Generationenprofit — Generationenkonflikt

Von | 15. Mai 2019 | Gedan­ken

Die Zei­ten der Gross­fa­mi­li­en sind in West­eu­ro­pa wohl nicht zuletzt des Wohl­stan­des wegen vor­bei. Jede Fami­lie hat eine eige­ne Woh­nung. Jede Fami­lie ist für sich und wenn sie nicht will, muss sie sich nicht mit ande­ren abge­ben. Unter­hal­tung ist dank den digi­ta­len Medi­en genü­gend vor­han­den – sogar ein­kau­fen kann man zu Hau­se. So kommt es, dass vie­le Zeit­ge­nos­sen heu­te anonym leben. In unse­rer Regi­on ist vor noch nicht all­zu lan­ger Zeit eine Frau gestor­ben ohne, dass sie jemand ver­miss­te. Nach drei Wochen wur­de sie in ihrer Woh­nung gefun­den. Da haben wir es wirk­lich weit gebracht! Jeder schaut zuerst für sich und dann für die eige­ne Fami­lie. Das Dar­um­her­um geht ver­lo­ren. Die Fol­ge sind Anony­mi­tät und Ein­sam­keit. Zu mei­ner Jugend­zeit war das noch anders. In unse­rem Haus waren nicht nur mei­ne Geschwi­ster und die Eltern unter­ge­bracht, son­dern auch die Gross­el­tern und sogar eine Gross­tan­te. Selbst­ver­ständ­lich wur­de jeweils auch das Essen gemein­sam an einem gros­sen Tisch ein­ge­nom­men und dabei ver­nahm man dies und das auch ohne Fern­se­her. Mein Gross­va­ter – ein intel­li­gen­ter Mann – erkrank­te früh an Mul­ti­ple Skle­ro­se. Dies wie­der­um war für uns eine Chan­ce. Der Gross­va­ter konn­te zwar nicht arbei­ten, aber er konn­te mit uns ler­nen. So half die eine Genera­ti­on der andern und auch ich habe pro­fi­tiert.

Der Gross­va­ter schrieb einst für die Bau­ern­zei­tung, ich dann eben für den Land­an­zei­ger. Der Gross­va­ter schau­te, dass wir die Haus­auf­ga­ben erle­dig­ten und erklär­te uns dies und das aus dem Leben.

Am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de weil­te ich in Ita­li­en. In einer Ort­schaft am Orta­see wur­de das Schul­fest gefei­ert. Ein­ge­bun­den wur­den dabei die Senio­ren des Dor­fes. An ver­schie­de­nen Posten zeig­ten sie den jun­gen Leu­ten alte Spie­le und Tricks. Die Augen der Schü­ler fun­kel­ten und die Senio­ren mach­ten mit viel Ein­satz mit und vor allem die Leu­te lern­ten sich bes­ser ken­nen. Für mich war es inter­es­sant zu beob­ach­ten, dass es am Schul­fest in Ita­li­en nicht teu­re Ein­rich­tun­gen brauch­te, um die Jun­gen und auch die Alten zufrie­den zu stel­len. Ich den­ke, dass sol­che Part­ner­schaf­ten auch hier grei­fen könn­ten. Meh­re­re Genera­tio­nen kön­nen so von­ein­an­der pro­fi­tie­ren. Aber wir müss­ten wie­der auf­ein­an­der zuge­hen. Das Rad lässt sich natür­lich nicht so schnell zurück­dre­hen und doch soll­ten wir in die­se Rich­tung den­ken. Regen wir uns nicht immer auf über den Lärm der Jugend. Wenn wir uns mit ihr beschäf­ti­gen, sind sie gar nicht mehr so laut und die «Alten» haben wie­der eine sinn­vol­le Auf­ga­be.