Ein «Hopp Aarau!» vom Fussballmuffel

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

«Wie steht es momentan um den FC Aarau?», frage ich am vergangenen Samstag meinen guten Freund. Es ist eine Frage, die ich öfter stellen muss. Denn obwohl ich in meinem Freundeskreis viele Fans habe, von Fussball habe ich schlichtweg keine Ahnung. Nicht einmal bei der EM und der WM, mitten im Public Viewing, flammt irgendein Spürchen Leidenschaft auf. Fussball reiht sich bei mir mit Formel 1, Radrennen oder Billard in eine schier unendlich lange Liste von Sportarten, die mich so gar nicht interessieren. Man könnte sagen, ich bin ein richtiger Sport-Schau-Muffel.

Und doch möchte ich ab und zu wieder auf den neusten Stand der Dinge gebracht werden – zumindest was den FC Aarau betrifft. Immerhin bin ich Aarauerin. Und da kommt man um den FC Aarau nicht drum rum. Muss ich mir am Bahnhof mehr Zeit einrechnen oder werde ich heute in meiner Lieblingsbeiz noch einen Platz finden? Auch das hat alles mit Fussball zu tun.

Deshalb frage ich jedes Mal, wenn sich die «FC Aarau»-Leibchen auf den Strassen häufen, mir die Farben Schwarz, Weiss, Rot mehr als sonst begegnen, lieber einmal mehr nach: «Wie steht es momentan um den FC Aarau?» So eben auch am vergangenen Samstag.

Mit glänzenden Augen und voller Aufregung wird mir die damals aktuelle Lage geschildert. «Wenn … gegen Schaffhausen … dann … vor Winterthur … Punkte … zu Hause … Samstag … Aufstieg … Vaduz …» Das waren zwar nicht seine genauen Worte, aber so viel hab ich zumindest verstanden. Es geht also um einiges.

Nach seinen Ausführungen blickt mir mein Fussball-Freund traurig in die Augen: «Gar nichts? Keine Emotion? » Ich zucke mit den Schultern. Er blickt mich flehend an. «Na gut, wenn ich mich unter allen Sportvereinen für einen entscheiden müsste, weil ich damit den Weltfrieden herbeirufen würde, den Klimawandel stoppe und den Hunger auf der Welt tilge, dann würde ich mich natürlich für den FC Aarau entscheiden », sage ich. Meine Antwort scheint ihm zu reichen, denn anstelle von Stirnrunzeln ziert nun ein zufriedenes Lächeln sein Gesicht. Und damit ein ganz lautes «Hopp Aarau, Love, Peace and Food!».

Sehen und gesehen werden

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Die Augen tränen, die Nase läuft und alles juckt – der Frühling könnte so schön sein, wären da nicht diese elenden Pollen. Um mir beim ständigen Reiben nicht noch eine Augenverletzung zu holen, kommt statt den Kontaktlinsen dieser Tage meine Brille häufiger zum Einsatz. Aber ich merkte schnell, irgendetwas stimmt nicht mehr. Mit der Brille seh ich links einfach nicht mehr scharf genug. Richtig unangenehm. Also los zum Optiker meines Vertrauens! Dort dann die Bestätigung: Die Gläser müssen angepasst werden. Ich entscheide mich die Brille gleich beim Optiker zu lassen und sie einen Tag später wieder abzuholen. Der Bus fährt quasi gleich beim Optiker, den Weg nach Hause – es sind nur drei Stationen – schaff ich locker mit einem weniger geschärften Blick.

An der Bushaltestelle angekommen, setz ich mich auf die Bank. Da kommt ein Mann an mich herangetreten: «Können Sie mir sagen, wo diese Adresse ist?», fragt er und streckt mir einen Zettel hin. Mist! Eine Wegbeschreibung ohne Brille, das ist eine Challenge! Doch ich lass mir nichts anmerken und erklär ihm sicher den Weg. Er bedankt sich und geht. Und schon kommt die Nächste. Sie scheint etwas aus der Puste zu sein und fragt angestrengt: «Ist der Bus nach Suhr schon gefahren?» Ich kneife die Augen ganz doll zusammen, um besser an die Anzeigetafel sehen zu können. «Nein, der kommt erst noch», sag ich ihr. Eine andere Frau setzt sich neben mir auf die Bank. Sie streckt mir ein Billett hin. «Ist mein Ticket noch gültig?» Wollt ihr mich alle verkohlen, frag ich mich in Gedanken. «Ich kann nichts sehen!», schreit es in meinem Kopf. Trotzdem geb ich mir Mühe, der Frau zu helfen. Ganz nahe ans Billett heran muss ich, meine Nase berührt schon beinahe das Papier, bis ich die winzige Schrift auf dem Ticket lesen kann. «Nein, tut mir leid. Das Billett ist nicht mehr gültig.»

Endlich kommt mein Bus. Fertig mit der blinden Auskunftgeberei. Ich betrete den Bus und sehe ganz unscharf, dass mir am Ende des Busses eine Silhouette zuwinkt. Und auf der gegenüberliegenden Seite ruft mir jemand zu: «Hoi Sarah!» Ich habe in diesem Moment absolut keine Idee, wer diese beiden Menschen sein könnten. Ich steh deshalb mitten im Bus und sage: «Hallo zusammen. Ich kann euch gerade nicht sehen, aber schön, gesehen zu werden!» Und ganz ehrlich, ich bin froh, dass ich die komischen Blicke nicht sehen konnte, die mir in diesem Moment von allen Mitfahrenden zugeworfen wurden.

