Er ist ein Englishman in Aarau

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

«Euch Schweizer werd ich nie ganz verstehen!», sagt unser britischer Besuch. Er wird für ein paar Tage bei uns auf der Couch übernachten, bevor er seine Besuchs-Tour quer durch die Schweiz fortsetzt. Wir haben gerade mit einem «Welcome Drink» angestossen, als er sein Unverständnis kundtut. «Während bei uns in England ein allgemeines ‹Cheers› in die Runde reicht, treibt ihr es total auf die Spitze. Mit jedem Einzelnen wird angestossen, man nennt sich dabei beim Vornamen und wehe, man schaut seinem Gegenüber nicht in die Augen. Weshalb dieses ganze Theater? Ich will doch einfach mein Bier trinken!» Wir alle lachen. Ja, das machen wir Schweizer tatsächlich so. Dass das für andere Nationen komisch ist, war uns nicht bewusst.

Das sei aber nicht einmal das Schlimmste. «Diese Überpünktlichkeit », sagt er. «Ich zahle für eine Fahrt nach Luzern zwar gleich viel wie für meinen Easyjet-Flug in die Schweiz, trotzdem mag ich das Zugfahren. Und ich schätze deren Pünktlichkeit.» Dass Herr und Frau Schweizer dann ebenfalls pünktlich sein müssen, sei verständlich. «Aber weshalb seid ihr immer zu früh dran? Machen wir ein Treffen um 19 Uhr aus, bin ich um 18.55Uhr bestimmt der Letzte, der ankommt », erklärt er. Auch da ist irgendetwas dran, finden wir anderen.

Das sei aber nicht einmal das Schlimmste. «Die Begrüssung», chlönt er. Grüezi oder Hoi, Sie oder du, drei Küsschen oder nur eines, eine Umarmung oder doch lieber ein Händeschütteln? Und Corona hätte die ganze Sache noch viel komplizierter gemacht. «Und manchmal, glaub ich, wisst ihr selbst nicht recht, wie ihr begrüsst werden möchtet», meint er.

Schon komisch, unsere Eigenheiten. Und dass wir uns erst über sie Gedanken machen, sie sogar hinterfragen, wenn uns jemand darauf hinweist. Es gibt ganz bestimmt noch viele weitere Schweizer Merkwürdigkeiten.

«Das ist nicht einmal das Schlimmste an uns», werf ich jetzt in die Runde. «Beim Recyclen werden PET- und Plastik-Flaschen eben nicht am selben Ort wie Büchsen und Glas entsorgt, sondern wieder zum Supermarkt gebracht. Der Sonntag als Ruhetag ist uns heilig. Wehe, du wagst es, zu viel Lärm zu machen. Und was wir alles mit unserem Käse anstellen …» Damit will ich unseren Englishman in Aarau nicht noch weiter überfordern.

Alt und fett, aber zufrieden damit

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Hat man es geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören, darf man stolz darauf sein. Ich auf jeden Fall bin stolz auf jede einzelne der 3686 Stunden, die ich bereits «clean» bin. Nicht nur, dass es für meine Gesundheit besser ist, nicht zu rauchen, auch meine Ausdauer hat sich stark verbessert, ich mag mich mehr bewegen. Und Geld gespart hab ich natürlich auch dabei. Ganze 3000 Franken jährlich spare ich ein.

So toll das Rauchfreisein auch ist, es gab da letzte Woche einen Moment, bei dem ich meinen Rauchstopp bereut habe: Es ist der Maienzugmorgen. Gut gelaunt will ich soeben in mein Maienzugkleid schlüpfen, da merk ich, dass «schlüpfen» in diesem Fall nicht mehr geht. Mit angehaltenem Atem muss ich mich verrenken, zerren, reissen, mich hineinpressen. Hineingepresst seh ich dann schlussendlich aber auch aus.

Deprimiert über die Rauchstopp-Extrakilos zieh ich halt ein elastischeres Kleid an und mach mich auf den Weg zu meiner Freundin. Die hat an diesem Morgen mit etwas ganz anderem zu kämpfen: einem Kater. «Vor ein paar Jahren hätte ich das noch locker weggesteckt!», sagt sie. «Wir werden alt und fett.» Ich habe nichts zu erwidern.

Zusammen machen wir uns auf und gehen von Brunnen zu Brunnen. Auf dem Kirchplatz treffen wir einen ehemaligen Schulkollegen. Früher ein richtiger Draufgänger, arbeitet er heute bei der Bank, hat Haus und Garten, Frau und Büsi. Ein richtiger Bünzli ist er geworden. Damals hätten wir es niemals für möglich gehalten, dass er so einen seriösen Weg einschlagen würde.

Unser ehemaliger Schulkollege ist aber nicht nur scheinbar erwachsen geworden, obendrauf hat er auch noch einen Bauch bekommen. Einen kleinen «Wohlstandsbauch», wie er ihn lachend selbst nennt. Aber er ist unglaublich zufrieden mit seinem Leben und seinem Äusseren und strahlt das auch aus.

Als meine Freundin und ich wieder unter uns sind, sagt sie: «Älter werden muss gar nicht so schrecklich sein … Und ein paar Kilos mehr auf den Rippen bedeuten auch nicht gleich den Weltuntergang. Hauptsache, man ist glücklich. Alt, fett und zufrieden quasi.» Ich habe nichts zu erwidern.

Der Preis für die perfekten Socken

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Welches ist Ihr wichtigstes Kleidungsstück? Ich meine damit nicht, das teuerste Kleidungsstück oder das, an welches Sie spezielle Erinnerungen knüpfen. Es geht um das Kleidungsstück, bei welchem es Ihnen am wichtigsten ist, dass es perfekt sitzt. Bei mir ganz klar: die Socken.

