss? Ich habe keine Ahnung.Haben Sie mir einen

Und ich dachte, es sei Samstag

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Wann merken Sie, dass Sie so richtig entspannt sind? Wenn Sie vor dem Fernseher einnicken? Wenn Sie an einem heissen Tag im Schatten sitzen und einen Drink schlürfen? Oder wenn Sie einfach einmal nichts tun und an nichts denken? Wenn ich so richtig entspannt bin, verliere ich komplett den Überblick über die Zeit. Und in den letzten paar Wochen war ich sowas von entspannt. Sowas gabs schon lange nicht mehr! Morgen oder Abend, der Wochentag oder das Datum – alles verschwommen, es spielte keine Rolle mehr und ich hatte richtig Ferien im Kopf.

Ich musste aber merken, dass es auch ungünstige Momente gibt, um diese totale Entspannung zu erreichen. So zum Beispiel wenn man eine Ferienwohnung gebucht hat und dort den Überblick über die Zeit verliert. Sie ahnen es, genau das ist mir passiert. Ich war der festen Überzeugung, ich hätte mich vom Dienstag, 4. August bis am Samstag, 7. August in Grächen eingemietet. Nach dem Auschecken am Samstag würde ich mich in Kandersteg mit einem Kollegen treffen. Nun ja, so war jedenfalls der Plan. Auf jeden Fall mache ich mich deswegen an diesem Freitagmorgen bereit für die letzte Wanderung in Grächen. Ich streiche gerade Brote und packe meinen Rucksack, als sich eben dieser Kollege meldet. Er verspäte sich und könne erst in einer halben Stunde losfahren, schreibt er mir. Ich bin verwirrt. Heute ist doch erst Freitag. Wir haben uns doch für den darauffolgenden 7. August verabredet. Der Blick auf den heutigen Wochentag und das Datum treiben mir Schweissperlen auf die Stirn. Ja, wir haben uns für den 7. August verabredet, nur ist das nicht der Samstag sondern der heutige Freitag. Schnell checke ich meine Buchung. Und auch da: gebucht bis FREITAG, 7. August. Ich klatsche mir mit der Hand an die schweissnasse Stirn. Und ich Dummerchen dachte tatsächlich es sei bis Samstag.

Als ich eilig mein Zimmer räume, male ich mir aus, was hätte geschehen können. Ich käme abends erschöpft in meine Ferienwohnung zurück und die wäre schon von anderen besetzt. Was hätte ich da sagen sollen? Sorry, ich war zu entspannt, um mir den Wochentag zu merken? Oder ‘tschuldigung, ich dachte, der 7. August sei Samstag? Bei dieser absurden Entschuldigung muss ich lauthals loslachen. «Ich dachte, es sei Samstag» war damals nämlich meine beliebteste Ausrede, um meinen Lehrern zu erklären, warum ich nicht in der Schule aufgetaucht bin. Nein, das würde heute wohl kaum noch klappen. So packe ich meine Sachen fertig und mache mich etwas weniger entspannt an einem Freitag anstelle von einem Samstag auf den Weg nach Kandersteg.

Maske richten und los geht die öV-Reise

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Verkrampft versuchen meine Mitfahrer irgendwie Abstand zu den anderen zu bekommen. Das Atmen fällt bei diesen Temperaturen und bei diesem Gedränge schwer. Unter der Schutzmaske scheint sich ein dünner Schweiss-Flaum um meinen Mund gebildet zu haben. Meinem Gegenüber läuft bei jedem Ausatmen die Brille etwas mehr an.

Seit Montag heisst es Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr. Nein, auch ich bin kein Fan der Maskenpflicht, habe mich aber bereitwillig darauf eingelassen: «Ist halt nun mal so. Da müssen wir jetzt durch», hab ich mir gesagt. Meine beste Freundin aber ärgert sich: «Da stecken sich Menschen in Clubs an und wir werden nun im öV dafür bestraft und werden gezwungen, Masken zu tragen?! Ist das eine logische Konsequenz? Das ist doch nicht fair!» Ich verstehe ihren Missmut. Im Gegensatz zu meiner täglichen halben Stunde im öV ist ihr «Leidensweg» über zwei Stunden lang. «Meine Coiffeuse meinte, man gewöhne sich sehr schnell an das Tragen der Masken», versuche ich sie zu besänftigen. Unter ihrer Maske hervor murmelt sie etwas wie: «Nützen wirds trotzdem nichts».