Der Hase mit dem rosaroten Schnuller

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Die Eier bunt bemalen und Nester verstecken, sich zum Brunch treffen und die Eier tütschen, Unmengen Schoko-Eili und -Hasen verputzen und Kleinkindern den Nuggi abgewöhnen. All diese Dinge gehören für mich zu Ostern. Ja, auch das mit dem Nuggi. Denn mit mir wurde das als Kind genau so gemacht.

Meine Nichte, mein Partner, meine beste Freundin. Sie alle haben ihren Schnuller damals – mehr oder weniger freiwillig – dem Samichlaus übergeben. Aus meinem Bekanntenkreis kenne ich niemanden, der seinen Schnuller nicht dem Samichlaus überlassen hat. Tja, bei mir war es aber etwas anders.

Ich war als Kind ein richtiger Nuggi-Junkie. Es ging nichts ohne meinen geliebten Schnuller, und das tatsächlich, bis ich vier Jahre alt war. Dann reichte es meiner Mutter endgültig. Doch sie wusste: Das mit dem Samichlaus zieht vielleicht bei anderen Kindern, nicht aber bei meiner Sarah. Der Samichlaus? Der war mir als Kind einfach zu unheimlich. Was soll der auch mit meinem Nuggi anfangen? Meine Mama wusste, damit würde sie ihr Ziel, mich vom Nuggi zu entwöhnen, bestimmt nicht erreichen. Auch an ein Baby «weiterverschenken», weil dieses ihn besser gebrauchen kann, hätte nicht funktioniert. Auch dies eine zu schwache Argumentation, um mich vom Nuggi zu trennen. Doch meine Mama hatte einen Trumpf im Ärmel: den süssen und absolut liebenswürdigen, kleinen Osterhasen. Ich als absoluter Tierfreund verstand sofort, dass der liebe Osterhase bei so viel Arbeit einen Nuggi verdient hat. Aufopferungsvoll wollte ich ihm also meinen anbieten.

Meine Mama und ich bastelten ihm dafür ein Nestchen, betteten den Nuggi am Abend vor Ostern hinein und zündeten eine Kerze an, damit der Osterhase ihn auch wirklich findet. Und das Osterwunder geschah: Nicht nur, dass ich von da an nie mehr nach dem Nuggi fragte. Der gute Osterhase hatte mir als Dank auch ganz viele Kinder Schoko-Bons dagelassen. Was für ein lieber Kerl!

Mit dieser kleinen Anekdote aus meinem Leben möchte ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ganz schöne Ostern wünschen. Geniessen Sie die freien Tage und lassen Sie es sich schmecken! Und falls Sie einen Hasen mit einem rosaroten Schnuller sehen, das ist mein guter Freund, der Osterhase.

Abschalten

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Heute Abend ist es endlich wieder so weit: Es geht an ein Konzert. Starke Gitarrenriffs, mitgrölendes Publikum, tanzende Menschen. Judihui, ich freue mich richtig. Die Arbeitswoche war anstrengend, umso mehr wird es guttun, sich beim Konzert einfach treiben zu lassen.

Abschalten. Abschalten möchte ich aber auch schon bei der Zugreise zum Konzertort. Und tatsächlich hält direkt vor meiner Nase der Wagon mit den Ruheabteilen. Herrlich! So kann ich die Ruhe vor dem Sturm so richtig auskosten. Ich betrete also den Wagon. Es hat noch viele freie Plätze. Im Abteil neben mir sitzt eine ältere Dame, im Abteil vor mir ein Mädchen im Teenageralter.

Ich setz mich, atme tief durch, rutsche noch etwas auf dem Sitz hin und her, bis mir richtig bequem ist, und wäre eigentlich zum Abschalten bereit, da nimmt das Mädchen im vorderen Abteil einen Anruf entgegen. «Du wirst nicht glauben, was er getan hat», erzählt sie aufgebracht und mit dementsprechender Lautstärke. Und ich muss mir eine abstruse Geschichte über Eifersucht, Betrügereien, ein Handgemenge und anschliessenden Trennungschmerz anhören. Sehr wahrscheinlich hatte sich auch die Frau neben mir aufs Abschalten gefreut. Sie hält es auf jeden Fall nicht mehr länger aus, steht auf und weist das Mädchen sehr ruhig und freundlich auf den Ruhewagen hin und bittet sie, mit Telefonieren aufzuhören. Das Mädchen zeigt vollstes Verständnis, entschuldigt sich ebenso freundlich und sie beendet auch sofort ihr Telefongespräch.

Wir konnten tatsächlich für ungefähr zehn Minuten die Stille geniessen, da ertönt die Stimme des Mädchens schon wieder durch den Wagon. «Und dann hat sie ihm eine geklatscht», fährt sie quasi da weiter, wo sie aufgehört hat. Ja, das Mädchen hat zwar aufgehört zu telefonieren, sie verschickt nun stattdessen aber Sprachnachrichten. Ist ja auch ganz was anderes als telefonieren. Die ältere Dame und ich schauen uns kopfschüttelnd an und können uns ein Lachen über diese absurde Situation nicht verkneifen. Dann ist da aber auch schon meine Haltestelle. Ich nicke der älteren Dame zum Abschied schweigend zu, gehe am Abteil des Mädchens vorbei und sage: «Abschalten wäre toll gewesen.» Ich bezweifle, dass sie verstand, auf was ich hinauswollte.

