Wir sind immer noch Eisenbahnweltmeister

Von | 12. Sep­tem­ber 2019 | Gedan­ken

«Fah­ren Sie auch nach Tri­en­gen», frag­te mich ein älte­rer Mann, als wir gemein­sam aus der WSB in Schöft­land aus­stie­gen und zum Bus lie­fen. Noch bevor ich ant­wor­ten konn­te, begann er mir die Eisen­bahn­ge­schich­te die­ses Tals zu erzäh­len. «Tat­säch­lich scha­de, dass die ein­sti­gen Plä­ne nie umge­setzt wur­den», den­ke ich mir. Denn statt im Zug nach Tri­en­gen, sit­zen wir nun im Bus und «genies­sen» die rund zwan­zig­mi­nü­ti­ge Fahrt über Land. 17 Hal­te­stel­len spä­ter sind wir auch in Tri­en­gen.

Beim Spa­zier­gang Rich­tung Bahn­hof schwei­fen mei­ne Blicke übers schö­ne Su(h)rental. Es ist ruhig hier an die­sem Don­ners­tag­nach­mit­tag. Zum Glück. Es hät­te auch anders kom­men kön­nen. Hät­te die Poli­tik vor 100 Jah­ren «vor­wärts gemacht», wür­den heu­te die Schnell­zü­ge – auch die von Ham­burg nach Rom – durchs Su(h)rental rat­tern. Frü­her zwei­mal pro Tag, spä­ter im Stun­den- und heu­te wohl im Minu­ten­takt.

Die SBB bekommt zur­zeit auch im Minu­ten­takt Haue, und zwar von allen Sei­ten. Über­füll­te Züge, Ver­spä­tun­gen, man­geln­der Unter­halt, Per­so­nal­not­stand, fal­sche Ein­kaufs­po­li­tik und feh­len­des Sach­ver­ständ­nis wer­den SBB-Chef Andre­as Mey­er unter ande­rem vor­ge­wor­fen. Nun hat er genug. Vor weni­gen Tagen ver­kün­de­te er sei­nen Rück­tritt.

Blickt man ins Aus­land, so kämp­fen auch die Bah­nen in unse­ren Nach­bar­län­dern mit gros­sen Pro­ble­men. Misst man die Ver­spä­tun­gen der SBB noch in Minu­ten, so müs­sen in Ita­li­en, Frank­reich oder Deutsch­land längst grös­se­re Zeit­ein­hei­ten her­hal­ten. Die schwe­di­schen Züge sind gar die unpünkt­lich­sten in ganz Euro­pa.

Ich muss jeweils schmun­zeln, wenn SBB-Kri­ti­ker das Bei­spiel Japan her­an­zie­hen. Im Land der unter­ge­hen­den Son­ne wür­den die Ver­spä­tun­gen in Sekun­den und nicht in Minu­ten gemes­sen. Ihre Hoch­ge­schwin­dig­keits­zü­ge wür­den die Gross­städ­te pan­nen­frei und pünkt­lich errei­chen, wird wei­ter argu­men­tiert.

Schön für Japan, doch ich lebe in der Schweiz. Unse­re Bun­des­bahn ver­bin­det Zen­tren mit Regio­nen und Städ­te mit Berg­dör­fern. Und sie trans­por­tie­ren Men­schen und Güter. Das ist nicht gra­tis, aber sehr wert­voll.

In unse­rem Land ist Bahn­fah­ren immer noch ein Erleb­nis. Zuge­ge­ben, nicht immer nur ein posi­ti­ves. Trotz­dem bin ich froh, dass mich die SBB von Schöft­land nach Tri­en­gen trans­por­tiert, auch wenn es zwi­schen die­sen bei­den Ort­schaf­ten gar kei­ne Schie­nen gibt.