Eine Weile schweigen wir uns an. Ich blicke noch einmal durch den vollgestopften Bus. Den richtigen Abstand zu halten, wäre hier einfach nicht möglich. «Hast du nicht auch gemerkt, dass du, seit der Lockdown zu Ende ist, unvorsichtiger geworden bist?», frage ich sie vorsichtig. Sie überlegt und nickt schweigend. «Und nun, wenn du all diese Leute mit Maske siehst, wird dir verdeutlicht, dass wir noch lange nicht aus der Krise raus sind. Wir müssen wieder vorsichtiger werden.» Wieder nickt sie. «Wenn wir schon nur einen Mitfahrer mit der dem Tragen der Maske schützen können, haben sich die Strapazen schon gelohnt. Und auch wenn es nichts bringen würde, schaden tut es uns ganz sicher nicht.» Nun blickt auch sie durch die Menschenmenge im Bus.

Der Bus hält, alle steigen aus. Sie alle höre ich ganz tief einatmen, endlich wieder etwas frische Luft. Ich verabschiede mich von meiner besten Freundin und verziehe mich in eine einsame Ecke auf dem Bahnhofplatz. Dort erlaube ich mir die Maske unter meine Nase zu ziehen, um ebenfalls tief durchzuatmen. Ich beobachte all die Maskenträger. Schon krass, wie das Coronavirus wieder so nah scheint, wieder so präsent ist, nachdem ich es schon fast vergessen hätte. Gut, wird es mir wieder vor Augen geführt. Noch einmal tief einatmen, Maske richten und ich trete den Rest meiner öV-Reise an.

Kein Sommer ohne Musik

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Vor zwei Wochen hätte das Greenfield- Festival gestartet. In zwei Wochen hätte es das Sommerloch Open Air gegeben. Die Festivals Mutterschiff, Musig i de Altstadt, Heitere – alles abgesagt. Es schien einen Sommer ohne Musik zu geben. Eine furchtbare Vorstellung!

Doch der Lockdown ist vorbei. Zwar gibt es noch keine grösseren Veranstaltungen, aber immerhin dürfen Konzertlokale wieder öffnen, Bands wieder spielen und ich kann endlich wieder Musik hören. Am vergangenen Samstag war es dann für mich auch endlich soweit. Mein erstes Konzert nach einer gefühlten Ewigkeit. Unique Strives im Böröm – und es war unglaublich. Mitsingen, tanzen, dazu ein Bierchen trinken und einfach das Ambiente geniessen. Wie ich das vermisst habe! Und ich habe gespürt, dass es jedem im Publikum so ging wie mir.

Doch es war nicht nur das Publikum. Es war auch die Band, die es so genoss, endlich wieder auftreten zu können, endlich wieder auf einer Bühne zu stehen. Ihnen war es egal, dass sie an diesem Abend auf Kollekte spielten, es war ihnen egal, wie viel Geld sie einnehmen würden. Das Gefühl wieder auf der Bühne stehen zu können, war an diesem Abend viel mehr Wert als alles Geld der Welt. Und das haben sie dem Publikum zu spüren gegeben.

Doch es war auch nicht nur das Publikum oder die Band. Es war das ganze Böröm-Team, das so glücklich war, wieder Gäste begrüssen und Livemusik anbieten zu dürfen. Das Böröm-Team, das bastelte und werkelte, um das Schutzkonzept genau einhalten zu können. Keine Mühen scheute, um wieder öffnen zu können. Das Böröm-Team, das sich mit den Bareinnahmen über Wasser hält, darauf angewiesen ist, so die Miete bezahlen zu können.

Es ist ein Kampf um die Existenz, die die ganze Kulturszene führen muss. Durch Corona noch viel mehr als sonst auch. Doch dieser Kampf wird mit so viel Freude und Leidenschaft geführt, da will man automatisch mithelfen.