Es gibt nichts Störenderes als Löcher in den Socken und den kleinen Zeh, der meint, er müsse sich nun unbedingt da durchpressen. Es gibt nichts Blöderes als die Naht, die unterhalb des Nagels drückt. Nichts Nervigeres als herumrutschende Socken, mit denen man jedes Mal barfuss dasteht, wenn man die Schuhe auszieht. Und es gibt nichts Unangenehmeres als Socken, die am Fuss eigentlich super passen, die aber gefühlt die Blutzirkulation oberhalb des Fussgelenks unterbrechen. Und von Socken, die Blasen verursachen, müssen wir gar nicht erst anfangen.

Meine Ansprüche an Socken sind hoch. Hat man es dann einmal gefunden, das perfekte Sockenmodell, das keine Wünsche offenlässt, dann will man niemals mehr was anderes tragen. Und genau dieses Sockenmodell habe ich gefunden: die «Cotton Touch Damen Socken mit femininem Rollband».

Leider, leider haben aber auch sie wortwörtlich ein Ablaufdatum. Ich muss also neue online bestellen, denn im Laden krieg ich sie nirgends. Aaaber… ganz allein nur Socken bestellen, wäre ja auch irgendwie doof, denk ich mir. Und auf Shopping hätte ich ja auch irgendwie Lust. Ich hab mir doch schon so lange nichts mehr gegönnt. Und am Porto lässt sich auch sparen, wenn ich mehrere Dinge bestelle. Voller Enthusiasmus stürze ich mich ins Kleidungs-Paradies und finde, ohne wirklich zu suchen. Klick, das gefällt mir, klick, das ist noch hübsch und klick, das passt so gut zu der Strickjacke, die im Kleiderschrank hängt.

Das kleine Einkaufswagensymbol in der oberen rechten Ecke des Bildschirms zeigt schnell einmal sechs Artikel an. 332 Franken der Betrag. Ich brauch halt eben Socken, sag ich mir und bestelle voller Vorfreude meine neuen Sachen.

Eine Woche später ist alles da. Und, na ja, dummerweise passt bis auf die Socken auch alles. Die hab ich nämlich vor lauter Einkaufs-Enthusiasmus in der Grösse 46 bestellt. Also dann eben noch einmal neu bestellen. Aaaber… ganz allein nur Socken bestellen, wäre ja auch irgendwie doof…

Um Mitternacht

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

«Ich bin so froh, dass ich dich getroffen habe» – eine Aussage, die zu vielen Situationen passen würde. Ich stelle mir Situationen mit der besten Freundin oder dem Partner vor. Nicht aber ein Aufeinandertreffen von zwei Menschen, die sich noch nie zuvor gesehen haben und sich im Moment der Aussage ebenfalls nicht sehen. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich diesen Satz einmal um Mitternacht mitten im Wald zu hören bekomme. So ist es aber passiert.

Aber von vorne: Ich bin jemand, der ganz gerne am Wochenende ausschläft. Ich bin aber auch jemand, der einen Hund hat, der morgens raus muss. Um trotzdem ausschlafen zu können, gehe ich spät abends gerne noch mal mit ihm Gassi. Die Route ist dabei immer dieselbe. Und so verläuft ein Stück der Strecke durch den Telli- Wald. Es kann noch so finster sein, den Weg kenne ich in- und auswendig. Manchmal raschelt es am Wegrand, auch daran habe ich mich gewöhnt.

Dass das aber nicht für alle ein absolut alltäglicher Weg ist, ist klar. Nur äusserst selten begegne ich jemandem bei diesen Nachtspaziergängen. Am Wochenende aber, es war kurz vor Mitternacht, sah ich zwei Veloscheinwerfer hinter mir näher kommen. «Ist da vorne ein Tier?», fragte eine Frauenstimme. «Nein, ich bin es. Aber ich hab ein Tier dabei», beruhigte ich die beiden. Sie überholten mich, dann hielt die Frau ein paar Meter vor mir an. Weder sie noch ich konnten voneinander die Gesichter erkennen, trotzdem verwickelte sie mich in ein Gespräch: «Gibt es hier Biber?» Ja, sag ich, zwar nicht gleich hier, aber beim Sengelbach hätte ich letzte Woche einen beobachten können. «Ich wohne nun schon ein Jahr in Rohr und habe noch nie einen Biber gesehen», sagt sie und bedankt sich herzlich für meinen Tipp. «Ich bin so froh, dass ich dich getroffen habe», sagt sie in die Dunkelheit hinaus, bevor sie und ihr Begleiter ihren Weg fortsetzen. «Gehen wir an den Sengelbach?», hör ich sie noch ihren Begleiter fragen.

Ja, bei uns in der Aarauer Telli gibt es eben noch viel mehr zu beobachten als die Schwäne mit ihren Jungen. Eine Suche nach dem Biber kann ich jedem empfehlen. Seine Spuren entdeckt man überall. Und mit etwas Glück steht er plötzlich ein paar Meter von einem entfernt und schmatzt, von dir unbeeindruckt, saftige Gräser. Und noch ein Tipp meinerseits: Mitternacht muss es dabei überhaupt nicht sein, die Chance, ihn zu sehen, ist bei Abenddämmerung genauso gross.

Wenn die ganze Welt gegen dich ist

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Es ist Samstag, Zeit für den Wocheneinkauf. Einkaufstasche bereit und den Einfränkler bereits in der Hand steuere ich die Einkaufswagen an. Wie gewohnt versuche ich den Fränkler in den Schlitz zu schieben. Hm, klemmt. Ich versuche es beim nächsten Wagen, diesmal mit etwas mehr Kraft. Keine Chance. Na dann eben beim dritten Wägeli! Und bevor ich total genervt bin, tadaaa, es hat geklappt. Ich habe meinen Einkaufswagen, es kann losgehen.

