Der neue Ochsen in fri­schem Glanz – Juni 2015 (Bilder: Sandra Roth)

Bau­re­por­tage: Gast­haus zum Ochsen, Schöft­land |

His­to­ri­scher «Ochsen» blieb erhalten

Von | 18. Juni 2017 | Bau­re­por­tagen-Publi­re­por­tagen

Nach etwas mehr als zwei Jahren Pla­nungs- und Bau­zeit konnte der restau­rierte Gasthof Ochsen in Schöftland am 3. Juni 2015 eröffnet werden. Dem Mut der Eigentümer, der Flexibilität der Pla­nenden und Behörden sowie dem grossen Ein­satz aller am Bau Betei­ligten ist es zu ver­danken, dass das nördliche Ende des his­to­ri­schen Zen­trums von Schöftland zu neuem Leben erwachte. Die Geschichte des Och­sens wird also weiter geschrieben.

Bereits vor dem Lie­gen­schafts­kauf und zu Beginn der Pla­nung stand ein kon­struk­tiver Dialog zwi­schen Bau­herr­schaft, Archi­tekt und der Kan­to­nalen Denk­mal­pflege im Vor­der­grund. Diese Phase war relativ kurz, aber intensiv und führte schnell und zielführend zu einem Kon­sens. Eine sorgfältige Restau­rie­rung des in Teil­be­rei­chen kan­tonal geschützten Gast­hofes, ein zeitgemässer schlichter Zwi­schenbau und der Erhalt der Scheune als nördlicher Abschluss der Lie­gen­schaft, bil­deten von Anfang an die Rah­men­be­din­gungen des Ent­wurfes.

Da mit der eigent­li­chen Detail­pla­nung erst nach Abbruch der diversen Zwi­schen­bauten ange­fangen werden konnte, war die Detail­pro­jek­tie­rung und auch bau­liche Ausführung anspruchs­voll. Der doch schon in die Jahre gekom­mene «Ochsen» hielt während der gesamten Bau­zeit die eine oder andere Überraschung bereit. Als Folge davon war Flexibilität in Pla­nung und Ausführung erfor­der­lich. Dank einer auch in der Rea­li­sie­rungs­phase präsenten Denk­mal­pflege, konnten mit Bege­hungen und Bespre­chungen auf der Bau­stelle prag­ma­ti­sche Lösungen für das eine oder andere Pro­blem gefunden werden.

Zwi­schen­bauten bestehend aus gedeckter Ter­rasse, Metz­ge­rei­laden und Woh­nungen vor dem Rückbau in 2013

His­to­ri­sche Bau­sub­stanz – zeitgenössische Archi­tektur

Ent­standen ist eine Kom­bi­na­tion aus his­to­ri­scher Bausubstanz und zeitgemässer Archi­tektur. Bereits seit einigen Monaten werden in der Produktionsküche Gemüse und Salate ver­ar­beitet, in den Zim­mern wird gewohnt und auch das Restau­rant mit Saal war für ein­zelne Events bereits in Betrieb. Das Restau­rant konnte am 3. Juni seinen regulären Betrieb übernehmen.

Der Mut der Bau­herr­schaft, dieses Pro­jekt im Bereich der Gas­tro­nomie, ver­bunden mit Kultur, in Angriff zu nehmen, war gross und nicht selbstverständlich.

Es ist zu hoffen, dass viele und zufrie­dene Gäste dies schätzen und mit ihrem Besuch belohnen werden. Die Hand­werker sind fertig, die Eigentümer Daniel Frey und Sandra Roth können sich wieder ver­mehrt dem Tagesgeschäft widmen – Lea Ram­pini mit Ihrem Team hat das kuli­na­ri­sche Zepter übernommen.

Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart ver­eint

Schöftland ist ein Pfarr­dorf mit einem herr­schaft­li­chen Schloss, zwei Wirtshäusern und zwei Mühlen – so steht es im Ber­ni­schen Regi­on­buch von 1782/​84. Die kurze Aufzählung ver­an­schau­licht die zen­trale Funk­tion von Gasthäusern inner­halb dörflicher Struk­turen. In den zen­tral gele­genen Gebäuden spielte sich ein wich­tiger Teil des gesell­schaft­li­chen Lebens ab. Hier wurde gegessen, übernachtet und gefeiert, hier wurden Neu­ig­keiten aus­ge­tauscht und wirt­schaft­liche Dienst­leis­tungen erbracht. Dass der Gasthof Ochsen heute nicht nur optisch im Orts­bild von Schöftland präsent ist, son­dern dass er auch kuli­na­risch-kul­tu­rell zur Berei­che­rung des Schöftler Lebens beiträgt war bis vor ein paar Jahren nicht gesi­chert.