Deswegen mein Appell an jeden Kulturliebhaber: Jetzt erst recht! Besucht so viele Auftritte wie möglich, gebt einen Batzen mehr in die Kollekte und seid grosszügig mit Trinkgeld. Unterstützt, was das Zeug hält und lasst uns so alle zusammen den Kampf um die Existenz gewinnen. So müssen wir uns nie mehr vor einem Sommer ohne Musik fürchten.

Fernbeziehung in den eigenen vier Wänden

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

In dieser Ausgabe des Landanzeigers sind wir «Zu Gast in Olten». Und auch ich war in den vergangenen Jahren sehr oft zu Gast in Olten. Denn ich habe mir einen waschechten Oltner geangelt, in den ich mich Hals über Kopf verliebt habe. Vor mehr als zwei Jahren sind wir dann auch zusammengezogen – nach Aarau natürlich, etwas anderes kam für mich nicht in Frage. Seither versuche ich, meinen Oltner zum Aarauer «umzuerziehen ». Vergeblich.

Weshalb wir mit Faszination und auch etwas Wehmut den Abriss der Kettenbrücke mitverfolgen, versteht mein Oltner nicht. Dass der Maienzug das Fest der Feste ist, fühlt er nicht. Wie viele Schwanenbabys auf der Aare schwimmen, ist ihm doch egal. Ein neues Fussballstadion? – Schulterzucken. Und was ist überhaupt dieser Zukunftraum, von dem alle sprechen? Keine Ahnung. Noch immer sind ihm die Themen in Olten wichtiger. Da kann er mitreden. Und noch immer spricht er von «wir in Olten …». Naja, so muss ich mich wohl langsam aber sicher damit abfinden, dass wir eine Fernbeziehung in den eigenen vier Wänden führen. Die Aarauerin und der Oltner.

Ich muss aber eingestehen, wäre es umgekehrt und ich würde mit ihm in Olten wohnen, Aarau würde genau so meine wahre Heimat bleiben. Trotzdem bin ich froh, dass ich durch ihn Olten kennenlernen durfte. Denn das Städtchen ist wahrlich unterschätzt und hat eine Menge zu bieten. Ja, ich wage sogar zu sagen, dass mir Olten in einigen (wenigen) Dingen sogar besser gefällt. Während man am Wochenende in Aarau Mühe hat, um noch irgendwo ein Plätzchen in einer Beiz zu ergattern, kann man es sich in Olten aussuchen. Auch vom Aarebistro bin ich total Fan. Eine Beiz wirklich direkt an der Aare, wo man die Füsse baden kann, während man seinen Cocktail schlürft, das fehlt hier in Aarau. Und auch die 23 Sternschnuppen, der Kultur- Adventskalender, für den sich die Kulturvereine zusammenschliessen, warum ist das Aarau noch nie in den Sinn gekommen? Wir hätten doch auch das Potential dazu.

Bis auf das Stadthaus (das ist wirklich das hässlichste Gebäude der Dreitannenstadt) ist Olten wunderschön. Olten hat seine Qualitäten und es lohnt sich wirklich, die Stadt zu entdecken und seine Menschen etwas besser kennenzulernen. Hat man dann aber genug von «zu Gast in Olten», ist man schnurstracks in nur elf Zug-Minuten wieder zurück in der Heimat – da wo es halt trotzdem am Schönsten ist.

«En kreative Maiezog allersiits!»

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Es ist nass und grau als ich durch die Altstadt schlendere. Auch wenn viele Läden und Beizen wieder geöffnet haben, es herrscht gespenstische Ruhe. Wird auch der Tag des Aarauer Maienzugs so sein? Mehr verlassen als ausgelassen? Oh nein, das darf nicht sein!

Im Kopfkino startet mein Maienzug-Film 2020. Es ist der 3. Juli, angenehme 23 Grad, die Sonne scheint. Nachdem ich von den Böllerschüssen geweckt wurde, beginne ich meinen Spaziergang am Graben. Beim wunderschön geschmückten Fischlibrunnen treffe ich auf eine Gruppe junger Menschen. Eine Kühlbox steht auf dem Boden, Klappstühle haben sie selbst mitgebracht. Fröhlich feiernd stossen sie miteinander an und wünschen sich «en schöne Maiezog». Vor der Markthalle steht eine Schulklasse mit ihren Lehrpersonen. Sie singen: «D’Gibel vo der Altstadt, s’Naturama, s’Schlössli, d’Aare, d’Gärte, d’Wälder, das isch Aarau eusi Stadt …» Der ganze Gesang wird vom Carillon aus dem Oberturm und den Turmbläsern begleitet. Den Stadtsong summend spaziere ich weiter und halte an der Verzweigung Pelzgasse, Metzgergasse, Kronengasse inne. Die Fahnen über den Strassen wehen leicht im Wind, die Geschäfte sind alle geöffnet, die Schaufenster blumig dekoriert.