Zielstrebig geht es Richtung Eingang des Einkaufszentrums. Doch was ist mit der Schiebetüre los? Die will partout nicht aufgehen. Einen Schritt vorwärts, zwei rückwärts, heftiges Winken, nichts scheint zu funktionieren. Da tritt ein junges Mädchen neben mir hervor und die gläserne Schiebetür öffnet sich. Okaaay … Etwas verunsichert setze ich meinen Weg fort.

Zuerst soll es in den 1. Stock gehen. Also rein in den Lift, Knopf drücken und … wieder geschieht nichts. Ich drücke den Knopf erneut. Ein drittes, viertes Mal. Der Lift bleibt an Ort und Stelle stehen. Eine alte Dame steigt ein, drückt denselben Knopf wie ich zuvor, doch nun tut der Lift wie ihm geheissen und er fährt los. Was zur Hölle geschieht hier gerade? «Können Sie mich sehen?», frage ich die alte Dame. Sie schaut mich verdutzt an, nickt und ist wahrscheinlich froh, als sie den Lift und mich wieder verlassen kann. Na dann hat sich wohl einfach die Welt gegen mich verschworen, denke ich laut.

Am Nachmittag bin ich an der Corona-Demo, beruflich natürlich. Laut wird nach «Liberté» gerufen. Mehrmals werde ich beschimpft, weil ich im Gegensatz zu ihnen eine Maske trage. Der Weg nach Hause wird mir lange versperrt. Aber eigentlich sind wir gar nicht so verschieden, denk ich mir plötzlich, auch ich dachte heute, irgendetwas Komisches gehe vor und die ganze Welt wäre gegen mich. Und genauso geht es vielen dieser Demonstranten. Nur halte ich es deswegen nicht für nötig, die alte Dame im Lift zu beschimpfen, nur weil mir der Lift nicht gehorcht. Oder ich hindere auch nicht alle anderen Einkaufenden daran, sich ein Wägeli zu schnappen, nur weil es mir nicht gelingt. Und ich veranstalte keine Demo gegen das Einkaufszentrum und schreie nach «Liberté», weil die Schiebetüre nicht aufgehen wollte. Die Gedanken müssen gar nicht so verschieden sein. Was uns unterscheidet, ist, wie wir mit solchen Gedanken umgehen.

Nie zu alt für Wingardium Leviosa!

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Es scheppert neben mir. Der Nachbarsjunge, mit dem ich gerade gemeinsam auf den Lift warte, hat einen Stock auf den Boden fallen lassen. «Das ist mein Zauberstab», sagt er und hebt ihn ganz schnell wieder vom Boden auf. Was er denn so alles zaubere, frag ich ihn. «Lumos, Alohomora, Expelliarmus», zählt er auf. Mein Herz schlägt sogleich höher und ich fahre fort: «Wingardium Leviosa, Expecto Patronum.» Er schaut mich mit grossen Augen an. «Du kennst Harry Potter?», fragt er mich ganz erstaunt. Ich lache auf. Denn wenn er mich etwas genauer angeschaut hätte, mich, mit meinen Harry-Potter-Socken, meiner Harry-Potter-Halskette und meinem Harry-Potter-Schal (Ravenclaw natürlich), dann hätte er gemerkt, dass er einen richtigen Harry-Potter-Freak vor sich hat.

«Ja, ich mag Harry Potter», untertreibe ich. «Ich hab alle Bücher und alle DVDs zuhause», sag ich sozusagen als Beweis dafür. Wieder schaut er mich mit grossen Augen an: «Was sind DVDs?» Wow, damit hab ich nicht gerechnet. Was sind DVDs? Sein Ernst jetzt? Ich bin noch mit «Chaschperli»-Platten, «Die drei ???»-Kassetten und dem Dschungelbuch auf einer VHS-Kassette aufgewachsen. Dass man das als Kind heute nicht mehr kennt, okay. Aber DVDs? Ich überlege angestrengt, wie ich ihm das nun erklären soll.

«DVDs sind CDs, auf denen der Film drauf ist», stottere ich, kurz bevor der Nachbarsjunge aus dem Lift aussteigt. Die Tür geht zu, ich bin alleine im Lift und lache mich kaputt. «Klar, wenn er schon mit DVDs nichts anfangen kann, weiss er ganz bestimmt, was eine CD ist», mache ich mich über mich selbst lustig. Aber danke, lieber Nachbarsjunge, ich hab mich schon lange nicht mehr sooo alt gefühlt wie in diesem Moment.

In meiner Wohnung angekommen, lass ich mich aufs Sofa plumpsen. Auf meiner Augenhöhe und immer griffbereit stehen meine Harry-Potter-Bücher und -DVDs. Vielleicht lassen mich meine DVDs alt aussehen. Aber auch etwas anderes hat mir das Gespräch mit dem Nachbarsjungen gezeigt: Es gibt keine Altersgrenze, um ein wahrer Harry-Potter-Fan zu sein. Den Hogwarts-Experten kann man sowohl mit neun wie mit neunundzwanzig Jahren raushängen lassen und man wird dafür bewundert. Und, meine allerwichtigste Erkenntnis von diesem Tag: Ich bin zwar älter als DVDs, aber ich werde nie zu alt sein für ein bisschen «Wingardium Leviosa»!