Maske auf oder Zunge rein

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Also langsam habe ich mich wieder daran gewöhnt. Spucke im Mundwinkel, spröde Lippen, Nasenhaare und übergeschminkte Wangen – sie sind wieder da. Oder richtiger gesagt: Sie sind wieder zu sehen. Drei Wochen hatte ich nun Zeit, mich beim Einkaufen wieder an diese Anblicke zu gewöhnen. Das Zwischenfazit: Geht so. Manche Menschen möchte man halt am liebsten gar nicht sehen. Und plötzlich wird man angestarrt, wenn man weiterhin Maske trägt. Aber, es geht, ich habe mich langsam daran gewöhnt.

Noch vor zwei Wochen hatte ich mehr Mühe. Es war ein kalter Tag, kurz nach Mittag, als ich mich entschied zum ersten Mal ohne Maske einkaufen zu gehen. Der Zeitpunkt war günstig, es würde wenig Menschen im Laden geben. So war es dann auch. Ich konnte gemütlich meinen Wocheneinkauf machen, freute mich über die Düfte, die ich so lange nicht mehr gerochen hatte, und freute mich, dass ich die Gemüse-Plastiksäckli mit etwas Spucke am Finger viel schneller auseinanderbrachte. Einfach wunderbar!

Ich schlenderte durch die Regale, liess mir für alles etwas mehr Zeit. Mit vollem Einkaufswagen ging es zu den Kassen. Da nur wenige Leute zu dieser Zeit einkauften, waren auch nur zwei Kassen geöffnet. Ich steuerte auf die Kasse mit der kürzeren Schlange zu, ganz zielstrebig, ich fixierte sie. Nur noch wenige Schritte entfernt, da eilte eine junge Frau zwischen den Regalen hindurch, blickte mir dreist ins Gesicht und quetschte sich zwischen mich und das Ende der Schlange. Was soll das?! Hätte sie gefragt, natürlich hätte ich sie vorgelassen, schliesslich habe ich es nicht eilig. Aber so doch nicht. Und dann passierte es: Ich war noch so daran gewöhnt, dass man es nicht sehen würde und streckte ihr die Zunge raus. Und ihrem Blick zu urteilen, hatte sie das ganz deutlich gesehen. Es vergingen mehrere Sekunden, in denen wir uns einfach anstarrten. Wir beide hatten den Drang, etwas zu sagen, doch wir waren offenbar beide so perplex, dass einfach keine Worte kommen wollten. Ich konnte mich als Erste aus der Starre befreien, nutzte die Gelegenheit und floh so schnell wie möglich aus der Situation.

Seither trage ich lieber wieder Maske beim Einkaufen – als Sichtschutz quasi. So kann ich wieder nach Lust und Laune jedem meine Zunge rausstrecken, ohne einen Konflikt zu riskieren.

Leben am Limit

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Pizza, Kebab oder Burger? Was war das Letzte, das Sie sich nach Hause liefern liessen? Einmal pro Woche ist es bei mir der Fall, dass ich lieber etwas bestelle, als mich in die Küche zu stellen. Pizza, Kebab und Sushi – das sind meine Top Drei. Die Lieferdienst- Plattform «Just Eat» hat ein Ranking erstellt, wie die Schweiz 2021 bestellt hat. Meine Top Drei zeigt so ziemlich, wie auch der Rest der Schweiz bestellt. Mit Sushi bin ich etwas mehr welschschweizerisch, mit Pizza aber «so was von Aargau«.

Ich blättere noch etwas im Bericht herum, als mein Blick auf die meistbestellten Pizzas fällt. Mir stockt der Atem. Auf dem ersten Platz ist die Pizza Margaritha, der zweite Platz gehört der Pizza Pro sciutto. So weit, so gut. Aber dann kommt der dritte Platz. Und der wird – oh Schreck – doch tatsächlich von der verpönten Pizza Hawaii besetzt. Mir dreht es den Magen um. Schweiss auf meiner Stirn.

Im Internet gibt es ganze Communities und ganze Seiten, die sich damit beschäftigen, die Pizza Hawaii zu verteufeln. Menschen, die gerne Ananas auf ihrer Pizza mögen, gelten als geschmacklos und werden ausgegrenzt. 20 Minuten titelte im Jahr 2018 «Die Pizza Hawaii zerstört Freundschaften». Wie kann es also sein, dass 2021 immer noch so viele Menschen den Mut hatten, die soziale Ausgrenzung in Kauf nahmen und sich eine Pizza Hawaii bestellten? Das, meine Damen und Herren, ist Leben am Limit.

Es gehört schon viel Mut, eine Portion «scheiss drauf» und eine Prise Arroganz dazu, sich eine Pizza Hawaii zu bestellen. Aber irgendwie hat mich die ganze Sache neugierig gemacht. Ich mag Pizza Pro sciutto sehr gerne, Ananas liebe ich. Soll ich es also wagen?

Es klingelt. Es ist so weit: Der Lieferant bringt mir meine Pizza Hawaii. Ich öffne vorsichtig die Tür, immer darauf gefasst, dass gleich was Schlimmes passieren könnte. Aber nein, gewohnt freundlich lächelnd wird mir meine Pizza ausgehändigt. Man wünscht mir sogar ein schönes Wochenende.

Keine Ausgrenzung, keine Beleidigungen und auch kein Blitz, der mich zweiteilt. Und das Allerbeste – und ich sag es jetzt laut –, ich habe die Pizza Hawaii richtig genossen. Das ist Leben am Limit.