Trifft man sich in diesem Jahr nicht am Bankett, so trifft man sich eben in den Restaurants. Die Frauen tragen weisse Kleidung, die Männer haben Granatapfel-Anstecker, von weitem hört man das Gejohle einer Verbindung.

In der Rathausgasse sehe ich Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker auf dem Balkon des Rathauses stehen, neben ihm die Stadtweibelin mit Talar und Hut. Davor haben sich einige Maienzügler versammelt. Gut verteilt und mit sicherem Abstand lauschen sie seiner Rede, bevor alle das Glas erheben und auf diesen ganz speziellen Maienzug anstossen.

Über das Adelbähnli gelange ich auf den Kirchplatz. Um den Brunnen stehen mehrere Festbänke. Die Familien an den Tischen geniessen das Bankettessen. Es wurde ihnen hierher geliefert. Plötzlich marschieren die Kadetten auf und spielen ein Platzkonzert vor der Kirche. Es ist anders als sonst. Doch ich geniesse den Maienzug 2020. Der Film macht Pause. Bin gespannt, wies weitergeht.

Auf, ihr erfinderischen Köpfe, lasst uns nach Ideen suchen, wie wir aus dem abgesagten Maienzug trotz allem ein unvergessliches Fest machen können. Mit etwas mehr Abstand zwar, aber nicht weniger Freude am schönsten Tag des Jahres. «En kreative Maiezog allersiits!»

Frag doch mal den Landanzeiger!

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Beim Landanzeiger erhalten wir viele Anfragen. Anfragen oder Ideen für Berichte, Themen, die wir doch mal aufgreifen sollten oder auch Fragen zu unserem Archiv. Doch noch nie war die Frage so aussergewöhnlich wie am vergangenen Donnerstag.

«Wie viele Buchstaben hat es in Ihrer Zeitung?», fragt uns eine Bezirksschülerin aus Buchs. Sie erklärt, ihr Mathematiklehrer hätte ihnen diese Aufgabe gestellt. Da sie mehrere Lösungswege ausprobieren soll, dachte sie sich, sie frage direkt mal bei uns nach. Ein unlösbares Rätsel, denke ich mir im ersten Moment. Was hat sich der Lehrer nur dabei gedacht? Im zweiten Moment sehe ich aber durchwegs auch das Positive an der Sache. Klar, mir wäre es lieber die Schüler müssten unsere Artikel lesen, sich damit auseinandersetzten und nicht einfach Buchstaben zählen. Aber immerhin kommen sie so mit dem Medium Zeitung in Berührung, sie beschäftigen sich damit. Und irgendwie hat mich die Frage auch selbst gepackt. Wie viele Buchstaben verwenden wir in unserer Zeitung? Keinen blassen Schimmer. Aber jetzt will ich es selbst wissen.

Ich will ihr also helfen. Aber wie löst man diese scheinbar unlösbare Aufgabe? Mathematik war noch nie so meine Stärke, selbst Berechnungen anstellen, damit komme ich nicht weit. Und wer nennt mir jeweils meine Zeichenanzahl? Word, natürlich! Also beginne ich jeden einzelnen Artikel in ein Word-Dokument zu kopieren. Control-C, Control-V, Control- C, Control-V. Nach einer dreiviertel Stunde verfluche ich zwar meinen Wissensdurst, aber ich habe es geschafft. Stolz schreibe ich ihr zurück: Es sind 119’898 Buchstaben. Mitgezählt sind auch alle Buchstaben in Kontaktböxchen, alle Buchstaben in Publireportagen und Bildlegenden. Sogar an jedes Datum und an jedes «Der Landanzeiger» am oberen Seitenrand habe ich gedacht. Nur mit den Buchstaben in den Inseraten konnte ich ihr nicht weiterhelfen und dummerweise sind auch Zahlen und Satzzeichen in den 119’898 Buchstaben inbegriffen.