Daniel Frey und Sandra Roth kauften den Gasthof Ochsen im Frühjahr 2013. In einem ersten Schritt sollten in einem Erwei­te­rungsbau kuli­na­ri­sche Welten geschaffen werden. Mit dieser Ent­schei­dung sollte auch dem Ochsen selbst wieder Leben ein­ge­haucht werden. Aus denk­mal­pfle­ge­ri­scher Sicht ist dies ein Glücksfall.

Erst­erwäh­nung 1515

Der Gasthof Ochsen wird zum ersten Mal 1515 erwähnt. In ihrer Funk­tion als Herren von Schöftland erwarb die Familie von May den Gasthof im aus­ge­henden 17. Jahr­hun­dert. 1797 liess Schloss­herrin Julia von May den alten Ochsen mit­samt der Och­sen­scheune nie­der­reissen und in den Jahren um 1800 wieder auf­bauen. Als Archi­tekt zeich­nete kein gerin­gerer ver­ant­wort­lich als Carl Ahasver von Sinner (1754–1821). Sinner war jah­re­lang bau­li­cher Berater der Herr­schaft von Schöftland und gilt als begab­tester und fort­schritt­lichster Berner Archi­tekt des aus­ge­henden Ancien Régime. Der kurz nach 1800 voll­endete Gasthof wurde im Jahr 1815 ver­kauft und sein Äusseres und Inneres in den fol­genden 200 Jahren durch ver­schie­dene Besit­zer­fa­mi­lien geprägt.

In seiner Grund­form folgt der zwei­ge­schos­sige Mas­sivbau dem Typus des herr­schaft­li­chen Wohn­hauses im ber­ni­schen Louis-XVI-Stil und zeugt mit seiner äusseren Erschei­nung vom Übergang von Spätbarock zu Frühklassizismus. Das ursprünglich lang­recht­eckige Gebäude wurde kurz nach seiner Fer­tig­stel­lung durch einen Anbau auf der Nord­seite erwei­tert und erhielt dadurch sein asym­me­tri­sches Erschei­nungs­bild. In seiner bürgerlichen Schlicht­heit fügte sich der Bau selbstverständlich in die umge­bende Bebauung ein. In den 1920er-Jahren wurde die ehe­ma­lige Ter­rasse auf der Nord­seite mit einem Anbau ergänzt, der in der Folge als Saal und Tanzfläche genutzt wurde. Die Lücke zwi­schen Gasthof und Scheune wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts durch einen Ver­kaufs­laden gefüllt. Dieser wurde wie­derum 1966 auf­ge­stockt, um zwei Woh­nungen auf­zu­nehmen. Im Zuge der Bau­mass­nahmen wurden zwei Fas­saden und die Dachflächen des Gasthof Ochsen unter kan­to­nalen Denk­mal­schutz gestellt.

Blick in die Gast­stube wie sie sich heute präsentiert: Brusttäfer und Decke wurden hell gestri­chen, der alte Eichen­boden wieder ans Tages­licht geholt und das Mobi­liar durch Sand­strahlen auf­ge­frischt

Unter Denk­mal­pflege

Eigentümer eines kan­to­nalen Denk­mal­schutz­ob­jekts sind dazu ver­pflichtet, alle Mass­nahmen mit der Kan­to­nalen Denk­mal­pflege abzu­spre­chen. Dieser Dialog hat zum Ziel, die schutzwürdigen Ele­mente eines Baus zu bestimmen, ihren Bestand zu sichern und jene einer aktu­ellen Nut­zung zuzuführen. Die erste Kon­takt­auf­nahme zwi­schen den neuen Eigentümern und der Kan­to­nalen Denk­mal­pflege fand im Frühjahr 2013 statt. Zu Beginn wurden Ideen aus­ge­tauscht und wurde über einen nördlichen Erwei­te­rungsbau in neuer For­men­sprache dis­ku­tiert. Schnell wurde klar, dass ein zu grosser archi­tek­to­ni­scher Kon­trast zwi­schen Altbau und Erwei­te­rungsbau im Schöftler Orts­bild von natio­naler Bedeu­tung nur schwer zu bewältigen ist. Der sich heute präsentierende Ergänzungsbau zeigt eine eigenständige For­men­sprache und schreibt sich zu- gleich in die am Ort zu fin­dende Geschichte ein. In respekt­voller Aus­ein­an­der­set­zung stehen sich hier Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart als Brüderpaar gegenüber. Gleichsam einer his­to­ri­schen Klammer umfassen der geschützte Ochsen und der wenig jüngere Scheu­nenbau den neuen Baukörper der Produktionsküche. Der Neubau zeigt anschau­lich, dass ein sen­si­bles Wei­ter­bauen inner­halb his­to­risch gewach­sener Bau­gruppen in zeitgemässer For­men­sprache möglich ist.

