Stirbt die Zirkusszene aus?

Von | 23. Mai 2019 | Gedan­ken

Als gros­ser Zir­kus­fan bin ich geschockt über das Aus des Tra­di­ti­ons­zir­kus Nock, obschon ich von den Schwie­rig­kei­ten schon seit län­ge­rer Zeit weiss. Dass es die Zir­kus­se heut­zu­ta­ge nicht ein­fach haben, wuss­te ich natür­lich. Aber dass es so weit kommt, dass der zweit­gröss­te Schwei­zer Zir­kus nach über 150 Jah­ren nicht mehr exi­stie­ren kann, ist höchst bedenk­lich. Die Leu­te kon­su­mie­ren offen­bar lie­ber Elek­tro­nik. Sind Live-Kün­ste nicht mehr gefragt?

In der moder­nen Gesell­schaft wirkt ein Zir­kus offen­bar immer mehr wie ein Fremd­kör­per. Noch nie steck­te die Zir­kus­bran­che  in einer sol­chen Kri­se wie heu­te. Dabei zählt mei­nes Erach­tens ein Zir­kus zum Kul­tur­gut. Und gera­de der Kan­ton Aar­gau war da füh­rend. Ein Zir­kus besteht seit je aus   Arti­sten, Clowns und Tie­ren. Der arti­sti­sche Bereich funk­tio­niert noch bei den mei­sten Zir­kus­sen. Die Arti­sten und Arti­stin­nen wir­ken unter der Zir­kus­kup­pel sexy und das wie­der­um ist vie­len ein Dorn im Auge. Sie sähen es wohl lie­ber, wenn die Arti­sten sich zuge­knöpft zei­gen. Längst abge­schafft wur­den die Num­mern­girls. Waren sie viel zu sexy? Dann kommt ein wei­te­rer Aspekt hin­zu. Offen­bar steckt auch die Clown­sze­ne in einer Kri­se. So müs­sen in die­sem Jahr, im Jubi­lä­ums­pro­gramm des Zir­kus Knie, sogar Mike Mül­ler und Vik­tor Jac­cob­bo ein­sprin­gen, obschon sie gar kei­ne klas­si­schen Clowns sind. Und dann kämen wir noch zu den Tie­ren. 

Die radi­ka­len Tier­schüt­zer wol­len die­se schon lan­ge ganz aus den Zir­kus­sen ent­fer­nen, was ihnen teil­wei­se schon gelun­gen ist. Dabei haben die gros­sen Schwei­zer Zir­kus­se wie Knie oder Nock immer sehr gut zu den Tie­ren geschaut. Da sind abso­lu­te Spe­zia­li­sten am Werk, die die Tie­re lie­ben und ihr Hand­werk ver­ste­hen. Ich fra­ge mich, ob eine ein­stu­dier­te Pfer­de­num­mer dem Tier wirk­lich scha­det. Ich glau­be, dass es die­sen auch gefällt. Sie spü­ren doch die Begei­ste­rung des Publi­kums. Der Land­an­zei­ger hat seit vie­len Jah­ren eng mit dem Cir­cus Nock zusam­men­ge­ar­bei­tet und die Leser durf­ten davon pro­fi­tie­ren. Ich per­sön­lich bin ein gros­ser Zir­kus­fan. Nun muss ich mich ernst­haft fra­gen, ob ich ein Mensch von gestern bin? Wir leben in einer Zeit, in der das Ange­bot an Unter­hal­tung immens ist. Da fin­det offen­bar die Zir­kus­sze­ne kaum mehr Platz. Das ist beson­ders bedau­er­lich, hat­ten doch die Schwei­zer Zir­kus­se all­ge­mein einen guten Ruf.  Tat­sa­che ist aber nun mal, dass immer weni­ger Leu­te einen Zir­kus besu­chen. Die Besu­cher sind bekannt­lich der Nähr­bo­den.

Die Grün­de der Kri­se lie­gen wohl kaum in der Qua­li­tät, denn die Pro­gram­me, die bei­spiels­wei­se der Cir­cus Nock in den letz­ten Jah­ren prä­sen­tier­te, waren alle­samt sehens­wert. Im «Nock» waren zuletzt jun­ge, inno­va­ti­ve Frau­en am Werk, die nun das Hand­tuch wer­fen muss­ten. Das ist bit­ter.