Trotzdem hoffe ich, ich konnte der Schülerin weiterhelfen und noch mehr hoffe ich, dass sie daraus auch etwas lernen konnte. Nein, sie soll sich nicht ein Leben lang daran erinnern, dass der Landanzeiger 119’898 Buchstaben verwendet hat. Aber sie soll sich daran erinnern, dass wenn sie einmal bei einer Frage nicht weiter kommt, einfach mal den Landanzeiger fragen kann. Wir werden auf jeden Fall weiterhin versuchen auf alle Fragen, auch wenn sie noch so aussergewöhnlich klingen mögen, eine Antwort zu finden.

Homeoffice ist der Wahnsinn!

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Homeoffice, 1. Woche:
Homeoffice ist der absolute Wahnsinn! Ich kann morgens eine halbe Stunde länger schlafen bin aber trotzdem zur selben Zeit bereit für die Arbeit. Auch der Weg in den Feierabend verkürzt sich enorm. Ein paar Schritte nur und ich bin mit einem Bierchen auf dem Balkon. Mit Homeoffice lässt es sich super gut Zeit sparen. Zudem staune ich über die Wunder der Technik. Meine ganze Arbeit kann ich tatsächlich genau wie im Büro auch von Zuhause aus erledigen. Und drücke ich hier in Aarau auf «Drucken», dann kommt das Material tatsächlich auf der Redaktion in Oberentfelden heraus. Homeoffice – einfach der Wahnsinn!

Homeoffice, 2. Woche:
Weshalb mir überhaupt noch die Mühe machen mich umzuziehen? Ich schlendere nun jeden Morgen in den Trainerhosen an den Laptop. Ob meine Frisur sitzt oder ob ich frisch geduscht bin, wen kümmerts? Hauptsache meine Arbeit ist am Ende des Tages erledigt. Gestern zum Beispiel standen meine Haare in alle Richtungen. So hätte ich mich niemals unter Leute getraut. Trotzdem habe ich mit dieser Frise ein Telefon-Interview geführt. Homeoffice ist einfach der Wahnsinn! Doch langsam aber sicher fehlen mir andere Kontakte. Ich freue mich jedes Mal riesig, wenn mich jemand anruft oder ich jemanden anrufen darf. Das koste ich total aus. Ich erzähle und frage, ganz egal, wenn es auch ein Werbeanruf ist. Trotzdem fühle ich mich mehr und mehr alleine, abgeschottet, eingesperrt. Wie es wohl den anderen im Büro im Moment geht? Fehle ich ihnen auch? Was machen sie gerade? Ob ich schnell anrufen soll? Vielleicht haben auch sie das Bedürfnis eine vertraute Stimme zu hören?

Homeoffice, seit der 3. Woche:
Die ersten Signale von Einsamkeit aus der zweiten Woche sind verflogen. Denn ich bin nun auch nicht mehr alleine. Wenn ich morgens aufstehe, mir den Bademantel überziehe und Richtung Laptop watschle, warten sie schon alle auf mich: Um meinen Laptop herum reihen sich Redbull-Dose, Kleiderbügel, Haarbürste, WC-Rolle und Wörterbuch. Ich nenne sie liebevoll Fritz, Ninjelle, Brige, Rolf und Raphael (alles Namen von Landanzeiger- Mitarbeitern). Täglich forden sie mich aufs Neue: So sagt die Redbull- Dose, «wir brauchen noch einen Auto- Text», «der Titel ist zu lang», meint die WC-Rolle, «hat es noch Platz auf der Aarau-Seite?», fragt der Kleiderbügel und «könntest du noch diesen Text kürzen? », bittet das Wörterbuch. Ah, so lässt es sich doch gleich viel besser arbeiten als in einsamer Stille. Homeoffice – und mein absoluter Wahnsinn!