Gesundheit, Geduld und genügend Essen

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Und wieder herrscht der Ausnahmezustand. Quarantäne und Isolation gehören momentan zu unserem Alltag. Scheinbar jeder kennt derzeit jemanden, der sich gerade für fünf Tage komplett zurückziehen muss. Es kann jeden treffen, das macht einem die momentane Situation klar. Und auch mich hat es schon erwischt. Ich wünsche allen, die es gerade aushalten müssen, Gesundheit, Geduld und genügend Essen. Denn ich hatte zwar Glück mit den ersten beiden, der Gesundheit und der Geduld, das mit dem «genügend Essen» stellte meinen Haushalt aber vor Probleme. Denn als wir zwei, mein Partner Simon und ich, die Nachricht bekamen, dass wir ab jetzt zu Hause bleiben müssen, war unser Kühlschrank leer. Deswegen ein erster kleiner Tipp von mir: Sorgt immer dafür, genügend Essen im Kühlschrank zu haben.

Habt ihr keine Fünf-Tage-Ration im Kühlschrank, dann habt ihr vielleicht meinen zweiten Rat befolgt: Seid lieb zu euren Nachbarn. Denn sie sind es, die helfen werden. Bei uns zumindest war es so und sie stellten uns gefüllte Einkaufstaschen vor die Wohnungstüre.

Mein dritter Tipp: Kennt euren Mitbewohner. Ich war zwar sehr froh, nicht alleine zu Hause festzusitzen, es hat aber auch seine Tücken. Nun hatten wir zwar genügend zu Essen, von unserem gemeinsamen Favoriten, dem «Eiersösseli», nicht genügend, damit es für uns beide fünf Tage reichen würde. Und bereits am ersten Tag war es plötzlich verschwunden. Hat er wirklich so viel aufs Mal davon gegessen? Kann nicht sein. Ich behalte recht. Versteckt hat er es vor mir, denn ich finde es in der Gemüseschublade unter einem Kopfsalat.

Und mein vierter und letzter Tipp: Behaltet euer Handy stets im Auge. Und auch wenn es noch nicht so klingt, auch dieser letzte Tipp hat etwas mit Essen zu tun. Denn wir haben uns Pizza bestellt. Wenn schon zuhause festsitzen, dann richtig, dachten wir uns und wir assen die Pizza im Bett. Nur die Krümel wollten wir eigentlich nicht dort. Also wird die Bettdecke nach dem Essen über dem Balkon ausgeschüttelt. Was ich erst später bemerkte, mit den Krümeln flog auch mein Handy aus dem 8. Stock. Und wie holst du dir dein Handy wieder zurück, wenn du die Wohnung nicht verlassen darfst? Wir wären wieder zurück bei Ratschlag Nummer 2: Seid lieb zu euren Nachbarn. Sie bringen euch sogar ein schmutziges aber tatsächlich noch ganzes Handy zurück.

Was ich noch sagen wollte

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Überall wird auf 2021 zurückgeblickt, ein Fazit gezogen und natürlich werden auch Vorsätze fürs neue Jahr gemacht. Gibt es etwas, das ich unseren Leserinnen und Lesern noch unbedingt auf den Weg geben will, bevor das Jahr endet? Dafür habe ich nur noch gut 38 Stunden Zeit. Und eigentlich gibt es da noch so einiges, was ich nicht bis 2022 zurückhalten will.

Und weil die Zeit drängt, hier eine einfache Aufzählung von verschiedenen Dingen, die ich noch sagen oder erzählen wollte: Egal ob beim Toastbrot, beim Sandwich-Brötchen oder bei einem ganzen Laib, ich würde mich immer für die Vollkorn-Variante entscheiden. Ich mag die soooo viel lieber. Wenn wir schon beim Essen sind: Das Ekligste, was mir 2021 passiert ist, ich habe in ein faules Ei gebissen. Ich rate Ihnen, tun Sies nicht.

Von «tun Sies nicht» gelangen wir zu «tun Sies auch?»: Können Sie eine Türe abschliessen, ohne danach die Klinke noch einmal runterzudrücken, um zu prüfen, ob die Tür wirklich verschlossen ist? Das macht man doch ganz automatisch, oder? Ich kann mir auf jeden Fall nicht vorstellen, dass es jemanden gibt, der ohne abschliessende Kontrolle abschliessen kann.

Ich liebe es, Witze zu erzählen. Was aber noch viel lustiger ist, als sie zu erzählen, ist sie unnötigerweise zu erklären. Apropos erklären: Kann mir jemand erklären, wie ein Bus, der im 7-Minuten-Takt fährt, 8 Minuten Verspätung haben kann? So mehrmals geschehen bei mir in der Telli.

Und wenn wir schon bei der Telli sind: Ich liebe es ja in den «Staumauern» zu wohnen. Aber sich den Waschraum mit 40 anderen Parteien zu teilen, kann echt die Hölle sein. Und wenn wir schon von Hölle sprechen: Wieso um Himmels willen werden schon seit dem 20. Dezember Raketen, Frauenfürze und Co. abgefeuert!? Kann das echt nicht bis in 38 Stunden warten? Mein Hund auf jeden Fall dreht deswegen fast durch.

Da wären wir bei Hunden, darüber könnte ich ja stundenlang schreiben, hier aber nur eine kleine Bitte, ein Vorsatz quasi für alle anderen Hundehalter: Nehmt eure Hunde doch bitte an die Leine, wenn ihr an einem anderen angeleinten Hund vorbeigehen müsst. Euer Hund mag ja lieb sein, meiner ist es vielleicht nicht. Mit diesem empfehlenswerten Vorsatz wären wir schon fast bei 2022. Und mir bleibt noch ein wenig Zeit, um Ihnen allen einen guten Rutsch zu wünschen. Ich wünsche Ihnen allen ein 2022 mit viel Liebe, Zuversicht, Gesundheit und vor allem keinen faulen Eiern!

