Fuss­ball

Gleichberechtigung im Männer- und Frauenfussball

12. Feb­ru­ar 2020 | Sport

Marisa Brunner | Der Landanzeiger

Marisa Brun­ner, einst Fuss­ball-Nation­al­spielerin, ist heute Torhüter­trainer­in und set­zt sich für Gle­ich­berech­ti­gung ein

Andreas Zürcher | Der Landanzeiger

Andreas Zürcher, einst Fuss­baller beim FC Ober­ent­felden, ist heute Train­er der FC Aarau-Frauen (Bilder: zVg)

213:4 – so lautet im Fuss­ball das Ver­hält­nis zwis­chen Män­ner-Spie­len und Frauen-Spie­len, die an einem typ­is­chen Woch­enende von einem Schieds-richter-Trio geleit­et wer­den. Alle anderen Begeg­nun­gen – also vor allem jene der Frauen – müssen mit nur einem «Schiri» auskom­men. Andreas Zürcher aus Ober­ent­felden und Ma-risa Brun­ner aus Köl­liken find­en das ungerecht.

Andreas Zürcher hat den Fuss­ball im Blut. Als Train­er der FC Aarau-Frauen schnup­perte der Ober­ent­felder mit seinem Team ver­gan­gene Sai­son Nation­al­li­ga-A-Luft, in diesem Jahr spielt man in der NLB, ist aber vorne mit dabei. Der Train­ingsaufwand seines Teams sei enorm, sagt Zürcher am Tele­fon – ger­ade steckt er in einem Train­ingslager auf Zypern. Sechs­mal in der Woche wür­den die Mäd­chen und Frauen trainieren − ohne Lohn, ohne Spe­se­nentschädi­gung, «selb­st das Mate­r­i­al bezahlt jede Spielerin weit­ge­hend sel­ber», zieht Zürcher eine klare Bilanz. Deshalb habe er auf der Web­seite der FCA-Frauen einen ersten Artikel zum The­ma «Equal Pay» ver­fasst.

Off­side-Entschei­dun­gen fall­en nach Bauchge­fühl
«Das Schlag­wort ‹Equal Pay› grün­det auf ein­er Ini­tia­tive der US-Fuss­bal­lerin­nen Megan Rapi­noe und Alex Mor­gan und ich will nun in regelmäs­si­gen Abstän­den Ungerechtigkeit­en the­ma­tisieren», erk­lärt Zürcher. Es gehe ihm nicht um einen Auf­s­tand, son­dern darum, unter anderem auf Ver­band­sebene etwas mehr Gle­ich­berech­ti­gung zu schaf­fen. Zuständig ist in diesem Fall der Schweiz­erische Fuss­bal­lver­band (SFV). Zürchers Forderung: Wenig­stens in den bei­den pro­fes­sionell organ­isierten Frauen-Ligen soll­ten Spiele nicht nur von einem Schied­srichter geleit­et wer­den. «Jedes Woch­enende wer­den bei den Män­nern während der Haupt­sai­son 213 Spiele von Trios geleit­et. Bei den Frauen sind es 4», hat Zürcher aus­gerech­net. Er find­et es ungerecht, dass die Fuss­bal­lver­bände bei den Män­nern bis hin­unter in die Junioren-Elite-Spiele immer ein Schied­srichter-Trio ein­set­zt. Bei den Frauen geschieht das lediglich in den vier NLA-Par­tien. Off­side-Entschei­dun­gen fall­en ab der zwei­thöch­sten Schweiz­er Liga nur nach Bauchge­fühl.

Auch Fuss­baller kön­nen Kinder hüten
Marisa Brun­ner schlägt in die gle­iche Kerbe: «Ein Trio in den oberen Ligen ist Pflicht», sagt die ehe­ma­lige, 78-fache Nation­al­spielerin, die ihre Torhü­terin-Kar­riere einst in Ober­ent­felden begonnen hat­te, einen erfol­gre­ichen Abstech­er in die Deutsche Bun­desli­ga machte und heute, neben ihrem Haupt­beruf, als Torhüter­trainer­in tätig ist. Schritt für Schritt soll die Sen­si­bil­isierung in der «Män­ner-Domäne Fuss­ball» voran gebracht wer­den, die Forderung von Zürcher sei nur ein Anfang, sagt Brun­ner: «Frauen soll­ten in Chef­po­si­tio­nen und auf Ver­band­sebene öfter vertreten sein. Es ist sta­tis­tisch bewiesen, dass gemis­chte Teams bess­er funk­tion­ieren, als wenn nur Män­ner oder nur Frauen das Sagen haben.» Die heute in Köl­liken wohn­hafte 37-Jährige set­zt sich auch in ihrem pri­vat­en Umfeld immer wieder für mehr Gle­ich­berech­ti­gung ein und scheut sich nicht, klare Lösun­gen zu präsen­tieren. Lösun­gen, die dur­chaus im «Kleinen» ange­siedelt sein kön­nen: «Die Fuss­baller sollen mal das eigene Train­ing sausen lassen und zu Hause die Kinder hüten. Das würde den Frauen­fuss­ball auch schon voran brin­gen.» – Schritt für Schritt eben. Da beste­he dur­chaus eine Par­al­lele zum «nor­malen» Leben, in dem es oft die Frauen sind, die das Fam­i­lien­man­age­ment bewälti­gen, während die Män­ner oft noch ein biss­chen «train­er­le, prä­si­dier­erle oder ein­fach nur tschüt­tele».