Willkommen im Club der Besonderen

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

«Wir sind von Geburt an etwas Besonderes», sagt Adriano Rafaniello im Schaltjahrkinder-Interview auf Seite 4. Ich, die ebenfalls am 29. Februar wieder einmal Geburtstag hat, kann dem nur zustimmen. Von Klein auf habe ich gemerkt, dass die Leute auf meinen Geburtstag ganz anders reagieren, als auf den von anderen Kindern. Sie stellten weitere Fragen und waren neugierig. Mein Geburtstag machte mich von Anfang an interessant. Weil so ein Geburtstag eben besonders ist.

Etwas Besonderes habe ich festgestellt, als ich etwas Ahnenforschung betrieben habe. Denn ich bin nicht die erste und einzige in meiner Familie, die am 29. Februar auf die Welt gekommen ist. Bereits Friedrich Oser, mein Ururururgrossvater (war es ein «ur» zu wenig?), war ein Schaltjahrkind.

Friedrich Oser war Vikar und nebenberuflich Dichter. Er würde am Samstag seinen 50. Geburtstag feiern, sprich er wäre 200 Jahre alt geworden. Ich frage mich, ob auch er sich durch seinen Geburtstag besonders fühlte?

Andere sahen in ihm ganz bestimmt -etwas Besonderes, sonst würde im Wald oberhalb von Biel-Benken im Basellandschaftlichen nicht ein Denkmal mit einem Bronzerelief stehen. Nein, der Grund dafür war nicht sein spezieller Geburtstag, sondern seine Lieder und Gedichte religiösen und patriotischen Inhalts. Seine Kreuz- und Trostlieder machten ihn 1856 im ganzen deutschen Sprachraum bekannt. Aber ich wette, auch sein Geburtsdatum hat dazu beigetragen, dass man sich an ihn erin-nerte.

«Friedrich Oser, das war doch der mit diesen wunderbaren Gedichten und Liedern» – Du meinst den, der nur alle vier Jahre Geburtstag feiern konnte?» So stelle ich mir auf jeden Fall eine Unterhaltung nach seinem Tod 1891 vor.

Aber nun zurück in die Zukunft und zurück zum kommenden Samstag. Ich wünsche Markus Schweizer, Maja Bader, Margrit Kost, Adriano Rafaniello und allen anderen Schaltjahrkindern, die ich (noch) nicht kenne, alles Gute zum Geburtstag! Und ich freue mich für jedes Neugeborene, das am Samstag das Licht der Welt erblickt. Ob ihr nun wie mein Vorfahre berühmt werdet oder nicht, ist ganz egal. Lasst euch niemals einreden ihr wärt nichts
Besonderes. Denn das seid ihr von Geburt an. Geniesst es, feiert es und zeigt jedem, wie toll es ist, ein Schaltjahrkind zu sein. Herzlich willkommen im Club!

Weil Liebe für mich ein Sandwich ist

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Es liegt Liebe in der Luft, können Sie sie spüren? Nein? Ich auch nicht. Trotzdem steht der Valentinstag vor der Türe. Der 14. Februar, der Tag der Liebe. Valen-tinstag – ein Tag, den ich wohl nie -verstehen werde.

Ich werde mich morgen auf jeden Fall hüten, ins Facebook zu gehen. All die glücklichen Pärchen-Fotos mit Sätzen wie «Schatz, du bist das Beste, das mir je passiert ist. Ich liebe dich so unendlich» oder mit so tollen Weisheiten wie «Liebe ist nur ein Wort bis dir jemand die Bedeutung zeigt». Kotz, würg. Das ist doch einfach unehrlich. Wem wollen die Pärchen damit etwas beweisen?

Vielleicht bin ich einfach unromantisch. Das kann sein. Ich mag Gesten wie Blumen oder Schmuck einfach nicht und auf kitschige Sprüche steh ich auch nicht. Trotzdem mag ich es natürlich auch, wenn man mir das Gefühl gibt, geliebt zu werden. Nur sieht das bei mir eben unromantisch aus: Da kam mein Partner vergangene Woche von der Arbeit nach Hause. Und er hat mir etwas mitgebracht. Nein, eben keine Blumen und keinen Schmuck. Es war ein Subway-Sandwich. Und zwar genau mit jenen Zutaten, die ich so gerne mag. Unaufgefordert, einfach nur um mir eine Freude zu machen. Das war für mich ein Zeichen der Liebe, weil er weiss, wie gerne ich diese Sandwiches mag. Das allerbeste daran war: es geschah eben nicht am Valentinstag, sondern an einem «hundsgewöhnlichen» Donnerstag.

