Simon Burg­er sitzt seit 2013 für die SVP im Ein­wohn­errat Aarau (Bild: zVg)

Inter­view mit Staat­san­walt Simon Burg­er

Kein Winkelried der Gerechtigkeit

6. Feb­ru­ar 2020 | News

Der Prozess gegen den Hoch­seilartis­ten Fred­dy Nock hat ihn für kurze Zeit ins nationale Ram­p­en­licht gerückt: Simon Burg­er ist der lei­t­ende Staat­san­walt der Bezirke Zofin­gen und Kulm. Im Gespräch äussert sich Burg­er über seinen Umgang mit schw­eren Gewalt­de­lik­ten, milde SVP-Richter und die Frage, ob die Men­schen bei Voll­mond tat­säch­lich häu­figer aufeinan­der los­ge­hen.

Als Simon Burg­er im ZT-Medi­en­haus ein­trifft, dem Mut­ter­haus des Lan­danzeigers, lässt er das Handy im Auto. Für eine Stunde unter­bricht er den Pikett­di­enst, damit er sich den Fra­gen im Talk stellen kann. «Wenn etwas passiert, klin­gelt es bei mein­er Kol­le­gin», sagt er. Die Tat­sache, dass er von ein­er Minute auf die andere aufge­boten wer­den kann, mache seinen Job dur­chaus span­nend, meint er. Was ist mit dem häu­fig geäusserten Vor­wurf, manche Straftäter wür­den mit Samthand­schuhen ange­fasst? Hier hat Burg­er eine dif­feren­zierte Antwort parat, wie der Talk zeigt. Das sagte der ober­ste Zofin­ger Strafer­mit­tler über …

… seinen Weg zum Staat­san­walt und seine Rolle als «Sher­iff» im Bezirk Zofin­gen
«Als klein­er Bub wollte ich schon mal Sher­iff wer­den, aber an den Staat­san­walt habe ich nicht unbe­d­ingt gedacht», sagt Simon Burg­er lachend. Er habe die üblichen Traum­berufe im Visi­er gehabt: «Mal Pilot, mal Polizist, mal Last­wa­gen­fahrer.» Ursprünglich habe er geplant, Ökonomie zu studieren. «Im Studi­um habe ich gemerkt, dass mir die Juris­terei mehr zusagt.»

… seine Auf­gabe als lei­t­en­der Staat­san­walt der Bezirke Zofin­gen und Kulm.
«Wir führen pro Jahr zwis­chen 6000 und 7000 Strafver­fahren.» Darunter sei aber viel «Krim­skrams»: «98 Prozent sind kleinere Geschicht­en; Verkehrsun­fälle, kleinere Auseinan­der­set­zun­gen und Geset­zeswider­hand­lun­gen.» Nur rund ein Prozent der Fälle seien kom­plexe Stra­fun­ter­suchun­gen, die zur -Anklage gebracht wer­den. «Das Gros der Leute ist mit diesen kom­plex­en Fällen beschäftigt.»

… die Kri­tik, die Staat­san­wälte in der Schweiz hät­ten zu viel Macht.
«Es ist so: Wir haben das ganze Arse­nal der staatlichen Gewalt in unseren Hän­den», so Burg­er. «Wir kön­nen beispiel­sweise jeman­den 48 Stun­den einsper­ren. Für uns ist das Rou­tine, dai­ly Busi­ness.» Für den, den es betr­e­ffe, sei es aber ein schw­er­er Ein­griff. Aber: «Die Straf­prozes­sor­d­nung sieht Mech­a­nis­men vor, die ver­hin­dern, dass die Macht miss­braucht wird.»

… seine Reak­tio­nen auf Gericht­surteile, die seinen Anträ­gen nicht fol­gen.
«Ich ver­ste­he mich nicht als Winkel­ried der Gerechtigkeit», sagt Burg­er. Er habe in der Regel kein Prob­lem, wenn ein Gericht eine Strafe anordne, die unter seinem Antrag liege. «Ich ziehe rel­a­tiv wenig Fälle weit­er ans Oberg­ericht. Wenn ich weit­erziehe, habe ich oft eine gute Chance, Recht zu bekom­men.»