Wiedermal eins trinken gehen

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

«Wir sollten unbedingt wieder einmal eins zusammen trinken gehen» oder «wieder mehr Kontakt haben» und «uns unbedingt öfters treffen». Wie oft haben Sie schon solche Sätze gehört, freudig zugestimmt und genau gewusst, dass es ja doch nicht dazu kommen wird? Bestimmt schon unzählige Male, oder? Bei mir war es vor zwei Wochen das letzte Mal. Aus dem Nichts meldete sich plötzlich eine alte Bekannte. Früher waren wir ziemlich dicke Freunde und von einem Tag auf den anderen plötzlich Funkstille. Nichts mehr. Und nun, Jahre später, interessiert sie sich plötzlich wieder für mich und möchte «wieder Kontakt» und «eins trinken gehen»?

Eigentlich überhaupt nicht in der Stimmung unsere Beziehung wieder aufleben zu lassen, sage trotzdem «ja, gerne», einfach um sie nicht vor den Kopf zu stossen. Und ich weiss ja genau, dass es sowieso nie zu einem Treffen kommen wird. Seit diesem Tag haben wir auf jeden Fall wieder keinen Kontakt. Wenn wir aber doch scheinbar genau wissen, dass es nicht zu «wieder Kontakt » und «öfters treffen» kommt, wieso sagen wir solche Dinge überhaupt? Sind es einfach höfliche Floskeln? Einfach schnell mal so dahingesagt? Und noch schlimmer: Wieso stimmen wir solchen Vorschlägen zu? Weil es eben manchmal doch klappt! Mein Beweis dafür heisst Tobias.

Mit Tobias läuft es immer genau gleich ab: Er gratuliert mir zum Geburtstag, fragt, ob wir wieder einmal einen trinken wollen, ich sage ja. Aber dann gehen wir tatsächlich eins trinken. Den Rest des Jahres sehen wir uns dann kein einziges Mal mehr. An meinem Geburtstag im nächsten Jahr wiederholt sich die ganze Prozedur.

Dass Tobias und ich uns nur einmal im Jahr sehen, heisst nicht, dass wir uns eigentlich nicht mögen würden. Denn das tun wir. Wir verstehen uns bei unserem jährlichen Treffen immer prächtig. Es kommt dann einfach nicht vermehrt dazu. Das ist alles. Das Allerbeste ist aber, dass das für uns beide absolut in Ordnung ist. Keiner ist böse auf den anderen, dass wir uns nicht mehr sehen. Und wir beide freuen uns, wenn wir uns einmal im Jahr verabreden und danach sagen können: «War schön, wir sehen uns nächstes Jahr!»

Einmal so nah und einmal so fern

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Seinen liebsten Menschen die ganze Zeit um sich zu haben, kann echt anstrengend sein, oder? Ich konzentriert im Homeoffice, er in seinen lehrerbedingten Ferien zu Hause kramt neben mir lärmend in der Besteckschüssel (nein, wir haben dafür keine Schublade). Das Zusammenleben ist durch Corona intensiver geworden. Einander mehr Raum lassen, ist insbesondere in einer 3½-Zimmer-Wohnung eine ganz schöne Herausforderung. Klar, geht man sich da einfach häufiger auf den Keks. Verständnis, Kommunikation, Geduld und Einfühlungsvermögen sind deshalb gefragter denn je.

Auch wenn ich das ewige «Aufeinanderhocken» manchmal echt satt habe, tauschen möchte ich auf keinen Fall. Denn unserer «Nahbeziehung» gegenüber sehe ich die Fernbeziehung meines Bruders. Er hier in der Schweiz, sie 855 Kilometer weit entfernt in Zagreb, Kroatien.

Eine Fernbeziehung erfordert schon zu normalen Zeiten gute Organisation. Doch was diese beiden bald schon ein Jahr lang in dieser ungewöhnlichen Zeit erbringen, um sich für eine kurze Dauer nah sein zu können, ist der Wahnsinn! Da steht zum Beispiel die Schweiz auf der kroatischen Einreiseverbots-Liste, Kroatien auf jener der Schweiz. Naja, dann treffen sie sich eben in Deutschland. Zwei Tage vor Einreise geht auch das nicht mehr. Dann wird eben kurzfristig nach Mailand umgebucht. Dort herrscht zwar Shutdown und ein negativer Test muss noch kurzfristig gemacht werden, aber immerhin können sie sich ein Wochenende lang sehen. Und wie gesagt, so planen sie alle zwei bis drei Monate und das schon fast ein Jahr lang.

Wird Kroatien dann auch noch von schlimmen Erdbeben heimgesucht, wie es Ende Dezember war, sind die Verzweiflung und die Hilflosigkeit perfekt. In solchen Momenten der Angst, wünscht man sich doch nichts sehnlicher, als einfach von seinem Partner in den Arm genommen zu werden. Corona verunmöglicht das.

Ich glaube, die beiden würden sich richtig darüber freuen, wenn ihr grösstes Problem das ständige «Aufeinanderhocken» wäre. Und deshalb an alle Nahbeziehungs-Paare: Reisst euch zusammen! So schlimm ist es nun auch wieder nicht! Und an alle Fernbeziehungs-Paare: Haltet weiterhin durch! Wenn ihr das überstanden habt, übersteht ihr alles!

Ein Hoch auf Wikipedia!

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Im Januar durfte eine ganz spezielle Freundin meinerseits ihren 20. Geburtstag feiern. Es gibt wohl keine andere, die so hilfsbereit ist wie sie. Es gibt wohl keine andere, die so gerne ihr Wissen teilt wie sie. Sie hat mir und wahrscheinlich Millionen anderen bei Schulvorträgen geholfen, hat mir Chemie und Geschichte erklärt. Sie hat es absolut verdient, an dieser Stelle gewürdigt zu werden. Deswegen: Happy Birthday Wikipedia!

Seit zwei Jahrzehnten suchen Menschen im Online-Lexikon Wikipedia Informationen, die wiederum von vielen anderen Menschen bereitgestellt werden. So kommen über 53 Millionen Artikel in fast 300 Sprachen zusammen. Allein die deutschsprachige Wikipedia umfasst inzwischen über 2,5 Millionen Artikel und belegt Platz vier aller Sprachausgaben.

