Natio­nal­rä­tin Yvon­ne Feri sprach zu den anwe­sen­den Gästen im Stauf­fer­haus (Bild: Mara Michel)

Infor­ma­ti­ons­abend der SP Unter­ent­fel­den «Sozi­al­hil­fe im Fokus»

Wem stellt man in Sachen Armut und Sozialhilfe die Schuldfrage?

13. Sep­tem­ber 2018 | News

«Stellt man die Schuld­fra­ge über­haupt noch auf den Sozi­al­äm­tern?» woll­te ein Herr aus dem Publi­kum wis­sen. Getu­schel folg­te. Natio­nal­rä­tin Yvon­ne Feri, wel­che die Anwe­sen­den nicht nur über das The­ma ins Bild setz­te, son­dern auch gedul­dig Rede und Ant­wort stand, liess sich von die­ser Fra­ge nicht beir­ren.

«Eine berech­tig­te und wich­ti­ge Fra­ge!», nick­te sie ver­ständ­nis­voll. Ein lei­di­ges The­ma, das nie ver­schwin­den wird, die Fra­ge nach Schuld und Ver­ant­wor­tung. Klar gebe es Leu­te, die sich gehen las­sen, Jugend­li­che, die die Schu­le schwän­zen, ohne die finan­zi­el­len Mit­tel Kin­der zeu­gen, Alko­hol- oder Dro­gen­ab­hän­gig sei­en. «Aber wis­sen Sie», ver­such­te Feri zu erklä­ren, «es gibt sol­che, die kön­nen nicht anders. Es ist nicht immer nur feh­len­der Wil­le das Pro­blem.»

Die intrinsi­sche Moti­va­ti­on sei nun mal nicht bei allen Men­schen glei­cher­mas­sen aus­ge­prägt. Das System der Sozi­al­hil­fe wis­se sich hier aber schon zu hel­fen. «Man arbei­tet hier mit Kür­zun­gen. Man kann Kur­se auf­er­le­gen oder ande­re wie­der­ein­glie­dern­de Mass­nah­men anord­nen. Wei­gert sich der oder die Bezü­ge­rin, dem nach­zu­kom­men, wird ein Drit­tel der Sozi­al­hil­fe gestri­chen.» Eine ein­schnei­den­de Mass­nah­me, wenn man bedenkt, dass der durch­schnitt­li­che Sozi­al­hil­fe­bei­trag für eine allein­ste­hen­de Per­son nach Abzug von Kran­ken­kas­se und Wohn­ko­sten noch Fr. 960.– beträgt.

Alar­mie­ren­de Zah­len

Auch wenn Armut in der Schweiz nicht mit der Armut in Afri­ka ver­gleich­bar ist – Armut zer­stört Leben. In Armut zu leben bedeu­tet in der Schweiz, kei­nen aus­rei­chen­den Lohn zu haben, um den Lebens­un­ter­halt zu bestrei­ten, sich kei­nen ange­mes­se­nen Wohn­raum finan­zie­ren zu kön­nen und mei­stens geht der Anschluss zur Gesell­schaft ver­lo­ren. Armut fin­det zudem meist im Ver­bor­ge­nen statt. Aktu­ell sind in der Schweiz 1.2 Mil­lio­nen Men­schen von Armut betrof­fen. Anders gesagt – jeder sieb­te Mensch. Ein Vier­tel davon ist min­der­jäh­rig. 140’000 davon sind soge­nann­te «working poor», also Men­schen, die min­de­stens einen Job haben, aber nicht genug Geld ver­die­nen, um damit ihren Lebens­un­ter­halt zu bestrei­ten. «Wobei wir wie­der bei der Schuld­fra­ge wären», erklär­te Natio­nal­rä­tin Feri. «Hier liegt die Ver­ant­wor­tung ein­deu­tig bei den Fir­men.»

Aller­dings sei dies ein Knack­punkt. Die Wirt­schaft und die Gesell­schaft müss­ten dies­be­züg­lich sen­si­bi­li­siert wer­den. «Die­ses Pro­blem hät­te man zum Bei­spiel mit einem gesetz­li­chen Min­dest­lohn lösen kön­nen.» Scheu­klap­pen trägt sie den­noch nicht: «Es ist ein kom­ple­xes The­ma. Ich ver­ste­he die Gegen­ar­gu­men­te im The­ma Min­dest­lohn sehr gut.»

Kampf gegen Wind­müh­len durch Föde­ra­lis­mus

Dass es auf eid­ge­nös­si­scher Ebe­ne kein Sozi­al­hil­fe­ge­setz gibt, erschwert die Situa­ti­on. Auch wenn die Kom­pe­tenz bei den Kan­to­nen liegt, die schluss­end­li­che Aus­füh­rung pas­siert auf kom­mu­na­ler Ebe­ne. Das soll­te eine eng­ma­schi­ge­re Betreu­ung der betrof­fe­nen Per­so­nen bedin­gen, ist aller­dings rela­tiv rea­li­täts­fern. Eigent­lich wäre beim Bezug von Sozi­al­hil­fe eine Bera­tung inklu­si­ve. Dies kann längst nicht mehr in allen Gemein­den gewährt wer­den. «Sozi­al­ar­bei­ter haben eine hohe Dos­sier­be­la­stung. Es gibt aber auch Gemein­den, die kei­ne Sozi­al­ar­bei­ter beschäf­ti­gen, und ande­re Per­so­nen noch mehr Ver­ant­wor­tung über­neh­men müs­sen. Manch­mal sogar aus­ser­halb ihrer eigent­li­chen Kom­pe­tenz», schil­dert Yvon­ne Feri die Situa­ti­on. Dabei wären Sozi­al­ar­bei­ter ein poten­ti­el­ler Weg­wei­ser in der ver­wor­re­nen Situa­ti­on: «Prä­ven­ti­on wäre so wich­tig. Kin­der, die in Armut auf­wach­sen, sind dazu prä­de­sti­niert, als Erwach­se­ne eben­falls finan­zi­el­le Pro­ble­me zu haben. Es gilt die­sen Teu­fels­kreis zu durch­bre­chen. Mit Bil­dung, Haus­auf­ga­ben­hil­fe, Frei­zeit­ge­stal­tung.» Aber auch hier ist die Umset­zung Sache der Gemein­de. «Gut aus­ge­bil­de­te Sozi­al­ar­bei­ter sind ein gros­ser Gewinn für jede Gemein­de», beton­te sie.

Am Ende des von der SP Unter­ent­fel­den orga­ni­sier­ten Anlas­ses, war allen Anwe­sen­den klar, die Schuld­fra­ge wer­den sie heu­te nicht mehr klä­ren. Doch macht­los sei man nicht. «Seid soli­da­risch, ver­ständ­nis­voll. Helft ein­an­der. Gesell­schaft­li­cher Zusam­men­halt ist wich­tig», for­der­te Feri auf. Beim anschlies­sen­den Apé­ro tausch­te man sich ange­regt über das Gehör­te aus.

MARA