Die grossen Play­er tun sich schw­er
Obwohl das Pub­likum­sin­ter­esse im deutschsprachi­gen Raum in den let­zten Jahren zugenom­men hat, tun sich die auf Män­ner­fuss­ball fokussierten Busi­ness-Play­er schw­er mit der Förderung des Frauen­fuss­balls.

Die Spon­soren­beiträge reichen ger­ade mal den Spiel­be­trieb aufrecht zu erhal­ten. Das bestätigte let­ztes Jahr SFV-Ver­band­spräsi­dent Mar­co von Ah gegenüber dem Por­tal Wat­son: «Wir investieren bere­its jährlich über vier Mil­lio­nen Franken in den Frauen­fuss­ball, die Suche nach einem grossen Pre­sent­ing-Spon­sor für die Schweiz­er Meis­ter­schaft ist bish­er aber nicht erfol­gre­ich gewe­sen.» Ähn­lich argu­men­tierte das Schweiz­er Fernse­hen SRF im Som­mer 2019 auf eine Peti­tion der Win­terthur­er Fuss­bal­lerin und SP-Kan­ton­srätin Sarah Akan­ji, die eine bessere medi­ale Abdeck­ung von Frauen­fuss­ball-Spie­len gefordert hat­te. Man zeige jet­zt schon ver­gle­ich­sweise viel Frauen-Sport, sagte das SRF, aber auf­grund der Nicht-Qual­i­fika­tion für die Frauen-WM habe man das Live-Ange­bot aus Kosten­grün­den beschränken müssen. Ein biss­chen nach Ausrede klingt das schon.

Es gibt noch viele Baustellen
Zurück zur ver­gle­ich­sweise kleinen Forderung von Andreas Zürcher nach drei statt einem Schiri an Frauen­spie­len. Wenig­stens für die Nation­al­li­ga B soll eine Verbesserung erzielt wer­den. «Bei der NLA und NLB han­dle es sich offiziell um ‹Nicht-Ama­teur-Ligen›. Wenn es sich ein Klub dieser bei­den Ligen leis­ten kann, dann darf er seine Spielerin­nen entschädi­gen und muss dazu beim Schweiz­erischen Fuss­bal­lver­band die Arbeitsverträge ein­re­ichen», hält An-dreas Zürcher fest. Aber: «Eine AG grün­den und Inve­storen find­en dür­fen wir nicht. Hier gel­ten wir wiederum als Ama­teur-Club. Ein anderes Beispiel seien die Löhne», fährt Zürcher fort. «Löhne sind im Frauen­fuss­ball die absolute Aus­nahme. Beträge, die Spitzen­spielerin­nen bekom­men, sind vielmehr eine Spe­se­nentschädi­gung, als ein Hon­o­rar.»

Es gibt offen­sichtlich noch viele Gle­ich­berech­ti­gungs-Baustellen. Gut möglich aber, dass der kleine Schritt des Ober­ent­felders Andreas Zürcher und das Engage­ment der Köl­lik­erin Marisa Brun­ner die ersten kleinen Schritte sind, um mehr Gerechtigkeit zu erlan­gen. «Dank ein­er WM, mit einem Aus­nah­metal­ent oder einem promi­nen­ten Aushängeschild, lassen sich Gelder bes­timmt leichter gener­ieren», ist Marisa Brun­ner sich­er. «Aber bei uns fehlt ja schon nur die Basis, um Spielerin­nen aus­bilden zu kön­nen.» Zürcher wiederum ergänzt: «Mäd­chen, die bis 12 bei einem Buben-Team trainieren kon­nten, geben den Sport mit 13 oder 14 Jahren auf, weil die näch­ste Train­ings­gele­gen­heit mit einem Frauen-Team viel zu weit weg ist.» Es sei deshalb Pflicht der Ver­bände, Anreize und Förderun­gen zu schaf­fen, damit auch in den Regio­nen Frauenteams geführt wer­den kön­nen.

RC

Fairplay-Symposium
in Schöftland

Gele­gen­heit, sich unter Fach­leuten auzu­tauschen, bietet der 7. März. Im Cin­e­ma 8 in Schöft­land trifft man sich zum 4. Sym­po­sium des Aar­gauis­chen Fuss­bal­lver­ban­des AFV. The­ma: Fair­play im Fuss­ball. Vielle­icht gibt es ja aus dem Pub­likum die eine oder andere weib­lich-kri­tis­che Frage zu hören, auf deren männliche Beant­wor­tung man ges­pan­nt sein darf – auf der Bühne wer­den näm­lich auss­chliesslich Män­ner reden: Train­er Rolf Fringer, Ex-Fuss­baller Mario Eggi­mann und Schied­srichter Fedayi San.