Die deutschsprachigen Seiten werden täglich im Durchschnitt etwa 15 Millionen Mal aufgerufen. Und auch ich nutze Wikipedia fast täglich. Nicht aber nur, weil ich an Informationen gelangen will, sondern weil mich Wikipedia auch köstlich unterhalten kann. So füttert mich Wikipedia mit einer täglichen Portion unnützem Wissen. Oder wussten Sie etwa, dass der Buchstabe W in deutschen Texten eine relative Häufigkeit von 1,89% hat und er somit der 17.-häufigste Buchstabe in deutschen Texten ist? Oder hätten Sie gewusst, dass bislang über keinen Fall von Sex im Weltraum berichtet wurde? Ach Wikipedia, ich danke dir für dieses Wissen, das keinem etwas bringt.

Wunderschön ist auch die Sprache, die für Wikipedia-Artikel verwendet wird. «Das verstärkte rektale Entweichen von Darmgasen», niemand könnte einen Furz schöner beschreiben als Wikipedia. Weil jeder Autor von Wikipedia-Artikeln sein kann, werden auch skurrile Themen aufgegriffen, wie zum Beispiel jenes übers «Ampeln beschimpfen». Oder über «Socke». Nein, nicht das, was wir am Fuss tragen. Sondern die Katze namens «Socke». Ganze 2600 Zeichen lang erfahre ich alles über das Leben dieser Katze. Lachen musste ich auch bei der Liste von Berufen, «die nach heutiger Erkenntnis nur geringe Zukunftschancen haben». Von der Wahl eines dieser Berufe sei deshalb abgeraten, heisst es. Glücklicherweise befindet sich die Journalistin nicht auf dieser Liste, dafür aber Berufe wie der Brillenträger, der Dobermann oder der Uhrzeiger.

Ja, Humor hat sie! Und deshalb, liebe Wikipedia, ein Hoch auf dich und auf viele weitere Jahre Hilfsbereitschaft, komplizierte Sätze und unnützes Wissen!

Hier mit dem lesen beginnen

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Na, noch fleissig mit den Neujahrsvorsätzen beschäftigt, oder haben Sie diese bereits wieder über Bord geworfen? Gesünder leben, Geld sparen, mehr Zeit mit der Familie – jedes Jahr sind es doch etwa die gleichen Vorsätze. Ich bin auf dem Weg zu einem Arzttermin. Vorbei an Aschenbecher und Fitnessstudio frage ich mich, ob in genau diesem Moment wirklich weniger Menschen rauchen, dafür aber mehr Sport machen. Will auch ich mir einen Vorsatz nehmen? Darf man das überhaupt noch, wenn das neue Jahr schon begonnen hat? Ach, papperlapapp, das wird sicher noch akzeptiert.

Was aber ist der perfekte Vorsatz für mich? Das frage ich mich, als ich mit dem Lift nach oben zur Arztpraxis fahre. So etwas Gewöhnliches wie mit dem Rauchen aufzuhören oder mehr Sport zu treiben, ist mir zu langweilig. Ausserdem sehe ich bei beidem keine Chance, es durchzuziehen. Etwas aussergewöhnlicher muss mein Vorsatz schon sein. Und er muss realisierbar sein.

Als ich vor der Tür der Arztpraxis stehe, werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Fünf Poster weisen darauf hin, wie ich mich vor und in der Praxis coronamässig zu verhalten habe. Auf dem ersten steht: «Hier mit dem lesen beginnen.» Mir wird ganz heiss. Mit dem lesen? Mit dem Lesen! Angestrengt versuche ich mich auf den Inhalt der nächsten vier Blätter zu konzentrieren. Es gelingt mir nicht. Immer wieder schweife ich ab und starre stattdessen auf den Schreibfehler auf dem ersten Blatt. Eine Berufskrankheit. Aber dafür der perfekte Vorsatz für mich, denk ich mir. Lass dich im Privaten nicht von Rechtschreibfehlern aus dem Konzept bringen und korrigier nur, wenn du danach gefragt wirst.

Das mag simpel klingen, ist es für mich aber nicht. Weihnachtskarten, Hochzeitseinladungen, Glückwunschkarten, die Fehler springen mich an und ich sehe nur noch sie. Ich kann dann einfach nicht anders, als den Verfasser darauf hinzuweisen. Vielleicht ist auch das der Grund, weshalb ich keine Karten mehr bekomme …

Meinen Vorsatz fest im Kopf versuche ich mich abzulenken. Ich ziehe meine Jacke schon mal aus, tänzle so vor mich hin, drücke den Liftknopf, tänzle weiter, drücke wieder den Liftknopf, tänzle weiter … Plötzlich öffnet die Praxisassistentin die Eingangstür. Es platzt so richtig aus mir heraus: «Lesen schreibt man gross!» Verdammt, fühlt sich das gut an! Vielleicht beginne ich besser erst morgen mit meinem Vorsatz.

Die Magie ist zurückgekehrt

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

«Chom schnell. I gseh grad s’Christchindli doreflüüge!», rief meine Grossmutter mir immer zu, als ich fünf Jahre alt war. Jedes Mal pünktlich um 17 Uhr sputete und hetzte Klein-Sarah, doch nie ist es ihr gelungen, das Christchindli ebenfalls beim Entzünden der Weihnachtsbeleuchtung beobachten zu können. Das gelang komischerweise immer nur den Erwachsenen. Doch das machte ihr eigentlich nichts. Denn mit jedem Mal wuchs die Vorfreude auf das Weihnachtsfest. Ihr genügte die Vorstellung vom vorbeifliegenden Christchindli, um die Magie von Weihnachten zu spüren.

