Mari­anne Wehrli, LL.M Rechts­an­wältin

Lohn­kür­zung bei vor­ge­zo­genen Ferien?

Von | 24. Oktober 2017 | Rat­geber Recht

FRAGE | Einer meiner Ange­stellten bekniete mich gera­dezu, im Sommer für fünf Wochen nach Ame­rika ver­reisen zu dürfen. Obschon dies aus betrieb­li­chen Gründen ungünstig war, gewährte ich ihm diesen Wunsch. Kaum zurück, legte mir mein Mit­ar­beiter seine Kün­di­gung per Ende Oktober auf den Tisch. Als ich ihm sagte, dass ich ihm die zu viel bezo­genen Feri­en­tage vom letzten Lohn abziehen werde, hielt er mir einen Artikel aus einem Kon­su­men­ten­ma­gazin unter die Nase, wonach ich dazu nicht berech­tigt sei. Ist das tat­säch­lich so?

ANTWORT | Nein. Gemäss Art. 329c Abs. 2 OR bestimmt der Arbeit­geber den Zeit­punkt der Ferien. Er nimmt auf die Wün­sche seiner Ange­stellten Rück­sicht, solange keine Inter­essen des Unter­neh­mens dem Feri­en­bezug ent­ge­gen­stehen. Damit trägt der Arbeit­geber grund­sätz­lich auch das Risiko zu viel Lohn auszubezahlen,wenn er einem Arbeit­nehmer gestattet, Feri­en­tage vor­zu­be­ziehen. Unter den Rechts­ge­lehrten ist umstritten, ob ein Arbeit­nehmer ver­pflichtet werden kann, den Lohn für zu viel bezo­gene Feri­en­tage zurück­zu­be­zahlen. Es scheinen sich aber ver­schie­dene Fall­typen her­aus­zu­kris­tal­li­sieren: Hat der Arbeit­geber die Ferien aus betrieb­li­chen Gründen ange­ordnet (z. B. Betriebs­fe­rien oder wegen schlechter Auf­trags­lage), kann er den Lohn nicht zurück­ver­langen. Ist der Vor­bezug der Ferien jedoch auf Wunsch des Arbeit­neh­mers erfolgt, hängt die Frage der Lohn­kür­zung davon ab, von wem die Kün­di­gung aus­ging.

In der Ver­ein­ba­rung des Feri­en­vor­be­zugs ist still­schwei­gend auch die Abma­chung ent­halten, das Arbeits­ver­hältnis von beiden Seiten min­des­tens bis zur Abtra­gung der «Feri­en­schuld» fort­zu­setzen. Hätten Sie als Arbeit­geber vor­zeitig gekün­digt, stünde Ihnen keine Rück­ver­gü­tung zu wenn Sie diese still­schwei­gende Abma­chung ver­letzten. Kün­digt jedoch der Arbeit­nehmer, muss er den Lohn für zu viel bezo­gene Feri­en­tage zurück­be­zahlen.

Rechts­fragen können gestellt werden an:

Mari­anne Wehrli, Rechts­an­wältin, Lau­ren­zen­vor­stadt 79, Post­fach 4227, 5001 Aarau
E-Mail: ratgeber@anwaltsbuero-wehrli.ch