Und genau das ist es, was mich am Valentinstag so stört. Scheinbar meint jeder Mann, er müsse genau an diesem Tag, an diesem 14. Februar, seiner Liebsten mit einem Präsent zeigen, wie lieb er sie hat. Das ist doch falsch. Schenkt euch Blumen, schenkt euch Schmuck, lädt einander zum Essen ein und zeigt euch eure Zuneigung – aber spart euch das doch nicht für diesen einen Tag auf. Verteilt es lieber auf ein ganzes Jahr.

Führt eure Liebsten zum Essen aus, eine Woche darauf schaut ihr euch ihren Lieblingsfilm an, auch wenn ihr ihn selbst nicht mögt, wieder eine Woche später verschenkt ihr einen Ballon (jeder mag Ballons) und nehmt euch auch nur Mal in den Arm und sagt Danke. Und wenn euer Herzblatt halt auch so unromantisch ist wie ich, holt dieses dumme Sandwich, die Freude wird riesengross sein.

Und wenn wir es geschafft haben, jeden Tag ein bisschen Liebe zu geben, dann brauchen wir auch keinen Valentinstag mehr.

In der «Stichprobe» durchgefallen

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Für einmal bin ich eine Auserwählte. Eine von 3 Prozent, eine von nur 200000 Personen. Ich gehöre zum kleinen Teil der Bevölkerung, der Informationen liefern soll. Etwas stolz macht mich das schon. Denn mir wurde per Post mitgeteilt, dass ich an der nationalen «Strukturerhebung 2019» teilnehmen darf.

Diese jährliche Erhebung ist ein Kernelement der eidgenössischen Volkszählung. Diese stützt sich vorwiegend auf Informationen aus den Einwohnerregistern der Gemeinden und Kantone. In den Registern sind aber nicht alle Informationen enthalten, die traditionell in einer Volkszählung erfragt werden. Deshalb führt das Bundesamt für Statistik eine Stichprobenerhebung bei einem kleinen Teil der Bevölkerung durch. Und ich bin eine dieser «Stichproben».

Gerade weil nur wenige an der Strukturerhebung teilnehmen dürfen, lass ich Sie beim Ausfüllen des Fragebogens teilhaben. Los geht es mit Sprachen. Meine Muttersprache, in welcher Sprache ich denke und welche Sprache ich beim Arbeiten nutze? Naja, Fremdsprachen waren noch nie so mein Ding. Sorry, Bundesamt für Statistik, punkten kann ich in diesem Kapitel nicht. Hoffentlich sieht es bei den nächsten Fragen besser aus.

Ah, die Schulbildung. Da werd ich doch einige Punkte rausholen können, oder? Angefangene Kantonsschule, angefangenes Studium … Verdammt. Ich verspüre wachsende Selbstzweifel.

Wieviel ich arbeite, möchte das Bundesamt wissen. 60 Prozent! Doch sogleich höre ich in meinem Kopf, die berühmtberüchtigte Frage: «Und was machst du dann die restlichen 40 Prozent?» Nichts, liebes Bundesamt für Statistik, gar nichts. Deshalb leiste ich mir ja auch nur eine günstige Kleinwohnung, rechtfertige ich mich innerlich verzweifelt … Und nein, auch ein Auto habe ich nicht.

Ich vergrabe mein Gesicht in meinen Händen, blinzle zwischen meinen Fingern hindurch. Wie der Fragebogen ist zu Ende? Ist das wirklich alles, was du wissen wolltest? Bloss 20 völlig oberflächliche Fragen? Ich hätte doch noch so viel zu erzählen! Warte, liebes Bundesamt, geh nicht weg. Du hast mich ja noch gar nicht richtig kennen gelernt! Oder sag mir wenigsten, wie ich im Vergleich zu den Anderen abgeschnitten habe!

Seit der Fragebogen abgeschickt ist, herrscht Funkstille, das Interesse an mir ist verflogen. Die anfängliche Freude erloschen. Nun sitze ich da, der Drang mich zu erklären, ist gross. Warum gerade ich? Ich wünschte mir, dass nicht ich den Fragebogen hätte ausfüllen müssen.