15 Jahre später war diese Magie futsch. Ab November jede Woche Weihnachtsmärkte, Weihnachtsausstellungen, Weihnachtsgesänge, Weihnachtstheater, Weihnachtsessen, Weihnachtskonzerte, Weihnachtsbäume, Weihnachtsgeschenke, Weihnachtsdeko, Weihnachtsfilme, Weihnachtsguetzli. Das war einfach zu viel. So kam mit der Liebe zum Lokaljournalismus die Verachtung für Weihnachten. Im Alter von 20 Jahren hatte ich Weihnachten spätestens anfangs Dezember satt. Die übertriebene Herrlichkeit und Fröhlichkeit, der Kitsch und die vorgegaukelte Liebe überall – einfach schrecklich, fand die Weihnachtsmuffel-Sarah. Sie spottete über all jene, die sich auf Weihnachten freuten und wurde zum unausstehlichen Grinch, die den Leuten am liebsten Weihnachten gestohlen hätte.

Doch dann kam das Jahr 2020, ein Jahr in dem alles anders ist. Nicht nur die Welt scheint Kopf zu stehen, sondern auch ich. Denn nun vermisse ich plötzlich den ganzen Vorweihnachtstrubel und das erste Mal seit vielen Jahren freue ich mich wieder wie ein kleines Kind auf Weihnachten. Ich will meine Familie endlich wieder sehen, ich will wieder einmal Raclette, ich sehne mich nach Besinnlichkeit.

Um das Ausmass etwas genauer zu beschreiben: Zum ersten Mal überhaupt habe ich unsere Wohnung weihnachtlich dekoriert, ich zünde abends Kerzen an, trinke eine heisse Schokolade und vor allem schaue ich Weihnachtsfilme! Ja, Weihnachtsfilme! «Tatsächlich… Liebe», «Kevin allein zu Haus», «Über Weihnachten» – alles schon durch. «Sissi» und «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» werden natürlich noch folgen. Mein 20-jähriges Ich hätte gerade einen Schreikrampf. Doch ich bin einfach von Wärme erfüllt, geniesse jede Weihnachtsbeleuchtung und halte an, wenn ich irgendwo Weihnachtsmusik höre. Ich habe sogar all meine Weihnachtseinkäufe schon seit Wochen erledigt. Nicht wie sonst erst auf den letzten Drücker. Irgendwie war es in diesem Jahr ganz leicht. Irgendwie magisch …

Manchmal geht es nicht ohne Plastik

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Eigentlich sind mein Partner und ich uns einig, wenn es um den Lebensmitteleinkauf geht: Die Produkte sollen aus der Schweiz kommen, es soll Bio sein, auf keinen Fall von Nestlé, keine Plastikverpackung, ohne Palmöl und laktosefrei. Aber eben nur eigentlich. Denn manchmal ist es einfach nicht möglich, allem gerecht zu werden. Regelmässig kommt es bei uns deswegen bereits in der Gemüse-Abteilung zu hitzigen Diskussionen zwischen der Plastikverfechterin und ihrem Bio-über-alles-Freund.

Denn instinktiv greife ich nach den Schweizer-Zucchinis, die ich in ein mitgebrachtes Stoffsäckli packen will. «Halt!», ruft es warnend neben mir. «Die hier sind Bio», weisst mich mein Freund auf die Zucchinis daneben hin. Ich: «Ja, aber die sind in Plastik verpackt». Ich will erneut nach den Non-Plastic-Zuchinis greifen. Er: «Halt! Waren wir uns nicht einig, dass wir Bio kaufen wollten?» Ich: «Waren wir uns nicht einig, wann immer möglich auf Plastik zu verzichten?»

Die Leute im Supermarkt fangen zu starren an, denn es artet, wie immer, in einem Bio-Plastik-Krieg zwischen uns aus. Und, wie immer, siegt Bio schliesslich über Plastikfrei. Das wird demonstriert, indem mein liebster Umweltsünder die Plastik-Bio-Zuchinis in den Einkaufswagen schmeisst: «Manchmal geht es halt nicht ohne Plastik.»

Stinkig über meine Niederlage, sage ich den ganzen Einkauf über gar nichts mehr. Zuhause sollen die Wogen geglättet werden. Er: «Schau ich habe online eine Bio-Bambus-Zahnbürste gefunden. Kein Plastik, 96 Prozent biologisch abbaubar und auch die Verpackung ist 100 Prozent aus Altpapier. Und für jedes gekaufte Produkt wird ein Baum gepflanzt.» Ich, sehr skeptisch über die Herkunft des Bambus und immer noch sauer über den Disput im Supermarkt, sage kalt: «Du machst ja eh, was du willst.»

Ich würde ihn noch um seine Bio-Bambus-Zahnbürste beneiden, so lautete sein letzter Satz, der mich heute noch mit so viel Genugtuung erfüllt. Denn gesagt, bestellt, die Zahnbürste wurde geliefert. Doch was seh ich da einige Tage später: Schätzelein hat sich wieder eine Plastikzahnbürste zugetan. «Mein ganzer Mund wurde wund vom rauen Bambus», erklärt er, nicht fähig mir in die Augen zu sehen. Ich pruste los. Zwar nicht glücklich über den erneuten Sieg von Plastik, dafür sehr wohl über meinen eigenen Triumph, sag ich schadenfreudig: «Tja, Schatz, manchmal geht es halt nicht ohne Plastik.»