Warum in die Ferne schweifen …

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Die Schiebetür geht zu, quetscht dabei den leeren Kinderwagen leicht und geht wieder auf. Nach 30 Sekunden dasselbe Szenario. Sie will schliessen, der Kinderwagen im Weg, die Schleuse öffnet sich wieder. Ich bin im Zug nach Solothurn, will dort an ein Konzert. Ich bin aber nicht in irgendeinem Zug nach Solothurn, sondern im überfülltesten, den ich je betreten musste. Der Eingang vorne völlig überfüllt, kein Durchkommen. Beim Eingang hinter mir dasselbe, nur dass sich hier durch den Kinderwagen nicht einmal mehr die automatische Schiebetür schliessen lässt. Natürlich sind auch alle Sitzplätze besetzt. Eine Reisegruppe hat von Olten bis Biel die Sitzplätze reserviert. Ich stehe im Gang zwischen Viererabteil und Viererabteil ganz in der Nähe von Schiebetür und Kinderwagen.

«Was ist eigentlich Ihr Problem?», werde ich plötzlich von der Seite angeblafft. Ich schau nach links und rechts. Bin tatsächlich ich gemeint? Ich schaue die Frau mit grauem Kurzhaarschnitt verwirrt an. «Wieso stehen Sie hier? Unsere Plätze sind reserviert! », fährt sie weiter. Hinter mir versucht die Schiebetür wieder zu schliessen, quetscht erneut den Kinderwagen und gibt wieder auf. «Ich verstehe nicht …», sag ich zu ihr. «Können Sie sich bitte einen anderen Platz suchen?», fragt die Dame angriffig. Nochmals schau ich mich um. Der Zug ist noch immer randvoll. Und ich überprüfe auch nochmals, ob ich jemandem den Weg zu seinem reservierten Platz abschneide. Nö, tu ich nicht. Ich steh einfach nur da im Gang beim Eingang, wo die Schiebetür immer doller auf den Kinderwagen einzudreschen scheint. Sieht sie denn wirklich die Situation nicht?

«Der Zug ist voll. Es gibt keine freien Plätze mehr», versuch ich zu erklären. Ob ich denn den ganzen Zug abgesucht hätte, fragt sie mich provokativ. Ich höre die Schiebetür hinter mir nun richtig auf den Kinderwagen einhämmern. Jetzt reichts! Nicht mit mir! «Nur weil Sie ein paar Sitzplätze in einem Wagon reserviert haben, herrschen Sie nicht über den ganzen Zug. Ich kann stehen, wo ich will!», geh ich sie an. Sie funkelt mich böse an, dreht sich dann aber schnaubend um und setzt sich wieder. Was denkt die sich eigentlich? Beim Aussteigen in Solothurn ärgere ich mich immer noch. Die Menschenmenge im Zug lockert sich ein wenig. Die Schiebetür kann endlich schliessen. Auf dem Perron atme ich tief durch. Das nächste Mal gehe ich fürs Konzert wieder ins KIFF, da bleibt mir die nervenaufreibende Zugfahrt erspart!

Wann ist man eigentlich erwachsen?

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

In meinem Alter (in vier Monaten werde ich dreissig) befindet man sich irgendwie in einer Zwischenphase. Ich gehöre bestimmt nicht mehr zur Jugend, wirklich erwachsen fühle ich mich aber auch nicht. Ich verdiene mein eigenes Geld, kann für mich selbst und meinen Hund sorgen, zahle Miete und Steuern. Alles was Erwachsene eben so tun. Und trotzdem bleibe ich gerne bis morgens um drei Uhr auf, schlafe dafür dann aber bis mittags um zwölf. Ich kann auch gut mal einen Tag nur mit Computerspielen verbringen und mich einfach der Unvernunft hingeben. Was halt Jugendliche so tun.

Die Entwicklungspsychologie beschreibt mit dem Erwachsenenalter den Altersabschnitt ab dem 19. bis zum 80. Lebensjahr. Dabei wird das Erwachsenenalter unterteilt in ein frühes (18 bis 35), mittleres (35 bis 65) und höheres (65 bis 80) Erwachsenenalter. Im Internet habe ich auch diese Beschreibung von Erwachsensein gefunden: «Allgemein geht man davon aus, dass der Erwachsene jene notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse erworben hat, die ihn befähigen, die für sein Leben und Fortkommen notwendigen Entscheidungen selbständig und eigenverantwortlich zu treffen.» Per Definition bin ich also so was von erwachsen. Aber kommt irgendwann auch das dazugehörige Gefühl? Das Gefühl, erwachsen zu sein?

Ja, es kommt. Und zwar dann, wenn man mit einem Pack Bier im Coop Pronto steht und die Kassiererin dich auffordert: «Darf ich bitte den Ausweis sehen?» Unter der Maske konnte die Angestellte nicht sehen, wie mein Kinnladen fällt. «Ernsthaft?», frag ich verdutzt. In diesem Moment bin ich so überzeugt davon, eine Erwachsene zu sein. Hat sie wirklich das Gefühl, dass ich noch keine 18 bin!? Genervtes Stöhnen. Trotzig strecke ich ihr meinen Ausweis entgegen. Ganz kindisches Verhalten meinerseits. Schliesslich macht sie ja auch nur ihren Job. Als ich realisiere, wie ich mich gerade verhalten habe, verschwindet das Gefühl, erwachsen zu sein, sofort wieder. Und ich bin wieder in der Zwischenphase gefangen. Weder Jugend noch erwachsen.

