Ratgeber Recht

Marianne Wehrli | Ratgeber Recht | Der Landanzeiger
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Marianne Wehrli, LLM Rechtsanwältin

Besuchsrecht: Ab wann entscheiden Kinder?

Frage | Ich lebe seit drei Jahren von der Mutter meiner zwölfjährigen Tochter getrennt. Das Besuchsrecht klappte nie gut und seit einem halben Jahr kommt meine Tochter sehr widerwillig zu mir. Lieber verbringt sie ihre Zeit mit ihren Freunden oder beim Sport. Über die Weihnachtsfeiertage war es wieder einmal ganz schlimm und meine Tochter sagte mir geradeaus, sie dürfe selbst entscheiden, wann sie zu mir kommen wolle. Ich hätte ihr nichts vorzuschreiben. Von meiner Ex-Frau kann ich leider keine Unterstützung erwarten. Darf meine Tochter mit 12 Jahren wirklich schon selbst entscheiden, ob sie mich besuchen will?

Antwort | Nein, das darf sie nicht. Solange Kinder unmündig sind, und damit bis zu ihrem 18. Geburtstag, entscheiden die Eltern mit Rücksicht auf das Kindeswohl, wann sie sich bei welchem Elternteil aufhalten. Natürlich ist das eine sehr stark vereinfachte Antwort auf Ihre Frage, aber rechtlich ist sie korrekt. Leben die Eltern nicht mehr zusammen, ist der obhutsberechtigte Elternteil (bei dem das Kind zur Hauptsache wohnt) verpflichtet, die Beziehung zwischen dem Kind und dem anderen Elternteil zu fördern und das Kind positiv auf die Kontakte vorzubereiten. Minderjährige Kinder müssen die Anordnungen ihrer Eltern über das Besuchsrecht befolgen.

Natürlich sollen Eltern auf Wünsche ihrer Kinder angemessen Rücksicht nehmen. Das Kind muss aber wissen, dass die Besuche kein Wunschkonzert sind, sondern die Eltern die Kontaktregelung in seinem Interesse vereinbarten oder ein Gericht sie anordnete. Gerade wenn Eltern stark zerstritten sind und sich beim Kontaktrecht nicht unterstützen, kann das Kind in einen Loyalitätskonflikt geraten und den Eindruck erhalten, sich für den einen und somit gegen den anderen Elternteil entscheiden zu müssen. Das Kind versucht diesem Konflikt mittels Kontaktabbruch aus dem Weg zu gehen. Die Verweigerung des Kontakts ist dann kein Ausdruck der Selbstbestimmung des Kindes, sondern seiner echten Notlage.

Rechtsfragen können gestellt werden an: Marianne Wehrli, Rechtsanwältin, Laurenzenvorstadt 79, Postfach 4227, 5001 Aarau,
E-Mail: ratgeber@anwaltsbuero-wehrli.ch