Wörter-Wahnsinn im Werbe-Wirrwarr

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Vergangenen Mittwoch habe ich es doch tatsächlich wieder einmal getan. Der Bundesrat hat mich dazu getrieben, genauer gesagt seine neuen Bestimmungen zum Coronavirus. Ich habe Fernseh geschaut. Eigentlich stimmt das nicht ganz, denn einen Fernseher habe ich gar nicht. Wofür auch? Die Programme interessieren mich ja eh nicht. Bis eben am vergangenen Mittwoch, als ich mir beim Warten auf den Bundesrat, das Programm online angetan habe. Und nun weiss ich auch wieder genau, weshalb ich keins dieser Geräte zu Hause habe. Diese elende Werbung! Es ist nicht mal unbedingt die Dauer der Werbeblöcke, sondern der Stumpfsinn, der da geschwafelt wird. Klar Lindt, ich kaufe dir sofort ab, dass eure Maîtres Chocolatiers jede Praline mit einem winzigen Löffelchen einzeln befüllen.

Erstaunt bin ich aber auch über die Wörter, die so in Werbespots gebraucht werden. Ich hatte bis anhin ja keine Ahnung, was ein Aroma-Öl-Diffuser ist. Wobei ich bezweifle, dass die Supermarktmitarbeitenden mich zu einem Lufterfrischer bringen, wenn ich nach einem AromaÖl- Diffuser fragen würde.

Als Schreiber von Werbespots muss man anscheinend einen kreativen Umgang mit Wörtern pflegen. Ebenfalls ganz beliebt, ist es, Wörter aneinanderzureihen. Da ist der «Extra-Frische-Kick» von Ricola noch harmlos. Da enthält ein Waschmittel von OMO zum Beispiel eine «pflanzenbasierte Anti-Flecken- Kraft» und die Marke «Kinder» wirbt mit einer «knackig-kühlen Zartbitter-Schokolade mit locker-luftiger Milchcreme». Und das sagt die Sprecherin in einem Tempo, das ich bewundere. Wieder stelle ich mir vor, wie ich im Supermarkt stehe und frage: «Wo finde ich denn die knackig-kühle Zartbitter-Schockolade mit locker-luftiger Milchcreme?» Als ich dachte «Kinder» hätte den Vogel, beziehungsweise den Pinguin abgeschossen, kommt da Oral B und wirbt für seine «Sensitivitäts- und Zahnfleisch-Balsam- Zahncreme». Was für ein Zungenbrecher! Wie viele Durchläufe brauchte wohl der Sprecher, bis er diesen Ausdruck korrekt aussprechen konnte? Und seit wann heisst das überhaupt Zahncreme?

Immer noch ganz diffus nach diesem Ausflug in die Welt der Werbespots hoffe ich nun, dass ich in nächster Zeit nicht mehr auf den Bundesrat warten muss. Von Fernsehwerbung habe ich nämlich für eine lange Weile wieder genug gehört und gesehen. Und so wünsche ich Ihnen nun weiterhin Giga-Stark-Momente beim Intensiv-Informations-Lese-Spass mit dem Landanzeiger.

Geh Bier holen, du Hund!

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Der Wind pfeift um die Häuser, die dicken, schwarzen Wolken verhindern jedes Durchkommen von Licht. Vorbei ist er, mein geliebter Sommer. Stattdessen ist es nass, grau, kalt und einfach richtig eklig. Am liebsten würde ich das den ganzen Tag machen: mich auf dem Sofa einkuscheln, Filme schauen und mit meinem Hund … «Nein, Hund, ich will jetzt eben nicht nach draussen!» Sein Kopf nimmt eine Schieflage ein, seine grossen Augen betteln mich an. Natürlich werde ich schwach und wir gehen zusammen ins nasse Kalt hinaus.

Tja, mit dem Hund nach draussen zu gehen, egal bei welchem Wetter, daran komme ich halt nicht vorbei. Vor allem weil ich auch keinen Garten zur Verfügung habe. Das heisst dreimal täglich Jacke zu und durch. Und dem Hundi, diesem Egoisten, ist es egal, ob Frauchen friert. Von wegen «der beste Freund des Menschen», wer wohl auf so einen Blödsinn kam? Würde er sich wenigstens in anderen Belangen nützlich machen, Wäsche waschen, einkaufen gehen, Wohnung putzen, dann würden wir wenigstens beide voneinander profitieren. Aber nein … oder … einen Moment mal … das ist die Lösung! Frauchen will nicht draussen erfrieren, klein Wauwau braucht Beschäftigung, aber es soll trotzdem eine für Frauchen sinnvolle Beschäftigung sein.

Ich bringe meinem Hund nun über die kalte Jahreszeit bei, mir ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen. So haben wir beide, was wir wollen! Wie, Sie finden diese Idee doof? Meine Mama ging als Kind noch für ihren Vater Zigaretten kaufen, da find ich ja meine Idee mit dem Hund und dem Bier um einiges vertretbarer. Und vor allem macht ihm das Training richtig Spass. Ein paar Leckerlis können auch echt überzeugend sein. Der Kühlschrank wird bereits super geöffnet und auch eine Bierdose nimmt Hundi in den Mund. Der Ablauf muss noch etwas verfeinert werden, aber Sie werden sehen, bis zum Ende der dunklen Tage bringt mir mein Hund mein Bier.

Dumm nur, dass das mit dem Kühlschrankschliessen momentan noch nicht so wunderbar funktioniert. Denn seit er den Kühlschrank öffnen kann, friere ich nicht nur draussen sondern auch in der Wohnung. Auch hier drinnen wird es allmählich nass, vermehrt grau, kalt und richtig eklig. Vielleicht war das mit dem Bier holen doch nicht die allerbeste Idee. Aber wir können ja immer noch auf das Wäschewaschen wechseln. Was soll da schon schief gehen?