… den Vor­wurf der Kuscheljus­tiz, der vor allem aus der Ecke von Simon Burg­ers Partei, der SVP, kommt.
Was eine gerechte Strafe sei, liege zunächst im Auge des Betra­chters. Bei einem Tötungs­de­likt finde der eine, man müsse den Täter bis ans Lebensende wegsper­ren. Der andere sage, der Tote werde nicht mehr lebendig, es genüge eine kürzere Strafe. «In der Prax­is haben wir sich­er noch Luft nach oben: Man kön­nte höhere Strafen aus­fällen, vor allem im Bere­ich der schw­eren Gewalt­delin­quenz.» 

Strafen hät­ten auch einen präven­tiv­en Aspekt: Sie sollen bessernd auf einen Straftäter ein­wirken und ver­hin­dern, dass er weit­ere Straftat­en bege­he. «Da würde ich mir manch­mal wün­schen, dass man kon­se­quenter durch­greift – vor allem bei Leuten, die immer wieder straf­fäl­lig wer­den. Dass man ihnen also nicht eine zweite, dritte, vierte und fün­fte Chance gibt. Eine zweite Chance auf jeden Fall, von mir aus auch noch eine dritte. Aber irgend­wann muss Schluss sein.»

… über spek­takuläre Fälle und den Prozess gegen Fred­dy Nock.
«Ab und zu gibt es Fälle, die höhere Wellen schla­gen.» Im Fall Nock sei die gesamte Schweiz­er Medi­en­land­schaft im Gerichtssaal vertreten gewe­sen. «Im ersten Moment schluckt man leer. Aber Medi­en­ar­beit gehört natür­lich auch zu unserem Job.»

… über die Frage, wie es im Fall Nock weit­erge­ht.
«Bei­de Parteien haben Beru­fung angemeldet. Der Fall wird ans Oberg­ericht gehen.» Jede Seite sei von ihrer Posi­tion überzeugt. Es sei grund­sät­zlich ein schwieriger Fall. «Es ste­ht Aus­sage gegen Aus­sage. Es geht um Indizien. Da ist in bei­den Rich­tun­gen alles möglich.»

… über sein Amt als Ein­wohn­errat von Aarau – und die Frage, wie er die Poli­tik von seinem Amt tren­nt.
«Fast alle Jus­tiz­funk­tionäre – seien es Richter, seien es lei­t­ende Staat­san­wälte – sind in ein­er Partei. Wir wer­den gewählt, vom Volk oder vom Grossen Rat. Da spielt der Parteien­pro­porz eine gewisse Rolle.» Ander­er­seits stelle er fest, dass die Parteizuge­hörigkeit in der täglichen Arbeit keine grosse Rolle spiele. Thomas Han­s­jakob beispiel­sweise, der ehe­ma­lige lei­t­ende Staat­san­walt des Kan­tons St. Gallen, sei dur­chaus ein­er gewe­sen, der zwis­chen­durch «den Zwei­hän­der aus­gepackt hat». «Er war in der SP, was man gar nicht erwartet hätte.» Umgekehrt kenne er SVP-Richter, die eher auf der «milderen Seite unter­wegs sind».

… über das Gerücht, dass sich Krim­i­nalfälle bei Voll­mond häufen.
Er sel­ber glaube eigentlich nicht an solche Dinge. Aber: «Ich habe auch schon fest­gestellt, dass die Leute bei Voll­mond aggres­siv­er sind.»

ZVG

Zur Person

Simon Burg­er (1975) ist in Men­ziken AG aufgewach­sen. Er besuchte das Wirtschafts­gym­na­si­um in Aarau und studierte an der Uni­ver­sität St. Gallen Rechtswis­senschaft. Nach dem Studi­um erwarb er das Anwaltspatent und war zwis­chen 2002 und 2007 Unter­suchungsrichter bei der Staat­san­waltschaft St. Gallen. Dort über­nahm er 2007 die Leitung des Bere­ichs schwere Gewalt- und Sex­u­alde­lik­te. Seit 2011 ist er lei­t­en­der Staat­san­walt der Bezirke Zofin­gen und Kulm. Simon Burg­er engagiert sich auch poli­tisch: 2005 trat er der SVP bei und war von 2008 bis 2010 im Vor­stand der SVP St. Gallen. Seit 2013 sitzt er für die Volkspartei im Ein­wohn­errat Aarau. Eines sein­er Hob­bys ist das Fis­chen.