In mona­te­langer Arbeit wurde das Kellergewölbe von dicken Putz­schichten befreit um die Stein­quader sichtbar zu machen. Der Raum präsentiert sich nun in seiner ganzen Schönheit und lädt zum Apéro ein

Wech­sel­volle Geschichte

Der bau­lich überlieferte Bestand des Gasthof Ochsen zeugt von einer wech­sel­vollen Geschichte. Fol­ge­richtig offen­baren sich unter Ele­menten neueren Datums archi­tek­to­ni­sche Struk­turen und Oberflächen, die zu unter­schied­li­chen Zeiten ent­standen sind. Mit der lau­fenden Sanie­rung wird die Geschichte des Ochsen Schritt für Schritt wieder lesbar gemacht.

His­to­ri­sche Auf­nahmen sind auf dieser Ent­de­ckungs­reise in die Ver­gan­gen­heit von unschätzbarem Wert. Schritt für Schritt wuchs in den Köpfen aller Betei­ligter eine Vor­stel­lung, wie sich das äussere Erschei­nungs­bild des neu erweckten Ochsen präsentieren könnte. Die unschein­baren Fas­saden von 2013 waren in ihrer Far­big­keit und ihrer Fens­ter­glie­de­rung von der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts geprägt. Das neue Kleid des Ochsen hin­gegen erin­nert in seiner hellen Far­big­keit und seiner fein­glied­rigen Fens­ter­ein­tei­lung an den bau­li­chen Zustand des 19. Jahr­hun­derts. Analog zum Gebäudeäusseren wurde auch das Innen­leben des Ochsen im Laufe des letzten Jahr­hun­derts mehr­heit­lich überformt. Vom Vorgängerbau des 16. Jahr­hun­derts zeugt noch ein kleiner Gewölbekeller auf der Nord­seite. Sein grösseres Pen­dant ist mit dem Neubau des aus­ge­henden 18. Jahr­hun­derts ent­standen.

In ver­dienst­voller Frei­le­ge­ar­beit ent­standen im Unter­ge­schoss des Ochsen stim­mungs­volle Räume von hoher Aufenthaltsqualität und geschicht­li­cher Zeu­gen­schaft. Das Erd­ge­schoss des Ochsen wurde sanft saniert, und – wo not­wendig – restau­riert und mit neuen Ele­menten kom­bi­niert. Ent­standen sind stil­volle und ein- ladende Gasträume.

Der Schöftler Ochsen ist Bei­spiel dafür, dass inter­es­sante Gebäude inter­es­sierte Besitzer benötigen. Daniel Frey und Sandra Roth haben sich dem Ort und seiner Geschichte ange­nommen, haben sich intensiv mit dem Bau aus­ein­an­der­ge­setzt und führen den Gasthof Schritt für Schritt seiner ursprünglichen Erschei­nung und Funk­tion zu: Schöftland heute – ein Dorf mit Schloss und Kirche, dessen Leben wieder von seinen Gasthöfen geprägt wird.

Kon­takt & Öff­nungs­zeiten

Montag & Dienstag geschlossen

  • Mitt­woch: 10.00 – 23.00 Uhr
  • Don­nerstag: 10.00 – 23.00 Uhr
  • Freitag: 10.00 – 23.00 Uhr
  • Samstag: 15.00 – 24.00 Uhr
  • Sonntag: 10.00 – 22.00 Uhr

Gast­haus zum Ochsen
Dorf­strasse 11
5040 Schöft­land

Telefon: 062 721 12 12
Web­site: www.zum-ochsen.ch
E-Mail: info@zum-ochsen.ch