Man müsste Asterix oder Bud Spencer sein

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Treffen sich zwei Freunde am Montag nach Feierabend auf ein Bier. Sagt der eine zur anderen: «Könntest du heute bezahlen? Habe mein Portemonnaie vergangenen Freitag verloren.» «Ach, das tut mir leid», bekundet die andere ihr Mitleid. Darauf erwidert er: «Nein, nein. Nicht so schlimm. Es liegt seither auf dem Fundbüro.» «Wo liegt dann das Problem?», fragt die andere. «Durch meine Arbeitszeiten und deren Öffnungszeiten kann ich es erst am Donnerstag holen.»

Was für ein schlechter Witz, denken Sie jetzt wahrscheinlich. Auch mir kam dieser Gedanke, als mir mein bester Freund von seiner Portemonnaie-Geschichte erzählte. Fast eine ganze Woche war er ohne sein Portemonnaie und damit auch ohne Geld, ohne Ausweis und ohne Bahn-Abonnement unterwegs. Und das obwohl seine verloren gegangene Brieftasche so nah war. Doch wenn man Arbeitszeiten bis um fünf Uhr nachmittags hat, dann reicht es halt einfach nicht, bis um fünf Uhr nachmittags im Fundbüro zu sein.

Am Donnerstag kam dann seine Erlösung. Denn dann hat das Fundbüro ausnahmsweise bis 19 Uhr geöffnet. Doch die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende. Ja, er kann zwar wieder Geld abheben und er fährt seither auch wieder mit seinem Bahnabo zur Arbeit. Aus Sicherheitsgründen wurde aber seine ID entwertet. Sie ist ungültig und muss ersetzt werden, wie er beim Fundbüro informiert wurde.

Also geht es für ihn zum Passamt. Allerdings erst am Montag darauf, denn auch die haben nur an einem Tag länger geöffnet. Auf dem Passamt aber dann die Nachricht: «Sie müssen zuerst auf der Verwaltung ein Formular ausfüllen.» Darauf hat man ihn beim Fundbüro nicht hingewiesen. Also geht es für ihn am Donnerstag zurück zur Verwaltung und dann erneut am Montag aufs Passamt.

Bei diesem ganzen Hin und Her kommen mir Szenen aus dem Zeichentrickfilm «Asterix erobert Rom» oder «Banana Joe» mit Bud Spencer in den Sinn. Auch dort werden die Hauptfiguren bürokratisch beinahe in den Wahnsinn getrieben. Nun hat mein bester Freund aber leider weder einen Zaubertrank wie Asterix noch die Kampfeskraft und Sturheit von Bud Spencer. Er muss wohl oder übel einfach da durch.

Und doch frag ich mich, muss es wirklich so kompliziert sein? Gibt es keine flexiblere Lösung? Wie sieht der Trick aus, den man anwenden muss? Ich habe keine Ahnung.Haben Sie mir einen

Und ich dachte, es sei Samstag

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Wann merken Sie, dass Sie so richtig entspannt sind? Wenn Sie vor dem Fernseher einnicken? Wenn Sie an einem heissen Tag im Schatten sitzen und einen Drink schlürfen? Oder wenn Sie einfach einmal nichts tun und an nichts denken? Wenn ich so richtig entspannt bin, verliere ich komplett den Überblick über die Zeit. Und in den letzten paar Wochen war ich sowas von entspannt. Sowas gabs schon lange nicht mehr! Morgen oder Abend, der Wochentag oder das Datum – alles verschwommen, es spielte keine Rolle mehr und ich hatte richtig Ferien im Kopf.

Ich musste aber merken, dass es auch ungünstige Momente gibt, um diese totale Entspannung zu erreichen. So zum Beispiel wenn man eine Ferienwohnung gebucht hat und dort den Überblick über die Zeit verliert. Sie ahnen es, genau das ist mir passiert. Ich war der festen Überzeugung, ich hätte mich vom Dienstag, 4. August bis am Samstag, 7. August in Grächen eingemietet. Nach dem Auschecken am Samstag würde ich mich in Kandersteg mit einem Kollegen treffen. Nun ja, so war jedenfalls der Plan. Auf jeden Fall mache ich mich deswegen an diesem Freitagmorgen bereit für die letzte Wanderung in Grächen. Ich streiche gerade Brote und packe meinen Rucksack, als sich eben dieser Kollege meldet. Er verspäte sich und könne erst in einer halben Stunde losfahren, schreibt er mir. Ich bin verwirrt. Heute ist doch erst Freitag. Wir haben uns doch für den darauffolgenden 7. August verabredet. Der Blick auf den heutigen Wochentag und das Datum treiben mir Schweissperlen auf die Stirn. Ja, wir haben uns für den 7. August verabredet, nur ist das nicht der Samstag sondern der heutige Freitag. Schnell checke ich meine Buchung. Und auch da: gebucht bis FREITAG, 7. August. Ich klatsche mir mit der Hand an die schweissnasse Stirn. Und ich Dummerchen dachte tatsächlich es sei bis Samstag.

Als ich eilig mein Zimmer räume, male ich mir aus, was hätte geschehen können. Ich käme abends erschöpft in meine Ferienwohnung zurück und die wäre schon von anderen besetzt. Was hätte ich da sagen sollen? Sorry, ich war zu entspannt, um mir den Wochentag zu merken? Oder ‘tschuldigung, ich dachte, der 7. August sei Samstag? Bei dieser absurden Entschuldigung muss ich lauthals loslachen. «Ich dachte, es sei Samstag» war damals nämlich meine beliebteste Ausrede, um meinen Lehrern zu erklären, warum ich nicht in der Schule aufgetaucht bin. Nein, das würde heute wohl kaum noch klappen. So packe ich meine Sachen fertig und mache mich etwas weniger entspannt an einem Freitag anstelle von einem Samstag auf den Weg nach Kandersteg.