Im Sommer

Von | 25. Juli 2019 | Gedanken

Heute meldet sich hier die Ferien­vertre­tung. Der neue Chefredak­tor Raphael Nadler ist mit der Fam­i­lie auf einem Camp­ing­platz im Engadin. Sie kon­nten dies vor ein­er Woche an dieser Stelle lesen. Auch meine Redak­tion­skol­le­gin Sarah Kün­zli hat sich längst in die wohlver­di­en­ten Ferien ver­ab­schiedet. So halte ich hier die Stel­lung – und darf unter anderem auch diese Kolumne ver­fassen.

Gut, dann kann ich nun schreiben, was mich schon lange beschäftigt. Som­mer­fe­rien näm­lich sind für mich ein Phänomen. Eines, das ich nicht kapiere. Jedes Jahr von Neuem: Plöt­zlich sind alle weg. Es ist, als ob jemand einen unsicht­baren Knopf gedrückt hätte. Und dann leert sich die Bühne. Weniger Verkehr auf dem Weg zur Arbeit, mehr freie Sitz­plätze in den Pendlerzü­gen, fast nie­mand an der Super­markt-Kasse. Die Arbeit­skol­le­gen sind weg, die Fre­unde, die Nach­barn. Fast jeden Juli-Sam­stag winke ich ihnen zu, wenn sie hupend in die Ferien weg­fahren. Oder wenn sie mit ihren Rol­lkof­fern fröh­lich grüssend zum Bahn­hof rat­tern, um den Ferien­flieger zu erwis­chen. «So fahret denn wohl!», möchte man ihnen zurufen.

Mich beschäftigt die Frage, warum fahren alle aus­gerech­net in der schön­sten Zeit des Jahres weg? Bleibt doch hier! Jet­zt kann man abends lange draussen sitzen. Wenn schon, sollte man im Novem­ber in wärmere Gefilde reisen, um dem Hochnebel zu ent­fliehen.

 

Weshalb aus­gerech­net jet­zt in den unerträglich heis­sen Süden fahren, wo man die Sprache nicht kann, die Speisekarte nicht kapiert, sich mit «bir­ra!»- und «burro!»-Bestellungen zum Touris­ten-Esel macht? Denn wer weiss schon, dass «bur­ro» in Ital­ien zwar But­ter heisst, wer aber in Spanien zum Früh­stück «bur­ro» bestellt, einen Esel ordert? Alles ist schwierig, Fet­tnäpfchen und Missver­ständ­nisse lauern an jed­er Ecke. Ferien kön­nen ganz schön anstren­gend sein!

Sie merken, ich übertreibe in mein­er Darstel­lung. Vielle­icht bin ich nur eifer­süchtig auf jene, die jet­zt am Meer­esstrand liegen. Kroa­t­ien! Toscana! Sar­dinien! Da möchte ich auch wieder mal hin. Und dann wäre es mir völ­lig egal, ob ich mir zum Früh­stück einen Esel oder But­ter bestelle.

Das Meer muss warten. Mor­gen begin­nen zwar meine Ferien. Ich bleibe jedoch als Stro­hwitwer zuhause, liege hin­ter dem Haus in einem alten Lieges­tuhl und küm­mere mich auss­chliesslich um den neuen, jun­gen Hund, die Katzen und Schild­kröten. Darauf freue ich mich!

Schöne Ferien!
Kas­par Flück­iger