Ein verlorenes Abenteuer

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Es war an der Eröffnung der Alten Reithalle, genauer gesagt an der Premiere von «Tanzhalle Reitpalast». Sowieso schon bepackt mit Tasche und Kamera, wollte ich nicht auch noch meine Jacke mitschleppen. Ich hänge sie also an die Garderobe. Diese ist weder bedient, noch kriegt man diese kleinen Schildchen zum einfacheren Wiederfinden. Zum Glück, denk ich mir noch, denn diese kommen mir jedes Mal abhanden. Nun gut. Ich hänge meinen Mantel also hin und probiere mir noch in etwa zu merken wo.

Nach der Vorstellung – es war übrigens grossartig – stehe ich vor dieser Reihe an hängenden Mänteln. Und alle, aber auch wirklich alle sehen genau gleich aus wie meiner. Schwarz und knielang. Nichts Auffälliges, an dem ich ihn hätte erkennen können. Nach ein paar Ver-Suchen ists mir zu dumm. Ich geh wieder zurück in den Saal und bestell mir noch einen Drink. Sollen die anderen doch zuerst suchen und mir damit das Finden leichter machen. Mein Plan geht auf. Denn plötzlich herrscht allgemeine Aufbruchsstimmung. An der Garderobe befinden sich danach nur noch wenige Mäntel. Doch meiner hängt nirgends. Da hat ihn wohl tatsächlich jemand für seinen gehalten und mit nach Hause genommen. Ich kann nicht einmal wütend auf diejenige Person sein. Das hätte mir genauso passieren können. Dafür stelle ich mir vor, was mein Mantel nun alles erleben könnte. Vielleicht nimmt er mit seinem neuen Besitzer an den Proben des Argovia Philharmonic teil. Oder er ist dabei, wenn im Stadtrat wichtige Entscheidungen gefällt werden. Vielleicht geht mein Mantel auf Reisen und entdeckt Aaraus Partnerstadt Reutlingen. Aus meinem Mantel liessen sich bestimmt auch Handschuhe für die grösste Marionette der Welt, Punch Agathe, schneidern. Schliesslich geht es langsam gegen den Winter zu. Vielleicht wird mein Mantel aber auch Inspiration für ein neues Theaterstück. Vielleicht darf er als Requisite sogar einmal auftreten. Oder er wird sogar der Star in einem Schattentheater. Das wäre ein Abenteuer!

Ich will mich gerade ohne meinen Mantel auf den Nachhauseweg machen, als mir mein Kugelschreiber aus der Hand fällt. Als ich ihn auflese, schweift mein Blick zum ersten Mal auch über den Boden. Und tatsächlich, da liegt mein Mantel im Schatten der Garderobenständer. Ich hebe ihn auf und klopfe ihn etwas ab. Sorry, gibt wohl doch kein Abenteuer für dich.

Wenn das Leben dir Zitronen gibt …

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Wann ist Ihnen das letzte Mal etwas Peinliches passiert? Wann haben Sie sich das letzte Mal so richtig geschämt? Ich bin ein tollpatschiger Mensch. Stolpern, stossen, ausrutschen, stürzen – das kann ich. Besonders angenehm ist die Situation, wenn es vor einer richtigen Menschenmenge passiert. Stirn voran und mit einem lauten «Chlapf» in die Schiebetüre oder es legt mich auf dem Fussgängerstreifen bäuchlings hin – alles schon passiert.

Richtig, richtig peinlich eigentlich, aber ich habe gelernt, darüber zu lachen. Und seither amüsier ich mich mit den «Zuschauern» mit und erzähl auch gerne von meinen Missgeschicken. Denn wenn sie mir schon unbedingt passieren müssen, dann sollen sie auch etwas Gutes tun. Und zwar unterhalten. Wenn das Leben dir Zitronen gibt…

Wirklich peinlich ist mir durch meinen offenen Umgang mit den Missgeschicken nichts mehr. Das dachte ich zumindest bis zum vergangenen Wochenende. Zusammen mit Simon, meinem Partner, war ich beim Klettern. Ich hatte einen richtig guten Lauf, meine persönlichen Rekorde konnte ich übertreffen. Ich wurde etwas übermütig und wagte mich an eine schwerere Route, als ich es mir bis dato gewohnt war. Und am Anfang lief das Ganze auch gar nicht so schlecht, bis zu dem Teil, bei dem ich einen riesigen Schritt wagen musste, um den nächsten Griff und Tritt zu erreichen. Rätsch!

Eigentlich hätte ich es geschafft, nur spürte ich, dass mit meiner Hose irgendetwas nicht mehr stimmte. «Simon, ich glaube, meine Hose ist gerade gerissen», flüsterte ich ihm panisch zu. Und tatsächlich, ein riesiger Riss, der mit jedem weiteren Schritt meinen Oberschenkel noch etwas mehr entblösste. Verdammt war mir das peinlich! Vor allem weil ich doch in der Kletterhalle war, um ein paar unnötige Kilos loszuwerden. Eine zerrissene Hose stimmt dich da nicht unbedingt zuversichtlich.

Kleider zum Umziehen hatte keiner von uns beiden dabei. Also band ich mir meinen Pulli um, damit keiner meine zerrissene Hose sieht. Unser Nachhauseweg führte uns durch Schönenwerd. Da konnte ich das erste Mal über mein neustes Missgeschick lachen. «Wenn das Leben dir Zitronen gibt …», sag ich zu Simon und zeige auf den Outlet «Fashion Fish». «… dann gönn ich mir eben ein neues Outfit.»

Von Hunden, Katzen und Menschen

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Sind Sie eher ein Katzen- oder ein Hundemensch? Selbst mit Katzen aufgewachsen, war ich bis vor einigen Jahren überzeugt davon, ein Katzenmensch zu sein. Und doch bin ich heute glückliche Hundehalterin. Also bin ich doch ein Hundemensch?

Ich freute mich sehr, als eine gute Freundin mir erzählte, dass sie in die Ferien reisen würde. Meine Freude war deshalb so gross, weil ich jeweils auf ihre beiden Katzen aufpassen darf. Nach einem anstrengenden Arbeitstag mit anschliessendem Hundetraining mache ich mich auf zu den beiden Katzen. Füttern, Katzenklo säubern, fertig. Ich geniesse die Selbstständigkeit der beiden Samtpfoten. Sie holen sich einfach, was sie brauchen – ihren Egoismus bewundere ich. Also bin ich doch ein Katzenmensch?

Doch dann kommts. Dem Kater muss ich nämlich noch sein Medikament verabreichen. Einfach so nehmen will er nicht. Unters Futter gemischt, isst er drumherum. Ihm die Medizin auf die Zunge gelegt, spuckt er sie aus. Ich greife also zur Geheimwaffe eines jeden Haustierbesitzers: dem Brotaufstrich «Le Parfait». Doch einmal daran geschnuppert, dreht er sogar «Le Parfait» den Rücken zu. Eine Katze lässt sich eben nichts befehlen. So schön auch die Selbstständigkeit von Katzen ist, ihre Sturheit kann die Hölle sein. In diesem Moment sehne ich mich nach meinem Hund, der spätestens nach einem «Nimm’s» seine Medizin freudig geschluckt hätte.

Es vergehen Stunden, dann höre ich endlich ein erlösendes Schmatzen. Der Kater war also doch so gnädig und leckt das «Le Parfait» samt Medikament auf. Ich seufze erleichtert und freue mich, dass ich nun nach Hause kann. Dort empfängt mich natürlich mein Hund, der die Stunden meiner Abwesenheit genutzt hat, um wieder Energie zu tanken. Nun will er unbedingt mit mir spielen. Erwartungsvoll wirft er mir sein Spielzeug vor die Füsse. Mein Partner betritt den Raum, sieht mir ganz offensichtlich die Erschöpfung an, nimmt das Hundespielzeug und beginnt mit dem Hund zu spielen. «Setz dich doch erstmal hin», sagt er verständnisvoll.

Egal ob Hunde oder Katzen, unsere Haustiere können manchmal richtig anstrengend sein. Und doch geben sie uns so viel. Das Beste ist dann aber, wenn man neben all dem auch auf die Unterstützung eines liebenden Menschen zählen kann.

Diese Runde geht an mich!

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Es ist ein wunderschöner Sommerabend. Die Sonne vermag noch von oben zu wärmen, aber auch vom Boden her drückt die Hitze. Die Luft ist feucht und stickig. Es ist schlichtweg der perfekte Sommerabend für so eine Tat. Nun muss nur noch das perfekte Opfer gefunden werden.

Entlang dem Wald und Fluss muss sie nicht lange suchen, da erblickt sie bereits ein potentielles Opfer. Völlig ahnungslos, lesend auf einer Parkbank. Zwischen den Bäumen hervor beobachtet sie einen Moment lang die Situation. Dann entscheidet sie sich, sich leise anzunähern. Siiiiiiiiiiiiiiiii – beinahe geräuschlos nähert sie sich der Person und versteckt sich hinter dem nächsten Baum. Ihr Opfer, völlig ins Buch vertieft, hat davon nichts mitbekommen.

Sie nimmt einen tiefen Atemzug und wird ganz hibbelig. Sie ist ihrem Opfer nun so nahe, dass sie es riechen kann. Der süsslich-säuerliche Geruch von Schweiss – bei diesen Temperaturen kein Wunder – gepaart mit dem wunderbarsten Duft, den sie kennt: dem Duft von Blut. Bei diesem Duftmix kann sie sich kaum noch beherrschen, sie will sich auf sie draufstürzen, auf sie einstechen, aber sie muss sich noch beherrschen. So eine Tat will gut überlegt sein. Worauf soll sie zuerst einstechen? Die Schläfe? Ein Stich zwischen die Schulterblätter? Oder soll sie sich vom Knöchel her hocharbeiten? Womit würde sie ihr Opfer am besten überwältigen können? Noch einmal tief durchatmen, Mut tanken und los gehts.

Siiiiiiiiiiiiiiiii – ihr Ziel fest im Blick steuert sie die Waden an. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Hemmungslos sticht sie zu. Einmal, zweimal. Das dritte Mal einige Zentimeter weiter oben. Der Blutrausch lässt sie alles um sich herum vergessen. Sie will gerade das vierte Mal zustechen, da … plötzlich nichts mehr. Stille, Dunkelheit, Leere. Nicht einmal das helle Klatschgeräusch hat sie noch vernommen.

«Ich hab dich erwischt du kleines Mistvieh», sag ich triumphierend. Auf meiner Handfläche die zerquetschte Mücke, die noch vor ein paar Sekunden meinte, ich würde nicht merken, wie sie hemmungslos auf mich einsticht. «Das soll eine Warnung an euch alle sein», ruf ich in den Wald, die zerquetschte Mücke präsentierend, bevor ich sie wegschnipse. Diese Runde geht an mich!

Er ist ein Englishman in Aarau

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

«Euch Schweizer werd ich nie ganz verstehen!», sagt unser britischer Besuch. Er wird für ein paar Tage bei uns auf der Couch übernachten, bevor er seine Besuchs-Tour quer durch die Schweiz fortsetzt. Wir haben gerade mit einem «Welcome Drink» angestossen, als er sein Unverständnis kundtut. «Während bei uns in England ein allgemeines ‹Cheers› in die Runde reicht, treibt ihr es total auf die Spitze. Mit jedem Einzelnen wird angestossen, man nennt sich dabei beim Vornamen und wehe, man schaut seinem Gegenüber nicht in die Augen. Weshalb dieses ganze Theater? Ich will doch einfach mein Bier trinken!» Wir alle lachen. Ja, das machen wir Schweizer tatsächlich so. Dass das für andere Nationen komisch ist, war uns nicht bewusst.

Das sei aber nicht einmal das Schlimmste. «Diese Überpünktlichkeit », sagt er. «Ich zahle für eine Fahrt nach Luzern zwar gleich viel wie für meinen Easyjet-Flug in die Schweiz, trotzdem mag ich das Zugfahren. Und ich schätze deren Pünktlichkeit.» Dass Herr und Frau Schweizer dann ebenfalls pünktlich sein müssen, sei verständlich. «Aber weshalb seid ihr immer zu früh dran? Machen wir ein Treffen um 19 Uhr aus, bin ich um 18.55Uhr bestimmt der Letzte, der ankommt », erklärt er. Auch da ist irgendetwas dran, finden wir anderen.

Das sei aber nicht einmal das Schlimmste. «Die Begrüssung», chlönt er. Grüezi oder Hoi, Sie oder du, drei Küsschen oder nur eines, eine Umarmung oder doch lieber ein Händeschütteln? Und Corona hätte die ganze Sache noch viel komplizierter gemacht. «Und manchmal, glaub ich, wisst ihr selbst nicht recht, wie ihr begrüsst werden möchtet», meint er.

Schon komisch, unsere Eigenheiten. Und dass wir uns erst über sie Gedanken machen, sie sogar hinterfragen, wenn uns jemand darauf hinweist. Es gibt ganz bestimmt noch viele weitere Schweizer Merkwürdigkeiten.

«Das ist nicht einmal das Schlimmste an uns», werf ich jetzt in die Runde. «Beim Recyclen werden PET- und Plastik-Flaschen eben nicht am selben Ort wie Büchsen und Glas entsorgt, sondern wieder zum Supermarkt gebracht. Der Sonntag als Ruhetag ist uns heilig. Wehe, du wagst es, zu viel Lärm zu machen. Und was wir alles mit unserem Käse anstellen …» Damit will ich unseren Englishman in Aarau nicht noch weiter überfordern.

Alt und fett, aber zufrieden damit

Sarah Künzli Redaktorin | Der Landanzeiger

Hat man es geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören, darf man stolz darauf sein. Ich auf jeden Fall bin stolz auf jede einzelne der 3686 Stunden, die ich bereits «clean» bin. Nicht nur, dass es für meine Gesundheit besser ist, nicht zu rauchen, auch meine Ausdauer hat sich stark verbessert, ich mag mich mehr bewegen. Und Geld gespart hab ich natürlich auch dabei. Ganze 3000 Franken jährlich spare ich ein.

So toll das Rauchfreisein auch ist, es gab da letzte Woche einen Moment, bei dem ich meinen Rauchstopp bereut habe: Es ist der Maienzugmorgen. Gut gelaunt will ich soeben in mein Maienzugkleid schlüpfen, da merk ich, dass «schlüpfen» in diesem Fall nicht mehr geht. Mit angehaltenem Atem muss ich mich verrenken, zerren, reissen, mich hineinpressen. Hineingepresst seh ich dann schlussendlich aber auch aus.

Deprimiert über die Rauchstopp-Extrakilos zieh ich halt ein elastischeres Kleid an und mach mich auf den Weg zu meiner Freundin. Die hat an diesem Morgen mit etwas ganz anderem zu kämpfen: einem Kater. «Vor ein paar Jahren hätte ich das noch locker weggesteckt!», sagt sie. «Wir werden alt und fett.» Ich habe nichts zu erwidern.

Zusammen machen wir uns auf und gehen von Brunnen zu Brunnen. Auf dem Kirchplatz treffen wir einen ehemaligen Schulkollegen. Früher ein richtiger Draufgänger, arbeitet er heute bei der Bank, hat Haus und Garten, Frau und Büsi. Ein richtiger Bünzli ist er geworden. Damals hätten wir es niemals für möglich gehalten, dass er so einen seriösen Weg einschlagen würde.

Unser ehemaliger Schulkollege ist aber nicht nur scheinbar erwachsen geworden, obendrauf hat er auch noch einen Bauch bekommen. Einen kleinen «Wohlstandsbauch», wie er ihn lachend selbst nennt. Aber er ist unglaublich zufrieden mit seinem Leben und seinem Äusseren und strahlt das auch aus.

Als meine Freundin und ich wieder unter uns sind, sagt sie: «Älter werden muss gar nicht so schrecklich sein … Und ein paar Kilos mehr auf den Rippen bedeuten auch nicht gleich den Weltuntergang. Hauptsache, man ist glücklich. Alt, fett und zufrieden quasi.» Ich habe nichts zu erwidern.